Leben, Nach(t)kritik

Munich’s Gossip Girl

Josephine Musil-Gutsch

Schreibt am allerliebsten ausschließlich über das, was ihr wirklich am Herzen liegt.
Josephine Musil-Gutsch

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Jungautorin Simone Bauer hat mit mucbook über ihre zwei neuen Bücher gesprochen. Aber auch über Heimatgefühle, die Stadt der Gegensätze und Chick-Lit. Die 22-Jährige bestellt einen Schokomilchshake im Café Trachtenvogl und lächelt ein breites, selbstbewusstes Lächeln. Ein kleiner Brilliant funkelt auf einem ihrer Eckzähne. Sie ist gerade auf der Durchreise, wird bald auf dem Taubertal Festival sein und ihrer Lieblingsband Placebo zujubeln. Dennoch hat sie Zeit gefunden mit mucbook über ihre amerikanischen Vorlieben, bayerischen Eigenschaften und feministischen Ansichten zu sprechen.

In deinem Debütroman „Ganz entschieden unentschieden“ sagt deine Protagonistin, dass ihr ein Wochenende am Chiemsee zu wenig glamourös ist. Anscheinend magst du Glamour, denn in deinem neuen Buch „Isarvorstadt“ geht es um die Schickimicki-Szene in München. Bist du Teil der Szene? Was fasziniert dich daran so sehr, dass du es in einem Buch umsetzen wolltest?
Ich bin mit MTV aufgewachsen. Habe diese amerikanischen Shows mit Paris Hilton angeschaut und Gossip Girl gelesen als wäre es meine Bibel. Deswegen war ich immer sehr fasziniert davon, wie die Elite so lebt. Dann habe ich auch viel Kir Royal geguckt und mich irgendwann gefragt, wie das heute aussehen würde. Nicht mit Zettl sondern mit einem jungen Szenejournalisten aus Berlin. Die Schickimicki-Szene ist zwar nicht Meins, aber ich finde sie sehr interessant. Ich glotze eben gerne.

Du bist eine Wahlmünchnerin, kommst aus Maxhütte-Haidhof, in der Nähe von Regensburg. Warum magst du München so gerne?
München ist eine Stadt der Gegensätze. Wir haben eine super Musik-und Modeszene, aber außerhalb von München weiß das keiner. Wir haben auch eine tolle Indieszene und deren Gegenteil: die Schickimickiszene. Die Stadt ist groß, aber trotzdem wie ein kleines Dorf. Das gefällt mir an München sehr.

Spürst du eine gewisse Heimatverbundenheit, wenn du die Großstadt verlässt und dorthin zurückkehrst, wo du aufgewachsen bist?
„Home is where the heart is“ sage ich immer. Aber München ist trotzdem die schönste Stadt der Welt. Ich mag aber auch Berlin und New York gerne. Es ist schwierig zu sagen, wo ich daheim bin. Ich glaube, ich bin da daheim, wo ich mich wohl fühle – und das kann überall sein.

In deinem ersten Buch arbeitest du den Gegensatz Bayern vs. Amerika heraus.
Ich bin selber aber auch sehr gegensätzlich und kann mich schlecht entscheiden. In den letzten zwei Jahren habe ich viel Urlaub in New York, Kalifornien, Arizona und in Florida gemacht. Ich habe mir richtige Kleinmädchenträume erfüllt: Reiten im Grand Canyon, Shoppen in New York oder eine Gossip Girl-On-Location-Tour. Mir gefällt die amerikanische Offenheit. Ich bin aber auch gern aus Bayern und froh, bayerische Eigenschaften zu haben.

Was sind denn deine bayerischen Eigenschaften?
Wenn der Bayer ein Thema nicht beherrscht, ist er einfach ruhig und tönt nicht rum. Das mache ich auch nicht. Und ich kann auch sehr stur sein.

Nun eine Frage, die du wahrscheinlich in jedem Interview gefragt wirst. Hast du „Axolotl Roadkill“ und „Feuchtgebiete“ gelesen?
Die Veröffentlichung meiner Kurzgeschichte „Munich Girl“ wurde wegen dem ganzen Skandal um „Axolotl Roadkill“ nach hinten verschoben. „Strobo“, der Roman von dem Helene Hegemann kopiert hatte, ist wie meine Kurzgeschichte im SuKuLTur Verlag erschienen. Natürlich habe ich dann auch ein wenig in „Axolotl Roadkill“ hineingelesen. „Feuchtgebiete“ habe ich bestimmt drei Mal gelesen. Das mag ich gerne, während ich kein Fan von „Schoßgebete“ bin. Ich glaube, weil bei „Schoßgebete“ der autobiographische Aspekt so groß ist. Ich war ein unglaublicher Charlotte Roche-Fan, damals noch zu ihren VIVA-Zeiten. Ich war auch bei einer Lesung und habe ein Foto mit ihr. So richtig starstruck.

