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Neu: Groß-Skulptur mit Ausblick im Kreativquartier

Eine riesige Skulptur aus Stahl ist seit einer Woche im Kreativquartier beim Leonrodplatz zu sehen, zwischen den Baudenkmälern Jutierhalle und Tonnenhalle. Das 32,4 Meter hohe und über 70 Tonnen schwere Werk stammt vom Künstlerduo Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier.

Bis zum 2. Oktober 2019 befindet sich das von den Künstlern als Raum- und Klangskulptur beschriebene und begehbare Objekt an diesem Ort. Im Inneren führt eine Treppe bis an die Spitze, die als offene Plattform betreten werden kann. Der Zugang zum ansonsten gesperrten Gelände ist für BesucherInnen der Skulptur während der Öffnungszeiten von Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 20 Uhr und nur über die Heßstraße in Höhe von Hausnummer 134 möglich.

Wir haben dem Künstlerduo Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier zu ihrer beeindruckenden Skulptur ein paar Fragen gestellt:

Hallo Hildegard & Christian, wie seid ihr auf die Idee gekommen zur Raum- und Klangskulptur SICHTUNG II?

Christian: Das ist ein erstaunlich langer Prozess.

Hildegard: Gedanken an eine im allerweitesten Sinne vergleichbare Arbeit begleiten mich schon seit 25 Jahren. Es existieren frühe Skizzen, die sich zumindest rückblickend in diese Richtung interpretieren lassen. Die von mir entworfenen Gebilde von damals waren allerdings unterirdisch angelegt; sie sollten tief im Wasser stehen.

Christian: Auf einer gemeinsamen Reise nach Japan vor zwei Jahren haben wir zu unserer Verblüffung entdeckt, dass uns ähnliche Vorstellungen unabhängig voneinander etwa zur gleichen Zeit verfolgt haben – nur dass ich damals als junger Kunstschmied noch das Bild einer Himmelstreppe im Kopf hatte.

Hildegard: Von Christian kam der Anstoß, eine große Arbeit zu realisieren, die das jeweilige Ideenset von damals als Ausgangspunkt für einen gemeinsamen Entwurfsprozess nimmt – mit offenem Ende.

Christian: Es wurde schließlich ein Objekt, bei dem nur noch ganz entfernte Anklänge an unsere frühen Ideen vorhanden sind. Ich musste auch erst 53 Jahre alt werden, viele Erfahrungen sammeln, um eine Arbeit wie SICHTUNG überhaupt umsetzen zu können. Das ist nichts für die künstlerischen Anfänge.

Hildegard: Als orts- und situationsspezifische Werk entsteht SICHTUNG bei jedem Aufbau als Objekt und Ereignis neu. Erstmalig gezeigt wurde die Arbeit als SICHTUNG I im Jahr 2018 im oberbayerischen Reithofen.

Und München ist jetzt SICHTUNG II?

Christian: Die Skulptur haben wir 2018 als SICHTUNG I in meinem Heimatort im Landkreis Erding gezeigt. Sie stand dort zur Premiere in einem weiträumigen Kiesabbaugebiet. Das war mir persönlich ein Anliegen. Mir schien für die erste Stellung der Skulptur die Landschaft meiner Kindheits- und Jugendtage wichtig. Am Rand der dort auslaufenden Münchner Schotterebene. Ein eher unbekannter Teil Oberbayerns, der weitgehend frei ist von touristischen Anziehungspunkten.

Ausblick von oben

Hildegard: Die Skulptur trägt im Titel einen Index, eine Nummer, die die jeweilige Stellung kennzeichnet, denn der Ort, die Umgebung, gehören für uns wesentlich dazu. In München ist unsere Arbeit deshalb als SICHTUNG II zu sehen. SICHTUNG III ist auch schon geplant. Im Anschluss an München geht die Skulptur nach Unterammergau an die dort gerade neu gebaute mSE Kunsthalle des Unternehmers und Sammlers Christian Zott. Dort findet das Werk seinen dauerhaften Standort, wird aber aus dem Ammergau weiter ab und an an interessante Orte aufbrechen können.

Warum habt ihr euch das Kreativquartier als Standort für die Skulptur ausgesucht?

Hildegard: Das gesamte Areal mit seinen Industriedenkmälern ist ein besonderer Ort, der sich derzeit im Umbruch befindet. Diese Situation mit der SICHTUNG II in den Blick zu nehmen, finden wir interessant. Die exponierte Kiesfläche zwischen den beiden denkmalgeschützten aufgelassenen Industriehallen bietet zudem einen bemerkenswerten räumlichen Rahmen für die Skulptur.

Auf einem weiteren Teil des Geländes gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt eine lebendige Kunst- und Kulturszene mit Ateliers, Werkstätten und Studios. Halbwegs innenstadtnah findet sich in ganz München keine vergleichbare Fläche mehr. Die städtebauliche Überplanung des Viertels sieht zwar einen Teilerhalt dieser Szenerie vor, aber dem Verdrängungswettbewerb können Künstlerinnen und Künstler, wie wir aus zahlreichen Beispielen wissen, kaum stand halten. Damit geht etwas verloren, wovon München ohnehin zu wenig hat.

Im Spannungsfeld zwischen einer informellen kulturellen Praxis, die Raum für zwanglose Prozesse braucht und kommenden institutionellen Projekten, unterzieht sich das Quartier einer schwierigen Transformation. Das wollten wir unter anderem in den Blick nehmen.

Welche Inspirationen und Vorbilder habt ihr?

