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Theater im Club: „Der Imperativ des Feierns. Ein Techno-Hörspiel“

Theater im Club? Der Imperativ des was? – Feierns? Was überhaupt kann man sich denn unter einem Techno-Hörspiel vorstellen?

Fragen über Fragen, die ich mir stelle und alleine der Titel weckt mein Interesse: „Der Imperativ des Feierns.“ Das Wort ‚Imperativ‘ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ‚befehlen‘ – Was soll das mit Techno zu tun haben? Weiter recherchiert, erfahre ich dass der Begriff nicht direkt etwas mit Befehlen zu tun hat, sondern eher zum Ausdruck eines besonderen Sprechakts dient.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht wirkt der Imperativ als grammatikalisches Konzept bzw. als Modus, der sich auf ein irreales Ereignis bezieht.

Besonderer Sprechakt, irreales Ereignis – okay, ihr habt mich überzeugt. Aus diesem Grund habe ich mich an Julia Müller, Mitglied des Theaterkollektivs WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET gewendet, die mir und euch nochmal ausführlich erklärt, worauf wir uns vom 22. bis zum 30. November in der Roten Sonne gefasst machen können.

1. Woher kommt der Name eures Projekts? Und was bedeutet er?

Wir beobachten in unserer gegenwärtigen Kultur eigentlich genau das Gegenteil: Einen Imperativ der Selbstoptimierung, der Arbeit und der Nützlichkeit. Wir alle arbeiten ständig daran, uns zu verbessern. Das bezieht den Körper mit ein: Alles was schlecht für den Körper sein könnte, wird verbannt: Genussmittel, Fett oder Zigaretten zum Beispiel. Das Rauchen ist ein gutes Beispiel: Unsere  vermeintlich so hedonistische Gesellschaft ruft schnell nach Verbot und Polizei – und das so anstößige Rauchen wird aus Bars und Diskotheken verbannt. Man könnte sagen, wir haben es verlernt, zu genießen – wie haben es verlernt, das Nutzlose als lustvoll zu erleben. Oder uns dem Reiz des Schädlichen, in kleinen Dosen, hingeben zu können. Nein – dann doch lieber die fettreduzierte Variante – was anderes findet man im Supermarkt ja eigentlich sowieso nicht mehr.

Mit unserem Projekt stellen wir diesem Imperativ der Rationalisierung einen Imperativ des Feierns gegenüber. Der Ausdruck kommt vom Kulturwissenschaftler Robert Pfaller, der sich in seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ mit einem ählichen Thema auseinandersetzt. Der Imperativ des Feierns bedeutet für uns eine notwendige Grundlage der Kultur: Das Projekt ist ein Plädoyer für das Nutzlose, die Ausschweifung, den Exzess, für Verschwendung und spielerisches Verhalten.

2. Was ist neu, anders und einzigartig an eurem Projekt?

Was für uns und wahrscheinlich auch die meisten Besucher neu ist: Einen großen Anteil der Arbeit macht etwas aus, was man als ‚Theater zum Anhören‘ bezeichnen könnte. Man wird ja über einen Audioguide durch den Abend geleitet. Einen Großteil der Aufnahmen haben wir vor Ort gemacht – jeweils genau dort, wo der Besucher dann steht, wenn er die jeweilige Aufnahme anhört. Durch eine spezielle Aufnahmetechnik haben wir versucht, das Klangbild des Raumes realistisch aufzunehmen.

Für den Zuhörer entsteht so ein natürliches Hörerlebnis: Er hört, aus welcher Richtung jemand zu ihm spricht, ob jemand auf ihn zukommt oder hinter ihm ein Geräusch entsteht. Man könnte sagen, es ist eine Art virtuelle Realität auf akustischer Ebene. Die Arbeit mit solchen Aufnahmen im Wechselspiel mit dem, was dann live vor Ort durch Performer und Ausstattungselemente noch passiert, erzeugt, denke ich, eine ganz spezielle Atmosphäre. Wir hoffen, dass es für den Zuhörer ein echtes Erlebnis wird.

3. Wie viel Zeit habt ihr in euer Projekt investiert?

Darüber möchte ich lieber gar nicht nachdenken – es steckt sehr viel Zeit drin. Wir haben über ein Jahr daran gearbeitet, mal mehr, mal weniger intensiv. In den letzten sechs Wochen sehr intensiv.

