Stadt, Wohnen trotz München

„Mehr Menschen – weniger Latte Macchiato“

Jan Rauschning-Vits

Don't worry, look shabby!
Trägt seit kurzem Schnauzer
Jan Rauschning-Vits

Heute Abend gab es in der Pestalozzistraße eine Demonstration des Aktionsbündnis ‚Bellevue di Monaco‘. Mehrere Hundert Menschen kamen, um neben Redebeiträgen von Politikern und Prominenten auch ein kulturelles Programm zu sehen. Ziel war es, gegen den geplanten Abriss des seit 2009 leerstehenden Gebäudes zu demonstrieren.

‚Goldgrund‘ ist mittlerweile fast jedem in München ein Begriff. Die Aktivisten, die sich anfangs als Immobilienbüro ausgaben, haben sich, auch Dank ihrer Prominenten Mitglieder und Unterstützer, in den Fokus der Münchner Öffentlichkeit protestiert. Unvergessen sind beispielsweise die Besetzung eines Hauses aus der Gründerzeit in der Pilotystraße vor genau einem Jahr, bei der sie für Renovierung und gegen Abriss und Leerstand protestierten.

Das Aktionsbündnis ‚Bellevue di Monaco‘, bestehend aus ‚Goldgrund‘ und mehreren Flüchtlingsaktivisten, hat nun eine Idee, wofür die vielen leeren Wohnung in München nutzen kann. Für die Unterbringung von Flüchtlingen.

So zum Beispiel mitten in der Innenstadt: Ein seit mehreren Jahren leer stehendes Haus in der Pestalozzistraße, Ecke Blumenstraße. Die Stadt will das Haus abreißen, da es von „Schimmel befallen“ und „marode“ sei. Blödsinn, meint ‚Goldgrund‘. Gut 1,2 Millionen Euro würden für eine grundlegende Renovierung reichen, zitieren die prominenten Demonstranten einen Gutachter. Rund 6 Millionen hält dagegen das Kommunalreferat für nötig.

Seit dem Beginn der öffentlichen Diskussion über den Leerstand in unserer Stadt, wird viel über Sinn und Unsinn in Sachen Sanierung und Neubau diskutiert. 1200 Wohnung im Besitz der Stadt stehen leer, gestand Anfang Januar Dieter Reiter bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Wohnungsnot im Audimax der LMU.

 (Matthias Weinzierl spricht zu den Demonstranten in der Pestalozzistraße)

„Wichtig ist nicht nur die reine Unterbringung in irgendwelchen Lagern und Containern weit außerhalb des Stadtgebiets, sondern die Nutzung von Optionen in lebendigen Vierteln“, sagte Matthias Weinzierl vom bayerischen Flüchtlingsrat, der zusammen mit ‚Goldgrund‘ das neue Aktionsbündnis ‚Bellevue di Monaco gegründet hat. Hierfür würde sich das Haus in der Pestalozzistraße perfekt eigenen. Auch andere leerstehende, städtische Wohnungen würden mit nur ein bisschen Aufwand zu wesentlich besseren Unterkünften werden, als Zelte und alte Kasernen, so Weinzierl. Er ist der Meinung, dass sich Flüchtlinge gerade in den hyper gentrifizierten Vierteln der Stadt gut machen würden. Dies würde „Mehr Menschen“ und „weniger Latte Macchiato“ bedeuten.

Doch die Mühlen in der bayerischen Landeshauptstadt mahlen besonders langsam. Um einen Sanierungsplan auszuarbeiten, veranschlagt das Kommunalreferat drei Monate. Ein Antrag, um zum Beispiel ehemalige Gewerbeflächen zu neuen Wohnflächen umschreiben, dauert auch mal zwei Jahre. Selbst Oberbürgermeister Dieter Reiter musste im Januar zugeben, dass München damit Schlusslicht im Bundesgebiet ist.

(Auch dieses Mal waren einige Promis da und lasen Erlebnisberichte von jungen Flüchtlingen vor. Hier Frank-Markus Barwasser aka Erwin Pelzig)

Es zeichnet sich allerdings Bewegung in den Konflikten um den städtischen Leerstand an. Wie die Organisatoren der Demonstration am heutigen Abend verkündeten, ist der Oberbürgermeister bereit zu Gesprächen mit dem Aktionsbündnis. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Austausch die Situation der Flüchtlinge in München und auch die der vielen Wohnungssuchenden verbessern wird und ob Flüchtlinge in der Innenstadt ähnliche Vorbehalte bei den Anwohnern hervorrufen wird, wie um die Bayernkaserne zu beobachten war.

 

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons