Aktuell, Kultur

Bomben, Flugzeuge und Urlaub – ein Interview mit Darren Cullen zur Ausstellung Empire Air

Wir alle haben sie bereits gesehen, die Schwarz-Weiß-Bilder-Ausstellungen über Kriegsgebiete und Kolonialzeiten. Die uns betroffen machen, aber so weit weg sind, dass wir die Gedanken daran gleich wieder ad acta legen. Der junge britische Künstler Darren Cullen hat einen Weg gefunden, diese Themen mit Sarkasmus, Humor und vor allem mit einer zeitgemäßer Darstellung in unsere Synapsen einzuschleusen.

Der gemeinnützige Kunstverein Positive-Propaganda hat den Künstler im Rahmen seines Artists-in-Residence Programms nach München geholt und feiert mit der Austellung Weltpremiere – Empire Air – The alternative travel agency. Wäre es keine Kunstausstellung, könntest du hier deinen nächsten Urlaub in Ex-Kolonien wie West-Togo oder Kamerun buchen und mit den entsprechenden Jetfightern und Militärhelikoptern ans Ziel fliegen.

Weg mit der Rosa-Brille

Als Taschengeld-Kredithai für Kinder in Banksy’s Disneyland-Parodie „Dismaland“ gelang es dem jungen Künstler, die Aufmerksamkeit des weltweiten Publikums auf sein Wirken zu ziehen. Mit Satire und leider sehr hohem Wahrheitsgehalt gibt er mehr als nur einen Fingerzeig auf die Probleme der Gesellschaft im Bezug auf Konsum- und Werbemanipulation und Militarisierung.

Seine Kunst funktioniert wie Werbung: es gibt Dinge zum Anfassen, Mitmachen, in ansprechenden Farben und Formen sowie Figuren mit Wiedererkennungswert. Das Konzept der Ausstellung: ein Reisebüro der etwas anderen Art.

Wohin die All-Inclusive Reise gehen wird, darf jeder selbst entscheiden. Fest steht jedoch, dass die Gesellschaften und Konzerne, die wir mit Urlaub verbinden, auch oft diejenigen sind, die Waffen herstellen. Gerade München hat zudem eine noch viel tiefere Verbundenheit zu den „Arbeitgebern“ der Nation und ist daher der perfekte Schauplatz für einen derartigen Weckruf. Mit überspitzten und interdisziplinären Darstellungen soll dir die rosa Brille genommen werden.

 

Im Interview hat uns der Künstler noch etwas mehr über die Ausstellung, sich und seine Motivation verraten:

Mucbook: So wie ich den Teaser für die Ausstellung verstehe, gibt es ein Reisebüro mitten in der Stadt. Was war die Idee dahinter – und wo kann ich hinreisen?

Darren Cullen: Es ist ein neokoloniales Reisebüro. Also die westlichen Imperien sind nie wirklich zu Ende gegangen, sondern haben sich in das gewandelt, was wir heute haben: Privatisierte Unternehmens-Imperien.

Im Reisebüro geht es um all die Orte, bei denen wir Westler uns berechtigt fühlen sie zu besuchen, sie auszubeuten und Ressourcen herauszuholen – und heute eben Erfahrungen. Aber es ist eine Einbahnstraße: Wir können in ihre Länder fahren und tun, was wir wollen. Aber sie dürfen nicht in unsere Länder kommen. Es geht um dieses Gefühl der Berechtigung und das Privileg, um das Imperium und auch um Waffenhandel. (lacht)

„Die gleichen Firmen, die uns erlauben dorthin in den Urlaub zu fliegen, ermöglichen es auch, dass sie zerbombt werden.“

Einige der Broschüren im Reisebüro zeigen die Länder, wo man hinfahren kann. Die tragen dann die alten, kolonialen Namen des Britischen Empires in Ostafrika, des Deutschen in Südwestafrika oder des Französischen in Nordafrika.

Es geht aber auch um den Wandel. Früher gingen wir als Europäer und Westler in die Länder des globalen Südens und haben sie erobert. Heute gehen wir da hin und nehmen all ihre Ressourcen. Außerdem ist es sehr interessant, dass viele der Firmen, welche die Transportmittel herstellen – Boeing und Airbus zum Beispiel –  auch einige der größten Waffenfabrikanten der Welt sind. Die gleichen Firmen, die uns erlauben dorthin in den Urlaub zu fliegen, ermöglichen es auch, dass sie zerbombt werden.

Es geht also um die Waffenindustrie, aber auch um die Kultur der heutigen Reisegeneration?

Ja. Leute in Grossbritannien reisen zum Beispiel in Länder, die früher britische Kolonien waren und haben keine Ahnung davon, was in unserem Namen da gemacht wurde und wie wir uns bereichert haben. Die gehen völlig ahnungslos da hin. Wenn wir in den Krieg ziehen, lassen wir den Krieg da in diesen Ländern. Der Krieg ist in deren Zuhause, nicht bei uns.

