Leben

Meinung: Ein Blick auf die Körperwelten

Sebastian Huber

Viele von euch werden sich noch an den Aufschrei erinnern können, den die Körperwelten von Gunther von Hagens vor ein paar Jahren ausgelöst haben, als sie nach München kamen. Jetzt ist die Ausstellung wieder da. Was ausgestellt wird, weiß vermutlich jeder. Wir wollen versuchen zu verstehen, was in den Körperwelten eigentlich passiert.

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Freundlich bekommen wir die Pressemappe in die Hand gedrückt und betreten die kleine Olympiahalle. Kurz nach dem Eingang erwartet uns die erste Seltsamkeit: Taschen und andere Souvenirs sind mit Detailaufnahmen der Haut-Exponate bedruckt.

Auch wenn ich Lady Gagas Fleisch-Outfit ziemlich geil fand, ist das leider eine Spur zu viel für mich – klar sieht das irgendwie nach einem interessanten Muster aus, aber mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass die Tasche dort mit dem Bild eines Oberarmmuskels bedruckt ist, hat zu viel Creepigkeit für mich. Dann doch eher die Ohrringe aus Pferdepenisscheiben.

Im Kellergeschoss angelangt betreten wir die eigentliche Ausstellung und stehen erstmal ungläubig vor winzigen Glasvitrinen, in denen man menschliche Embryos zu verschiedenen Entwicklungszeitpunkten sehen kann. Weiter geht es mit plastifizierten Neugeborenen, bevor man in den Hauptteil der Ausstellung kommt, wo erwachsene Körper auf verschiedene Weisen präpariert wurden.

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Es ist interessant und vermutlich auch lehrreich, die Exponate zu sehen. Für mich persönlich gibt es aber einen gewaltigen Haken an der Sache: Die Körperwelten haben nicht nur einen wissenschaftlichen Gestus, sondern auch einen ästhetischen, pädagogischen und sogar religiösen. Warum ich diese Mischung für gefährlich halte, will ich euch jetzt erklären.

Ästhetisch wird großer Wert auf die Positionierung und Inszenierung der Plastinate gelegt – so sind die Körper als Schachspieler, Bogenschütze oder Fußballtorwart zu sehen. Natürlich lässt sich darüber streiten, ob das Gehirn, das auf die Schädeldecke der ‚Bogenschützin‘ gelegt ist, jetzt ulkig aussieht, weil es an einen überdimensionalen Dutt erinnert, oder ob es schön, weil ästhetisch erhaben, wirkt. Der komische Beigeschmack kommt hier nur auf, wenn man sich Gunter von Hagens beim Positionieren, Einspannen und Drehen der einzelnen Glieder der Körper vorstellt. Aber gut.

Was mich eher schockiert hat, war nicht etwa präparierte Körper von echten Menschen zu sehen (auch wenn das komisch ist). Erschreckend war die Art des Umgangs mit ihnen, die die Gesamtausstellung mit einer latent-subversiven Stimme als Über-Ich sprechen lässt: „Iss Gemüse, treibe Sport, rauche nicht, trink nicht und du wirst lange leben.“ Und dieses lange Leben, die Gesundheit, wird von der Stimme der Ausstellung mit Glück gleichgesetzt, was ich für einen schweren Fehlschluss halte. Ich mag es, Zigaretten zu rauchen und Alkohol zu trinken und – obwohl oder vielleicht auch weil ich mir bewusst bin, dass das meiner Gesundheit nicht gut tut – ziehe ich Genuss, eine Realisierung persönlich gewählter Freiheiten und so eine erhebliche Lebensqualität daraus. Genau das versucht einem die Ausstellung abzusprechen, indem sie Gesundheit mit Glück gleichsetzt, wofür sie schlimmerweise die Plastinate instrumentalisiert.

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Aber nun zum religiösen Teil: Im Pressegespräch mit Angelina Whalley stellt sich heraus, was sich in den Ausstellungtexten in Versform und den riesigen happy-people-stockphotos mit obligatorischem Dalai-Lama-Zitat schon angedeutet hat: Die Macher selbst sehen die Körperwelten nicht nur als ‚Anatomie für das Volk‘, sondern sie sehen in der Schönheit der (von ihnen selbst präparierten) Plastinate einen Beweis für die Existenz GOttes. Ich bin kein großer Freund dieser Wald- und Wiesen-Argumentation aka „Sieh doch die Blume, ist sie nicht schön? So etwas schönes kann nicht von alleine entstehen, sondern ein Gott muss es geschaffen haben.“ Nur weil ich die Argumentation nicht anerkenne, bedeutet das nicht, dass sie nicht berechtigt ist beziehungsweise, dass es keinen Gott gibt, ABER:

Wer den Anspruch erhebt, in einer Ausstellung wissenschaftliche Information zu übermitteln und seine Besucher zu informieren, hinter der Hand aber auch die Vermittlung von religiösen und totalitär-gesundheitlichen Ideen betreibt, der spielt mit unsauberen Mitteln und arbeitet zu tendentiös, um als Wissenschaftler, Künstler, Pädagoge oder Theologe gelten zu dürfen.

Wer die Ausstellung (trotzdem) sehen möchte und an einer Hochschule oder Uni eingeschrieben ist, dem sei geraten: Unbedingt das 2 für 1 Ticket nutzen. Damit kostet euch die Ausstellung statt schlappen 16€ ’nur‘ 8€ pro Person.

Weitere Informationen findet ihr hier: http://koerperwelten.ausstellungssommer.de/

Körperwelten
Kleine Olympiahalle

10.4. — 31.5.2014
12.6. — 5.10.2014

Freitag – Mittwoch: 10:00 – 18:00 Uhr
(letzter Einlass: 17:00 Uhr)

Donnerstag: 10:00 – 21:00 Uhr
(letzter Einlass: 20:00 Uhr)

Erwachsene 19,00 €
Kinder & Jugendliche (7-18 Jahre) 14,00 €
Studenten und ermäßigte Personen** 16,00 €

Montagsticket
Einheitspreis für Einzeltickets 13,00 €

Specials (bis 31. Mai 2014)
Studentenspecial “2 für 1” 16,00 €
(gegen Vorlage der Studentenausweise)

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