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Meine Halte: Stegener Weg – Die Welt vor der Haustür

Anton Kästner

Er ist nur eine unscheinbare Trambahn-Haltestelle, aber als Tor zur Welt steht der „Stegener Weg“ den großen Flughäfen in nichts nach. Einen wichtigen Unterschied gibt es aber doch: Wer die Welt sehen will, der muss hier nicht einsteigen, sondern aussteigen.

Es ist ein spektakulär unromantischer Ort, an dem das Wartehäuschen steht, keine Verkehrsinsel, aber mindestens eine Verkehrs-Steilküste, umspült von der Brandung der Lindauer Autobahn. Habe ich diesen – dann doch angenehm schmalen – lauten Ozean allerdings einmal überquert, kann die Weltreise losgehen. Der Westpark ist 1983 für die Internationale Gartenausstellung entstanden, die internationale Atmosphäre hat sich der Park bis heute bewahrt.

Über Österreich nach Asien

Schon nach wenigen Schritten habe ich die erste Grenze überquert, finde mich in Wien wieder, kann die künstlerische Architektur von Friedensreich Hundertwasser bewundern und brauche dafür nicht einmal einen negativen Coronatest – was für ein Luxus in diesen Zeiten! Immer am See entlang dauert es danach keine fünf Minuten und ich bin in Asien angekommen, zur Linken die Nepal-Pagode, deren Holzbalken für die Internationale Gartenausstellung Anfang der 1980er-Jahre aus den nepalesischen Wäldern mit Lkws und Frachtschiff nach München transportiert wurden. Der Transport war wohl gleichzeitig ein spektakulärer Drogenschmuggel – nicht die einzige mysteriöse Geschichte im Zusammenhang mit dem Bauwerk. Direkt neben der Pagode ist der chinesische „Garten von Duft und Pracht“, zur Rechten die in letzter Zeit vielfotografierte Thai-Sala und der japanische Garten.

Jetzt könnte ich weiterlaufen, vorbei an einem original alten Bauernhaus, das ursprünglich im Bayerischen Wald stand und auf der anderen Parkseite auf einen Glühwein oder Pommes im Café „Gans am Wasser“ vorbeischauen. Ich kann aber auch umdrehen, Richtung Laim, mir in der Konditorei Detterbeck einen Krapfen mit Hagebuttenmarmelade holen und – sollte es bald wieder aufmachen – im Kulturcafé Steinchen dazu einen Kaffee trinken.

Urlaub in der Heimat

Meine Trambahnhaltestelle ist allerdings nicht nur ein Tor zur Welt, sondern durch die Tram Nummer 18 gleichzeitig auch ein Tor nach München. Ich muss zugeben, eilig sollte es nicht haben, wer hier einsteigt. Vorbei an der Theresienwiese und dem Hauptbahnhof, geht es über die Reichenbachbrücke bis hoch nach Giesing. Gleichzeitig ist die Fahrt aber auch eine wunderschöne Reise durch die Stadt. Dass die nämlich auch spannend sein kann, hatte ich bei aller Weltreise schon fast vergessen.


Fotos: © Anton Kästner

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