Thea Dorn und Christian Ude, © MVHS/Alescha Birkenholz
Aktuell, Stadt

„Multikulturelle Heuschreckenschwärme“: Christian Ude und Thea Dorn im Gespräch über deutsche Kultur

Es waren eigentlich gleich zwei alte weisse Männer, die sich da am Dienstagabend im Einstein 28 auf der Bühne gegenüber saßen:

Einmal Christian Ude, unser aller Alt-OB (SPD) und Gastgeber, der wöchentlich zum Polit-Talk an der Volkshochschule lädt und rein biologisch diese Kriterien erfüllt (zum inhaltlichen kommen wir gleich).

Zu seiner Linken die Schriftstellerin und Philosophin Thea Dorn, die mit ihrem neusten Buch „deutsch, nicht dumpf“ (Knaus 2018) den „aufgeklärten Patrioten“ (was auch immer das sein mag, vielleicht finden wir es noch raus) einen Leitfaden in Sachen Patriotismus und Heimatliebe an die Hand geben möchte.

Dorn passt mit ihren Thesen und Vorschlägen gut ins Schema „alter weisser Mann“, sind sie doch vor allem Ausdruck einer Sorge um aktuelle gesellschaftliche Veränderungen: Sie diagnostiziert eine „Krise des Wir“ und wünscht sich einen „Rahmen, in dem ich als Mensch noch Mensch sein kann.“

Alles ändert sich und alles ist schlimm, schlimm, schlimm.

Es beginnt ein rund zweistündiges und ziemlich einstimmiges Klagelied, von dem man einige Strophen schon längst in- und auswendig kennt:

Dass zum Beispiel eine überkorrekte Sprach- und Kulturpolizei sich breit mache, die alles nicht genehme aussortieren und auf den „Giftmüllhaufen der Geschichte“ (Dorn) werfen wolle. Wie weit Minderheiten bereits diesen sprachlichen und  gesellschaftlichen Wandel vorangetrieben hätten, kann man laut Dorn am Tatort ablesen: Da seien in den letzten Jahren vermehrt Minderheiten zu sehen gewesen und es „geht nicht mehr um ganz normale Menschen“.

(Dass es sich Ude und Dorn an dem Abend nicht nehmen lassen wollen, auch noch die Manwirdjawohlnochsagendürfen-„N-Wort“-Debatte im Vorbeigehen mitzunehmen und es dabei beide nicht lassen können, es zu sagen, sei hier nur am Rande erwähnt.)

Netflix und Chill mal

Eine weitere Sorge von Thea Dorn: Eine „Netflix-Mentalität“greife um sich, die Leute hätten also „immer nur mental die Fernbedienung in der Hand“ und nicht mehr das Interesse (oder die Leidensfähigkeit), sich durch dicke Wälzer aus dem Kanon zu kämpfen, „die Odyssee zum Beispiel oder der Simplicissimus“. Dies sei jedenfalls nicht die richtige Haltung, „wenn man selber an der Hochkultur mitstricken will“.

Diese vermeintliche Bedrohung der „deutschen Hochkultur“ (auch hier wieder: was auch immer das sein soll) ist der eigentliche Kern der Debatte. Durch wen sie aktuell sehr bedroht wird in den Augen der beiden Gesprächspartner, zeigen die nachfolgend zitierten Schlagworte. Sie sind thematisch geordnet, von platt über lustig, hin zu absurd und zum Schluss auch ein wenig beängstigend.

Die Kultur wird also bedroht von:

– Linksintellektuellen (Ude)

– Feuilletonisten (Ude)

– den aufgeregten Linksintellektuellen (Dorn)

– sogenannten kosmopolitischen Menschen (Dorn)

– Linken, die am Deutschen kein gutes Haar lassen wollen (Dorn)

– Globalisierungsfreunden (Ude)

– Globalhedonisten und Rosinenpickern, die keine kulturellen Werte schaffen (Ude)

– multikulturellen Heuschreckenschwärmen (Ude)

Richtig gelesen: „multikulturelle Heuschreckenschwärme“.

Schwammige Ängste

Wo sich Ude und Dorn, das muss man ihnen zugute halten, zu Beginn des Gesprächs noch die Mühe gemacht haben, mit Begriffen wie „Kultur“ oder „Identität“ möglichst präzise umzugehen und möglichst genau zu beschreiben, was sie meinen, wurde das Gespräch immer schwammiger und raunender und endete eben bei den multikulturellen Heuschreckenschwärmen.

Und so war auch diese Gesprächsrunde eine gute Demonstration dafür, was so oft passiert: Es wird geraunt und gewarnt. Alles ist bedroht und dem Untergang geweiht, und sowieso liest heute ja keiner mehr ein Buch.

Von Thea Dorn kennt man ja diese Thesen und Diskussionsansätze, sie ist bekannt dafür und lebt ein Stück weit davon, zu polarisieren. Bei Alt-OB Ude ist diese schleichende Buschkowskysierung noch etwas überraschend – und durchaus besorgniserregend.


Fotos: © MVHS/Alescha Birkenholz

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