4. Wo findet man euch?

Auf unserer Internetseite und in Facebook. Ansonsten haben wir kein Büro oder Atelier, in dem wir immer arbeiten. Also wir sind an den unterschiedlichsten Orten verteilt.

5. Wer unterstützt euch?

Das Team von der Roten Sonne unterstützt uns sehr und versucht, alles zu ermöglichen, was wir für unsere Produktionen brauchen (Personal, Probenzeit im Raum etc.) – und zwar auf eine Weise, die angenehm unkompliziert ist. Dafür haben sie ein dickes Dankeschön verdient!

Finanziell unterstützt werden wir von Projekt zu Projekt zum Teil durch unterschiedliche Förderer und Projektpartner. Dieses Projekt wird von der Projektförderung für freie Theaterprojekte der Landeshauptstadt München gefördert.

Abseits davon funktionieren wir wie eine Art Strudel: Wir saugen unser ganzes Umfeld ein und wer nicht aufpasst, wird ganz schnell als Helfer, Statist, Fahrer, Versuchskaninchen usw. in unsere Projekte eingespannt. Das wissen wir sehr zu schätzen und ohne diese vielen kleinen Freundschaftsdienste wäre es wahrscheinlich nicht möglich, unsere Projekte zu verwirklichen – gerade abseits der Strukturen eines festen Theaterhauses.

6. Was macht ihr, wenn ihr nicht an eurem Projekt arbeitet?

Nicht an einem Projekt arbeiten? Machen wir eigentlich nicht. 😉

Wir arbeiten alle im Theater-/ Kunstbereich an unterschiedlichsten Projekten: Als Dramaturgin, Videokünstler, bildender Künstler, Regisseur oder Puppenspieler zum Beispiel.

7. Was liebt ihr an München besonders?

In München ist alles ein bisschen wie in Watte gepackt. Es gibt nichts Rohes, Unfertiges, Kaputtes, Krankes, Lautes, Hingerotztes usw. Alles ist ein bisschen perfekter als woanders. Das wird oft kritisiert und hat irgendwie was Unlebendiges. Ich denke aber, das kann man auch als Chance begreifen, gerade als Künstler: München ist sowas wie eine makellos weiße Leinwand. Auf die kann man viel besser Malen, als auf eine, die schon voll ist mit vielen Farb- und Dreckschichten.

8. Warum spezialisiert ihr euch auf Techno?

Wir spezialisieren uns ja nicht auf Techno. Wir sind über Umwege dazu gekommen, in der Roten Sonne zu arbeiten (da könnte ich jetzt weit ausholen) und wir versuchen die spezifischen Ausdrucksformen und Möglichkeiten, die ein solcher Ort bietet (wie Musik, Licht, Visuals, aber auch der Raum an sich mit seiner Form, den Konnotationen, die an ihm haften und seinem Dasein als sozialem Ort) in jeweils neuer Weise und neuer Gewichtung mit jedem Projekt in eine neue theatrale Form zu bringen und sie sozusagen so mit Schauspielern, Performern oder einem Bühnenbild kommunzieren zu lassen, dass etwas Neues, ganz Eigenes entsteht, das so in einem Theaterraum nicht entstehen könnte.

Dass diesmal ‚Techno‘ auch so richtig zum inhaltlichen Thema geworden ist, ist natürlich naheliegend: Wenn man in einem Techno-Club über Themen wie Genuss, Exzess, Verschwendung oder Ästhetik reden will, dann ist es naheliegend, das Phänomen der technoiden Subkultur als Blaupause zu verwenden. Der Abend ist sehr konkret und sehr allgemein gleichzeitig: Wir beleuchten zum Teil sehr konkrete Aspekte der technoiden Feierkultur, meinen damit aber immer mehr. Und natürlich sind es auf musikalischer Ebene dann auch technoide Soundlandschaften, die das Hörerlebnis für den Besucher zu einer Art Trip werden lassen.

9. Ein Song, der mit eurem Projekt zu tun hat?

 


 In aller Kürze:

Was: Der Imperativ des Feierns. Ein Techno-Hörspiel
Wann: 22. bis 30. November 2016
Wo: Rote Sonne, Maximiliansplatz 5
Kosten: 15 Euro, Auszubildende/Studenten 10 Euro
Mehr: http://whatyousee.eu


Fotocredit: © hannesrohrer

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