Hildegard: Vorbilder gibt es nicht im direkten Sinne. Aber klar, wir verfolgen einige Künstlerinnen und Künstler und ihre Arbeiten mit größerem Interesse. James Turrell, Richard Serra, Dan Graham – um einige zu nennen. Auch Bildhauerinnen wie beispielsweise Rachel Whiteread schätze ich persönlich sehr.

Christian: Für mich sind Reisen eine Inspirationsquelle. Immer schon.

Was ist neu, anders und einzigartig an eurem Projekt?

Hildegard: Gute Kunst braucht nicht zwingend ein Streben nach Innovation, um Gültigkeit zu haben. Unsere Skulptur ist kein Spektakel. Hier geht es um etwas anderes.

Christian: Die modulare Gestaltung der Skulptur ist sicher ungewöhnlich und in konstruktiver Hinsicht ein Novum. Zudem ist es die Voraussetzung, um die Arbeit trotz ihrer enormen Größe und ihres Gewichts, vergleichsweise leicht an andere Orte bringen zu können.

Wie viel Zeit habt ihr insgesamt investiert?

Christian: Kommt darauf an, von welchem Punkt aus man rechnet. Gedanklich umkreist haben wir die Arbeit Jahrzehnte. Konkret erdacht wurde die Skulptur dann innerhalb weniger Wochen. Die darauf folgende Projektierung hat etwa ein Jahr in Anspruch genommen – wobei wir nicht toujours daran gearbeitet haben. Gebaut wurde die Skulptur innerhalb von zehn Monaten. Es bedurfte dabei zahlreicher helfender Hände und Köpfe. Allein kann das niemand stemmen. Wir arbeiten mit einem größerem Team.

Wie wird die Skulptur nutzbar sein für Besucher*innen? Gibt es auch ein Programm vor Ort?

Hildegard: Die Skulptur kann zu den offiziellen Öffnungszeiten von außen kostenlos auf dem Gelände besichtigt werden. Bis Anfang Oktober steht sie im Kreativquartier. Wer die Skulptur auch im Inneren betreten möchte und nach oben gehen, bezahlt Eintritt (Anm. d. Red.: Karten: 14 € regulär, ermäßigt für Schüler/innen, Student/innen, Rentner/innen: 6 €. Barzahlung im Besucherzentrum.). Darüber finanziert sich das erforderliche Aufsichtspersonal.

Es gibt die Möglichkeit im Internet unter www.sichtung.info einen festen Zeitraum zur Begehung vorab zu reservieren. Damit ist gesichert, dass man auch wie gewünscht reinkommt. Um Ruhe und ausreichend Zeit für alle Besucherinnen zu gewährleisten, werden maximal 12 Personen pro Stunde eingelassen.

Zur Frage nach einem ergänzenden Programm vor Ort: Wir können uns durchaus vorstellen, mit anderen Künstler/innen für eine Veranstaltung zu kooperieren. Ob und was eventuell daraus wird, zeigen die nächsten Wochen.

Welches Feedback habt ihr bisher von BesucherInnen erhalten?

Hildegard: Sachverständige haben unsere Arbeit sehr gelobt. Mehr noch aber freut mich, dass Menschen, die keine ausgemachten Kunstexperten sind, schnell mit der Skulptur vertraut werden. Es gibt keine intellektuelle Hürde, die den Zugang erschwert. Nahezu jeder kann auf die eine oder andere Art etwas damit anfangen.

Christian: Die Bewegung in und um die Skulptur ist für viele Besucher der Schlüssel dazu.


Hildegard Rasthofer (51) ist Architektin und hat in München an der Technischen Universität studiert. Christian Neumaier (53) ist Kunstschmiedemeister und Metallbildhauer. Als Künstlerduo haben sie die Skulptur SICHTUNG entworfen.


In aller Kürze:

Was? Skulptur SICHTUNG II

Wann? 23. Juli bis 2. Oktober 2019 (Einlass nach Vorab-Anmeldung)

Wo? Kreativquartier: zwischen Jutierhalle und Tonnenhalle (Dachauer Str. 114, 80636 München)

Eintritt? 14 € regulär, ermäßigt für Schüler/innen, Student/innen, Rentner/innen: 6 €. Barzahlung im Besucherzentrum.


Fotos: © Anne Wild

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
2 Comments
  • Yours truly
    Posted at 15:43h, 07 August

    Eine Spenden-Box am Aus- bzw. Eingang hätte es doch wahrscheinlich auch getan. Finde es immer wieder erstaunlich was für Preise aufgerufen werden, nur weil wir in München sind. Naja jetzt steht er eben da rum der unansehnliche Turm, wird schon bald hoffentlich Oktober sein…

  • Ralph
    Posted at 11:27h, 12 August

    @Yours truly: Vielen Dank für Ihren engagierten Kommentar. Ihre Kritik ist sachlich nicht ganz richtig. Die Besichtigung der Skulptur vor Ort auf dem Gelände ist kostenlos. Lediglich die Begehung der Skulptur im Inneren – was man aber nicht zwangsläufig tun muss – kostet Eintritt. Davon werden aber nicht die Künstler dick und reich, sondern es wird das aus Sicherheitsgründen erforderliche dreiköpfige Aufsichtspersonal finanziert. Die Aufsicht führen Studentinnen und Studenten, die fair bezahlt werden. Sie bekommen den Eintritt. Mit München hat das nichts zu tun. Uns ist durchaus bewusst, dass es kunstaffine Menschen gibt, für die sechs Euro finanziell eine zu hohe Hürde darstellen. Für solche Einzelfälle finden wir eine unbürokratische Lösung. Auch für „Yours truly“.

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