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Meine Halte: Mangfallplatz – Wo die Welt noch in Ordnung ist

Im Edeka nicken mir die Verkäufer zu. Sie kennen mich, obwohl ich erst seit November hier wohne. An einer Haltestelle, die nicht weit entfernt liegt von Einfamilienhäusern und einem kleinen Park mit spielenden Kindern. Dahinter erstreckt sich schier endlos der Perlacher Forst. Wäre da nicht die große Peter-Auzinger-Straße und die Haftanstalt für Frauen, würde ich mich rund um den Mangfallplatz fühlen wie in einem kleinen, beschaulichen Dorf in Oberbayern. Mein Mitbewohner sagt lieber: „Die nördlichste U-Bahn-Haltestelle Italiens“, wahlweise auch „Das Tor zum Süden“.

Gutmütigkeit oder ausgeprägtes Helfersyndrom?

„Mein Mitbewohner“ – das ist eigentlich nicht ganz richtig. In Wirklichkeit bin ich seine Mitbewohnerin. Noch besser: Bewohnerin seines Wohnzimmers. Zwischen seinem Fernseher, seiner X-Box und seiner Couch liegt meine Matratze auf dem Boden. Ein paar Klamotten auf einer Kleiderstange, meine Lieblingsbücher auf der Fensterbank, ein Haufen zerfledderter Zeitungen auf dem Boden – mehr ist es nicht. Mehr wird es nicht.

Schon in Kindheitstagen waren mein Mitbewohner und ich befreundet. Weil wir das immer noch sind, hat er sich erbarmt, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer in München kläglich gescheitert war. Für ein, zwei Wochen könne ich schon in seinem Wohnzimmer schlafen. Was soll ich sagen – inzwischen sind es sieben Monate. Denn nach dem ersten Praktikum, da kam ein Neues und dann wieder eins. Ob aus Gutmütigkeit oder wegen eines ausgeprägten Helfersyndroms – er gewährt mir zu meinem Glück weiterhin Obdach.

Ein besserer Mensch sein

Generell will er die Welt zu einem bessern Ort machen. Zumindest München, zumindest die Menschen rund um den Mangfallplatz. Ich bin mir sicher, dass ihn auch das Dorfleben geprägt hat. Das zeigt sich immer wieder in unserem gemeinsamen Alltag.

Wenn wir zusammen zum Supermarkt gehen, dann nie an der Hauptstraße entlang, sondern durch die kleinen Straßen, vorbei an Häusern, in denen scheinbar nur glückliche Familien wohnen. Aber das reicht nicht. Für eine dörfliche Nachbarschaft ist es nämlich wirklich, wirklich wichtig, dass man einander grüßt. Wann immer uns jemand begegnet, grüßt mein Mitbewohner – kein Scherz. Und: Nur Zunicken ist zu unpersönlich, besser „Guten Tag“ sagen.

Die Stadt zu einem besseren Ort machen

Dann passiert immer das Gleiche: Die Angesprochenen starren meinen Mitbewohner perplex an. Nach ein paar Sekunden Schockstarre, beginnt das Gehirn wieder zu arbeiten, die Mundwinkel verziehen sich zu einem kleinen Lächeln und ein leises „Hallo“ ist zu hören.

Die Angesprochen sind schon längst um die nächste Straßenecke gebogen, da freut sich mein Mitbewohner noch immer wie ein kleines Kind. Weil er mal wieder seinem pädagogischen Anspruch gerecht geworden ist. Weil er jemandem den Tag versüßt hat. Weil man das im Dorf halt einfach so macht. Und rund um den Mangfallplatz? Da macht man das auch.

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