Muss man als junge Autorin zwangsläufig schocken, um Erfolg zu haben?
Ich glaube, damit ist es wie bei der Popmusik, wenn die Sternchen sich ausziehen oder in knappen Kleidern in Musikvideos tanzen. Ich hatte neulich ein Interview mit Marina von Marina and the diamonds, in dem sie sich selbst gefragt hat, ob sie unbedingt provozieren muss. Wenn man viele Platten verkaufen will, muss man sexy sein. Aber das wäre nicht sie. Bei mir ist es genauso. Wenn ich jetzt Schocker schreiben würde mit möglichst viel Drogen und Missbrauch, dann käme das nicht authentisch rüber. Deshalb bleibe ich lieber bei dem was ich mag.

Deine Protagonistin Johanna mag Schokolade, trägt gern Blumenkleider und kann nicht Auto fahren – das Klischee Frau. Wie typisch Frau bist du?
Leider bestätige ich dieses Klischee. Ich kann überhaupt nicht Auto fahren. Irgendwann habe ich mich daran gewöhnt, es nie zu können und Freunde zu haben, die mich herum kutschieren. Und letztens war ich traurig und habe einen ganzen Schokoschuh gegessen. Danach ging es mir wirklich besser. Ich bin aber auch sehr feministisch veranlagt. Ich kriege die Krise, wenn ein Mann den Macho raushängen lässt oder Frauen benachteiligt werden.

In „Ganz entschieden unentschieden“ lässt sich deine Protagonistin aber schon sehr von ihrem Freund unterbuttern.
Ich hab von zwei unabhängigen Leserinnen gehört, dass sie nach dem Lesen meines Buches mit ihrem Freund Schluss gemacht haben. Man ist einfach so blind vor Liebe, macht alles für den einen Mann und vergisst, dass man auch ein Recht darauf hat, dass er im Haushalt hilft. Mein Buch war für viele ein Weckruf, die rosarote Brille abzusetzen und ihre Frau zu stehen.

Du sagst selbst, dass du auf Chick-Lit stehst. Deine Inspiration sind „Gossip Girl“, „Gilmore Girls“ und Sarah Kuttner. Warum? Was genau fasziniert dich daran?
Ich definiere mich sehr über die Dialoge. Das Typische bei Gilmore Girls ist ja der ständige Schlagabtausch und die genialen Sätze. Auch Sarah Kuttner hat eine wahnsinnige Sprache. Und auch bei Gossip Girl sagt jeder, was er denkt. Es gibt nichts Schöneres, als wenn man sich im Gespräch Bälle hin und her werfen und übertrumpfen kann.

Warum handelt dein erstes Jugendbuch davon, keinen Alkohol zu trinken? Trinkst du selber auch keinen Alkohol? Hast du Erfahrungen mit Alkohol und Gruppenzwang gemacht, als du jünger warst oder ist das eher eine Art Lehrauftrag an die jugendlichen Leser?
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich Alkohol brauche um offen und locker zu sein, es war mir zu teuer und hat mir nie geschmeckt. Eigentlich wollte ich ein Buch über eine junge Frau in der Straight-Edge-Szene schreiben. Aber dann hat mir meine Lektorin vorgeschlagen ein Jugendbuch zu schreiben und da ich selber gerne Jugendbücher lese, fand ich die Idee gut. Es ist wenig biographisch, bis auf die Tatsache, dass ich weiß, was für Sprüche man zu hören kriegt, wenn man keinen Alkohol trinkt.

Zum Beispiel?
Man stößt zum Beispiel auf totales Unverständnis. Oder die Leute sagen: „Du wirst schon irgendwann damit anfangen.“ Ich hatte aber nie solche Mobbingprobleme wie meine Protagonistin Emma, meine Freunde sind sehr aufgeschlossen, das hat auch niemanden gestört. Ich habe für „Alkoholfrei“ wieder so einen Dreamboy kreiiert, der zu ihr hält, aber eigentlich eine andere liebt. Also habe ich mir wieder eine schöne, heile Welt geschaffen.

Simone Bauer schreibt Geschichten seit sie 14 ist und veröffentlicht Kurzgeschichten seit sie 16 ist. 2011 erschien ihr Debütroman „Ganz entschieden unentschieden“. Am 1. September veröffentlicht die 22-Jährige nun zwei weitere Bücher im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, „Alkoholfrei“ und „Isarvorstadt“. Neben ihrer Arbeit als Persönliche Assistentin in der Öffentlichkeitsarbeit, schreibt sie für die Junge Leute-Seite der Süddeutschen Zeitung, LAXmag, MyFanbase und MISSY Magazin.

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Fotos: Josephine Musil-Gutsch

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