Da sehe ich eine Verbindung – beim Tourismus geht es ja auch um Kräfteverhältnisse. Es besteht ein Wohlstandsunterschied. Für uns ist es billig, diese Orte zu besuchen – und ebenso entsteht ein Imperium durch ein solches Ungleichgewicht.

Der Westen hat das Geld, um in diese Orte zu investieren, sie zu entwickeln und westlicher zu machen. Das ist aber eine Einbahnstraße.

„Es herrscht eine tiefe Amnesie in der westlichen Gesellschaft“

Darren Cullen zeigt eines seiner Ausstellungsmodelle                    © Jan Krattiger

Und es ist ja auch ganz leicht, in ehemalige Kolonien zu fahren: Da sprechen die Leute unsere Sprache, die Straßenschilder sind verständlich – also hat der Imperialismus den Weg bereitet für den heutigen Tourismus?

Absolut. Ich war vor ein paar Jahren in Hong Kong, da haben sie zum Beispiel die selben Steckdosen wie in Großbritannien. So tief geht das.

Ich finde, es herrscht eine tiefe Amnesie in der westlichen Gesellschaft zu diesem Thema. In Britannien weiß zum Beispiel kaum einer Bescheid über die Hungersnöte, die das Empire in Indien ausgelöst hat. Deutsche Freunde erzählen mir, dass in der hiesigen Geschichte der Zweite Weltkrieg natürlich eine wichtige Rolle spielt, aber dass kaum ein Bewusstsein besteht für die Kolonialgeschichte. Es ist als ob wir das Privileg haben, diese Dinge zu vergessen.

Und du willst die Münchner aus diesem Schlaf wecken?

(lacht) Ich will ihnen einen kleinen Stoß in die Rippen geben.

Kannst du uns noch verraten, was noch zu sehen sein wird?

Gerade wird hier ein Video fertig, das Leute zeigt die in einem Boeing-Flugzeug in den Urlaub fliegen. Und aus Bequemlichkeit laden sie auch gleich die Bomben ein, damit sie unterwegs abgeworfen werden können. Das spart quasi zwei Reisen ein. Solche Dinge (lacht).

„Ich bin wütend, aber aus frustriertem Optimismus“

Deine Arbeit ist immer ein bisschen wütend auf die Menschheit. Glaubst du noch an uns?

Ja, natürlich. Deswegen bin ich wütend. Ich denke nicht, dass Menschen von Grund auf egoistisch, grausam oder auch gewalttätig sind. Die Systeme, die quasi über uns drüber gestülpt wurden – Rassismus, Sexismus, Militarismus, Patriotismus, Nationalismus – steuern Menschen zu egoistischen und grausamen Taten. Die menschliche Natur können wir nicht ändern, aber die Systeme auf die menschliche Natur einwirken schon. Was mich wütend macht, ist dass diese Systeme existieren, um einen sehr kleinen Kreis von Leuten zu stärken und zu bereichern. Es ist möglich, diese Sachen zu ändern, aber es gibt eine breite Akzeptanz und einen Pragmatismus. Ich finde es sehr deprimierend, dass die Leute diese Dinge einfach hinnehmen – diese Banalität des Bösen. Dieses „ich brauche einen Job, dann kann ich auch in dieser Firma arbeiten, die Bomben herstellt“.

Also ja: Ich bin wütend, aber aus frustriertem Optimismus heraus.

„Man weiss es nie. Vielleicht bist du der, der jemandem den letzten Schubser gibt …“

Denkst du, du kannst mit deiner Kunst verändern, wie die Leute denken?

Ich denke, das ist ein sehr langsamer Prozess. Es ist wie wenn du versuchst, ein Schiff zu wenden – das dauert ewig. Aber ich meine, ich war selber für eine Weile als Jugendlicher ein Nationalist. Ich wäre mit 16 fast in die UK Independence Party eingetreten (lacht). Ich habe den Zeitungen Leserbriefe geschrieben und habe politische Cartoons gezeichnet. Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber ich habe meine Meinung über diese Dinge geändert weil ich viel dazugelernt habe und beigebracht bekommen habe.

Also ich erwarte nicht, dass jemand meine Kunst anschaut und sagt, ihm seien die Schuppen von den Augen gefallen. Aber es ist dieses langsame daran herumgraben, diese Erosion. Also ein natürlicher Prozess (lacht).

Man weiss es nie. Vielleicht bist du der, der jemandem den letzten Schubser gibt …


In aller Kürze:

VERNISSAGE: DONNERSTAG 19. APRIL, 18:30 – 21:00
Eröffnung & Einleitung:
Sebastian Pohl – Künstlerischer Leiter
Darren Cullen – Künstler
Wann? 20. – 29. April 2018 | Geöffnet von: 12:00 – 19:00
Wieviel? Der Eintritt ist frei

Wo? THE EMPIRE-AIR · PAVILLON, Residenzstraße am Max-Joseph-Platz, 80333 München


Beitragsbild: © Positive Propaganda e.V.

 

 

Simone Slawik

Einmal Alles bitte, immer, sofort und in jeder Lebenslage! Das Wichtigste ist eh, dass nicht ich am Schluss der Depp bin, sondern die Andern.
Simone Slawik
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