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Nix mit Gruselkabinett – Eine Führung durch die Pathologie

Juliane Becker

Man muss mit Sicherheit ein Faible für die Endlichkeit dieses Lebens haben, um hier zu arbeiten. Schön schaut es nämlich nicht aus. Stahltische sehen wohl nie besonders schön aus.

Auf denen liegen heute, am Tag des offenen Denkmals, keine toten Körper. Manch einer der rund 70 Besucher scheint deshalb ein wenig enttäuscht zu sein. Pathologie, das hört sich nach Tatort an, nach Formalingeruch und Knochensäge, nach Gruselfaktor eben. Ein Fehlschluss, wie Oberpräparator Alfred Riepertinger erklärt: „In der Regel haben Pathologen es nicht mit Leichen, sondern mit Lebenden zu tun.“ Etwa dann, wenn eine Biopsie zum Beispiel auf Krebszellen untersucht werden muss – Lebendgewebe also. Die Zuschauer schauen schon wieder enttäuscht aus.

Vier Führungen bietet das Institut für Pathologie des Klinikums Schwabing an diesem sehr heißen Sonntag an, und alle vier sind gut besucht. Polizeiruf 110 und dergleichen werden ihren Teil dazu beigetragen haben. Um alles, was mit den Toten zu tun hat, rankt sich ein düsterer Mythos, der von Riepertinger und seinen Kollegen sogleich kunstvoll zerstört wird – Pathologie ist nämlich kein mysteriöser, sondern eher ein Knochenjob (pun intended). „Wenn ein Leichnam einbalsamiert wird, füllen wir den Magen mit ganz normalen Küchenkräutern“, sagt Riepertinger. „Rosmarin, Pfefferminze, und so weiter. Mein Kollege Alfons Schuhbeck war ganz begeistert und hat sich gleich ein Kilo bestellt.“ Erwartbares Lachen. Tut wohl gut, so angesichts des Todes.

Riepertinger ist seit vielen Jahrzehnten am Institut, hat ein Buch über seinen Job geschrieben und wirkt auch sonst wie jemand, bei dem man nach dem Ableben gerne auf dem Stahltisch landen würde. Allerdings ist das nicht mehr allzu oft der Fall – die Sektionen werden immer weniger. Ein Problem, das auch in die Zukunft greift: „Pathologen sind die Qualitätskontrolle der ärztlichen Diagnose“, mahnt der Oberpräparator. Im Klartext heißt das: Bei der Obduktion sollte geklärt werden, ob die Diagnose des Leichenbeschauers auch stimmt. Allzu oft ist das nicht der Fall. Da werden dann im schlechtesten Fall Mordfälle übersehen und Patienten ein natürlicher Tod angedichtet. Besonders bei sehr alten Personen guckt dann niemand zweimal nach, nicht einmal die Angehörigen. Die entscheiden in Deutschland nämlich darüber, ob es eine Obduktion geben wird – ein Prozedere, das man unbedingt wahrnehmen sollte, allein schon der Versicherung wegen. „Da gab es in einigen Fällen schon ein böses Erwachen“, sagt Riepertinger, „wenn dann die Auszahlung der Lebensversicherung des Verstorbenen an einen Obduktionsbericht geknüpft ist.“ Weil so wenig Obduktionen vorgenommen werden, steigt die Zahl der Exhumierungen. Sobald es um’s Geld geht, ist die Pietät schnell vergessen.

 

Zur Führung gehört außerdem der Blick in die Präparate-Lehrsammlung des Instituts – 1149 Feucht- und Aufhellungspräparate, medizinisches Werkzeug, Medizintechnik und Wachsmoulagen kommen der Idee eines Gruselkabinetts ziemlich nahe. Fotografieren ist verboten – man will die Persönlichkeitsrechte der Verstorbenen wahren. Angesichts der diversen Fotos und Nachbildungen von Haut- und Geschlechtskrankheiten durchaus verständlich. Viele der Zuschauer wenden sich schnell den nicht ganz so grausam aussehen inneren Krankheitsbildern zu. Nierensteine schlagen Gangrän auf der Beliebtheitsskala um Längen.

 

In nicht allzu ferner Zukunft soll das Institut aufgelöst werden. Die Bettenzahl des Schwabinger Klinikums wird reduziert, der Fokus auf größere Krankenhäuser wie das in Großhadern gelegt. Was mit der Pathologie passiert, ist noch unklar. Riepertinger setzt sich für eine Umwandlung in ein medizinhistorisches Museum ein. Bestehenbleiben muss das Institut, irgendwie, da gibt es keine Diskussion. Mortui Vivos Docent, die Toten lehren die Lebenden. So steht es an der Wand des großen Sektionssaals, in dem die Ärzte in früherer Zeit mittags sezieren mussten, weil da die Sonne am höchsten steht und Beleuchtung rar war. Sollte das nicht auch 106 Jahre nach Gründung des Pathologischen Instituts so bleiben?


Bildquelle: Alle (c) Juliane Becker

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