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My Fair Lady im Gärtnerplatztheater – Bayerischer Charme im viktorianischen London

Johanna Zach

Leidenschaft für Musik und Medien - Warum nicht gleich Musikjournalistin werden?
Johanna Zach

Die Erwartungen waren hoch bei der Premiere der Neuauflage des erfolgreichen Musicals My Fair Lady.  Nach 8 Jahren kehrt das Stück unter der Regie von Intendant Josef Köpplinger ans Gärtnerplatztheater zurück – mit einer entscheidenden Veränderung: Die „Gossensprache“ ist nicht wie früher Berliner Schnauze, sondern bayerisch-derber Dialekt. Und so übt sich Eliza an dem Satz „Es greant so grean, wenn Spaniens Bliatn bliahn“, bis sie endlich das allbekannte „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“ schmettern kann.

Der bayerische Charme, aber auch der derbe Humor, fügen sich perfekt in das viktorianische London, wo zwei Welten aufeinanderprallen. Die steife High Societey versus die aufbrausenden, lebensfrohen Straßenarbeiter. Für drei Stunden werden die Zuschauer von My Fair Lady mitgenommen auf eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Sauf-Gelage und Pferderennen inklusive. Da konnte sich am Ende selbst das etwas ältere Münchner Premieren-Publikum nicht mehr auf den Stühlen halten: Standing Ovations und Fußgetrampel für eine durchwegs gelungene Aufführung und Inszenierung.

Worum geht’s eigentlich bei My Fair Lady?

Das arme Blumenmädchen Eliza Doolittle trifft vor der Londoner Oper auf die Sprachforscher Professor Higgins und Oberst Pickering. Higgins – selbstüberzeugter und egoistischer Junggeselle – behauptet von sich, der Beste auf dem Gebiet der Dialektforschung zu sein und so schließt er mit dem Oberst eine Wette ab: In sechs Monaten möchte er aus dem verlotterten Straßenmädchen eine Lady machen. Die Herausforderung dabei: Der Ur-Bayerin Hochdeutsch zu lernen. Eliza und auch Oberst Pickering ziehen zu ihm und Eliza wird in die Welt der Londoner Oberschicht eingeführt. Am Ende gewinnt der Professor zwar seine Wette, behandelt Eliza aber durchgängig wie ein Objekt und sieht nicht den Menschen dahinter. Verletzt verlässt sie das Haus und versucht, ihre Zukunft selbständig zu meistern.

 

Musical der Meisterklasse

Dass es dem Zuschauer leicht fällt, ins viktorianische London einzutauchen, liegt auch an der herausragenden schauspielerischen Leistung der Darsteller. Manche Gesichter kennt man auch aus dem Fernsehen, wie zum Beispiel Friedrich von Thun. Er ist allerdings einer der wenigen Hauptdarsteller, der nicht singt und hier auch sein erstes Musical spielt – ein Debüt mit 75 Jahren. Die Mutter des Professors Higgins wird gespielt von Cornelia Froeboess. Für unsere Elterngeneration ein bekannter Name und auch für „My Fair Lady“ und das Gärtnerplatztheater nicht neu: Sie hat selber 10 Jahre lang die Rolle der Eliza Doolittle gespielt.

Besonders überzeugend ist Robert Mayer in der Rolle des versoffenen Vaters und Müllkutschers, der mit derben Moralreden und ausschweifenden Trink- und Feierszenen dem Publikum einige Lacher entlockt. Aber auch die beiden Hauptdarsteller spielen ihre Charaktere herausragend: Die Verwandlung der Eliza von der aufmüpfigen und ungehobelten Verkäuferin zur eloquenten und hübschen Lady nimmt man Nadine Zeintl ohne Frage ab. Michael Dangl verkörpert den Unsympath Higgins perfekt – und gewinnt am Ende durch seine menschliche Einsicht trotzdem die Herzen der Zuschauer zurück. Musikalisch hätte sich das Orchester unter der Leitung von Andreas Kowalewitz manchmal noch etwas besser an die Lautstärke der Sänger anpassen können, war aber ansonsten ohne Fehler und hat die Stimmungen perfekt transportiert.

Kein Grund zur Kritik

Bei „My Fair Lady“ sitzt alles! Durch eine rotierende Drehbühne funktionieren die Szenenwechsel pausenlos, die Bühnenbilder und die Kostüme sind detailverliebt und passen hervorragend in das viktorianische Zeitalter, bei den Tanz- und Chorszenen stimmt der Ausdruck bis in die hinterste Reihe und die Dialoge sind voller Witz und Tiefgang.

Als Eliza ihren ersten Spracherfolg mit dem Lied „Ich habe getanzt heut Nacht“ feiert, beugte sich mein Nachbar zu mir herüber und meint: „Da hab ich gerade Lust mitzutanzen“. Und er hat Recht, die Performance ist durchgehend so gut, dass es ansteckend wirkt. Am Ende steht nicht nur Nadine Zeintl mit feuchten Augen auf der Bühne, sondern wahrscheinlich auch der ein oder andere im Publikum. Ich zum Beispiel.


In aller Kürze: 

Was? My fair Lady

Wann? Bis 10.6.2018, alle Termine hier

Wo? Gärtnerplatztheater

Wieviel? 10 – 80€


Fotos: © Marie-Laure Briane

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