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Neues am Gasteig: eine Stadtbibliothek zieht um

Ein Umzug kann stressig sein, das wissen wir alle. Mit ein bisschen organisatorischem Talent klappt’s dann aber irgendwie doch immer. Was aber, wenn man mal eben 360.000 Medien verschippen muss? Genau das blüht in den nächsten Tagen und Wochen der Stadtbibliothek am Gasteig. Caroline Becker, Leiterin der Bibliothek, hat uns durch die Räumlichkeiten geführt, erzählt, wie man so einen Umzug bewerkstelligt und die Pläne für die nahe und etwas fernere Zukunft vorgestellt.

Der Gasteig an der Rosenheimerstraße öffnete 1984 seine Türen. Und mit ihm die Stadtbibliothek Am Gasteig – die Zentrale der Münchner Stadtbibliothek. Nun, nach 37 Jahren, wird der Gasteig generalsaniert und auch für die Stadtbibliothek bedeutet das den Auszug – zumindest temporär. Danach geht’s natürlich wieder zurück.

Deshalb – und auch wegen Corona – fiel der Abschied vom Gasteig nicht ganz so schwer, erzählt Becker: “Wir haben die Bibliothek jetzt auch schon zweimal zugemacht. Die Bibliothek ohne Besucher und Besucherinnen kennen wir schon – ein bisschen. Das fühlt sich nicht mehr ganz so fremd an.”

Da der Umbau des größten Kulturzentrums Europas aber einige Zeit dauern wird, zieht die Stadtbibliothek bis zur Neueröffnung (geplant ist diese für 2025) an zwei Interimsstandorte.

Klassisch Kisten packen?

Das heißt aber nicht, dass die Mitarbeiter*innen der Stadtbibliothek am Gasteig einfach wild drauflos packen können: Es gibt Schulungen und jeden Tag Teammeetings, erzählt Becker. “Der eigentliche Umzug der Medien startet erst im September, aber wir müssen so viel wie möglich vorbereiten”, erklärt sie. Dabei werden vor allem die Bücher in 160 kleinen fahrbaren Umzugsregalen schon reihenweise einsortiert, mit LKW-Plane umwickelt und an die neuen Standorte transportiert. Da 160 Regale nicht reichen, werden die Regale dann permanent im Einsatz sein – ein Kreislauf des Packens, sozusagen.

Da sich die Bibliothek auf zwei Interimsstandorte aufteilt, musste im Vorhinein entschieden werden, welche Medien wohin kommen. Schaut man auf die mit verschieden farblichen Punkten markierten Bücher, mag man erahnen, was für ein organisatorischer Aufwand hinter dem Projekt steht. Doch wie entscheidet man so etwas? “Zielgruppenorientiert”, lautet Beckers Antwort darauf.

Die neuen Standorte

60.000 Medien des Bibliotheksbestands wandern nach Sendling, auf das Interimsgelände Gasteig HP8. Dort kommen auch die Philharmoniker unter und so wird in der denkmalgeschützten Halle E der Themenschwerpunkt – wie könnte es anders sein – Musik lauten. Zusätzlich zu zahlreich vorhanden Medien können Musikinteressierte an E-Pianos üben oder im MusikLab ihre eigene Musik aufnehmen. Die Nähe zur Hochschule hat die Leitung außerdem dazu veranlasst, den Fokus stark auf Sprache und lebenslanges Lernen zu setzen. Im Lesecafé „Deli & News“ kann gefuttert und gelesen werden.

Hinter den Blättern sieht man das Motorama durchblitzen.

Der zweite Teil wird in der Ladenstadt Motorama direkt gegenüber vom Gasteig stationiert. Auch dorthin werden circa 60.000 Medien hinziehen. Das Aufeinandertreffen von Kultur und Einkauf durch die Zwischennutzung lässt etwas Experimentelles entstehen. Der Fokus dort wird aufgrund der Schulnähe auf Familie und Kindern liegen. Außerdem werden Schwerpunkte auf Gaming und digitales Lernen gelegt, mit Arbeitsplätzen, PCs und einem GameLab. Auch wird dort das Europa-Informationszentrum München für persönliche Beratungen zur Verfügung stehen.

Natürlich werden an beiden Standorten Klassiker wie Romane, Belletristik und Sachbücher vorhanden sein. “Ganz beliebte Romane haben wir ohnehin in Staffelexemplaren. Das merkt man nur nicht, weil die natürlich ausgeliehen sind”, beruhigt Becker. Laut ihr würde sich in den kommenden Jahren aber auch die Ankaufspolitik etwas den neuen Gegebenheiten anpassen.

Neue Konzepte

Wer jetzt gut aufgepasst hat, wird merken: 60.000 plus 60.000, das sind nicht alle oben erwähnten Medien. Was passiert denn mit dem Rest? Der wandert nach Oberschleißheim und wird dort stationiert – so wie das Magazin, das aus 800.000 Medien besteht und bisher im Keller gelagert wurde. All das wird über den Online-Verleih – und das ist neu – kostenlos bestellbar sein.

Und was ist sonst neu? Ist die Zukunft der Bibliothek vielleicht sogar digital? Becker, die vor allem auf das Stöbern in der Bibliothek Wert legt, verneint dies und erklärt: “Es gibt einen Markt für beides.” Vor allem aber zu den Lockdown-Phasen habe die Nachfrage nach Onlinemedien stark zugenommen und wurde dementsprechend aufgestockt.

Außerdem wolle sie mit neuen Konzepten spielen. Überlegt wird beispielsweise ein Rückgaberegal, in dem man deutlich machen kann, wie gut einem das Buch gefallen hat. Was auf jeden Fall fest geplant ist, sind vermehrt Themenregale. Also nicht mehr klassisch bibliothekarisch geordnet von A bis Z, sondern nach Thema. Dann wird es vielleicht eine “Griechenland-Ecke” geben, wo man alles darüber – vom Reiseführer bis hin zum Kochbuch – finden kann. “Wir wollen als Bibliothek inspirieren!” sagt Becker und man merkt, dass sie sich auf die neuen Möglichkeiten freut.

Beide Interimsbibliotheken funktionieren als sogenannte Open Library. Das bedeutet eine Erweiterung der Öffnungszeiten und ein Angebot an das Publikum, die Bibliothek auch dann weiterhin nutzen zu können, wenn kein Personal mehr vor Ort ist. Die Ausleihe geschieht dann über Selbstverbuchungsstationen.

Aber wo leihe ich mir jetzt meinen Lesestoff?

Der letzte Öffnungstag der Stadtbibliothek am Gasteig war der 31. Juli und Torschlusspanik machte sich bemerkbar: Rund 500 Besucher*innen mehr als sonst kamen an diesem Samstag in die Bibliothek. An den Ausleihterminals bildeten sich lange Schlangen und in der Kinder- und Jugendbibliothek ist ca. 60 Prozent des Bestandes verliehen!

Aber keine Sorge, die anderen Stadtbibliotheken gibt es ja auch noch. Außerdem öffnet die Halle X bereits am 8. Oktober mit einem Eröffnungskonzert der Münchner Philharmoniker. Die offizielle Eröffnungsfeier der Bibliothek selbst, findet dann am 19. November statt. Und die Eröffnung im Motorama ist für den 26. November geplant.


Bilder: Caroline Priwitzer

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