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Oper ist Underground!

La Traviata_Johanna Weiske_1.1

La Traviata im Keller der Kleinen Künste – Wer bei Oper an den klassizistischen, besäulten Prunkbau am Max-Joseph-Platz denkt, liegt hier völlig falsch.

Dass die Theatergattung Oper keinesfalls abgehoben sein muss, hoch, erhaben, von einem immensen Stufenpodest von der Stadt getrennt, zeigt der Keller der Kleinen Künste mit Giuseppe Verdis Oper La Traviata: Oper kann im muffigen Keller eines unscheinbaren Altbauhauses im Glockenbachviertel stattfinden.

Das, was da zwischen Betonwänden dargeboten wird, beinhaltet eine gute Portion Sprengkraft, gespickt mit Überraschungen.

Italienischkenntnisse mangelhaft? Bei dieser Traviata sind sie nicht notwendig: Italienische Arien werden in englische Songs übersetzt, paraphrasierte Stellen im Sprechtext erscheinen auf Deutsch.

Verdis Orchester wird von einer fünfköpfigen Band, die Partitur in weiten Teilen durch Kontrafakturen auf bekannte Songs aus dem Radio der letzten drei Jahrzehnte ersetzt. Die Protagonistin Violetta Valéry erscheint als Chansonnière an diesem Abend, der zwischen revueartigem Salon-Cabaret und Kammer-Musical schwankt. Auch der glasklare Sopran einer herkömmlichen Operndiva entfällt: stattdessen beherrscht Johanna Weiske ein immenses stimmliches Register von dunklem Soul, über rockiges Timbre hin zu zarten aber kraftvollen Tönen. Die Hauptdarstellerin agiert mit absoluter Souveränität den ganzen Abend hindurch, über drei Stunden behält sie die Zuschauer in ihrem Bann – das ist bitter nötig, denn sie ist neben den Musikern die einzige, die an diesem Abend auftreten wird. Dieser dramaturgische Kniff ist nur einer von vielen, mit denen Regisseur Dominik Frank sein Publikum überrascht.

Verdis Oper kongenial heruntergebrochen

Die Edelprostituierte Violetta Valéry aus La Traviata, possessiv umgarnt von vielen, altruistisch geliebt von keinem, ist immer allein. Eines Tages begegnete sie Alfredo, einem jungen Adeligen, der sie verehrt, zieht mit ihm aufs Land. Doch die Beziehung steht unter keinem allzu glücklichen Stern. Durch Intrige (der Verlobte von Alfredos Schwester will besagte nicht heiraten, wenn die Verbindung mit Violetta nicht gelöst werden sollte) werden sie auseinander gebracht.

Von Anfang an hat die Liebe keine Zukunft: Violetta bleibt einsam. Schließlich stirbt sie allein. Bei Frank sind nunmehr auch die Musiker von der Bühne verschwunden, in einem schmalen Lichtkegel lässt Lichtdesignerin Julie Boniche die schwer alkoholisierte und gebrochene Frau sitzen. Und auch hier füllt Johanna Weiske die Bühne, reizt stille Momente bis zum Limit aus, um die Spannung wieder aufzufangen, wieder erneut zu brechen. Julie Boniche zaubert nicht nur aus den begrenzten Möglichkeiten, die die Lichttechnik des Kellers bietet, ein Beleuchtungskunstwerk, sondern entwirft auch den Raum, der als Mischform zwischen Kostüm und Bühnenbild daherkommt: Ein überdimensionales Ballkleid aus Ästen, in dessen Gestrüpp-Korsett Violetta gefangen ist.

Songs, Chansons, Begleitung: einfach schmissige Musik

Die letzten Worte seien der energischen Band gewidmet. Im ersten Teil um Johanna Weiske herumgruppiert, im zweiten hinter einem Vorhang, aber nicht minder großartig, spielen Roland Aust, der die musikalische Leitung inne hat, an der Gitarre; Gabriele Knupfer am Bass; Christina Rings abwechselnd am Keyboard und an der Violine; Thomas Schneider an Gitarre und Mandoline und last but not least sorgt Thomas Reitmair am Schlagwerk und zwischendurch am Lap Steel für Countrymusik in der Inszenierung: Tritt Alfredos Vater auf, klaut sich Johanna Weiske von den Bandmitgliedern schnell und brechtsch Stiefel, Lederjacke und Hut und schlüpft in diese Rolle. Trotz Tragik hat man Sinn für Humor.

Trotz Oper ist man „underground“. Im wahrsten Sinne des Wortes gelingt Dominik Frank das Kunststück, den großen Stoff Verdis auf sein Skelett und seine zentralen, elementaren Aussagen herunterzubrechen, ohne dabei die Vorlage aus den Augen zu verlieren. Dramaturgin Ayna Steigerwald sagt im Programmheft dem Giuseppe V. artig Dank.
Ein gelungener Abend, eine ausverkaufte Vorstellung und die Gewissheit, die eine begeisterte Stimme aus dem Publikum so formuliert: „Ich war mir nicht sicher, ob der Frank wirklich Theater machen kann, aber nach dieser Inszenierung bin ich es.“

Dem kann man nur beipflichten. Großes Lob für hervorragende Arbeit!

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