Stadt, tagebook des Münchner Forums

Platz für den öffentlichen Raum

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Der öffentliche Raum als das Merkmal der Europäischen Stadt sollte wieder Platz bekommen, sichtbar und nutzbar. Hier ist der Ort der Bürgerschaft, er darf auch Platz beanspruchen!

Als Karl Meitinger 1945 zum raschen Wiederaufbau des „geliebten Münchens“ aufrief, tat er das aufgrund seiner Befürchtung, dass die kommende Generation dieses nicht tun würde und so das überkommene München verloren ginge. Sein Aufruf, der sich sowohl auf den Stadtgrundriss als auch auf die Architektur bezog, löste große Diskussionen darüber aus, wie dieser Wiederaufbau zu gestalten wäre.Viel Originalsubstanz war zerstört sowohl bei den öffentlichen wie auch bei den Wohngebäuden. Man entschied sich für eine Mischung aus adaptiver und kreativer Architektur, die den Kriegs-Verlust ersetzte und doch auf das alte München Bezug nahm. Erst jüngst wurde die Architektur der 1950er Jahre deshalb gewürdigt. Der Stadtgrundriss ist in der Innenstadt, trotz großer Eingriffe zugunsten des Verkehrs, erhalten geblieben. Die Besonderheit der Münchner Stadt sind die differenzierten Öffentlichen Räume, auf die sich die Gebäude beziehen.

Was meinte und worauf bezog sich Karl Meitinger mit seinem dringlichen und gleichzeitig pessimistischen Aufruf? In der Charta von Athen des verehrten Le Corbussier wurde die damals populäre Auffassung vertreten, dass der Öffentliche Raum seine Bedeutung verloren habe und angesichts der Sicherheitsprobleme, verursacht durch das Proletariat, abgeschafft werden müsse. Menschen müssten untergebracht werden, hygienisch mit Licht, Luft und Sonne, aber die Bedrohung der Straße müsse durch fortschrittlichen Städtebau unterbunden werden. Autoritäre oder totalitäre Regierungssysteme hätten für Ordnung zu sorgen. Obwohl Meitinger sich dazu nicht explizit geäußert hat, erklärt dies seine Sorgen.
Der in München im großen und ganzen gelungene Wiederaufbau der Innenstadt hat dieser neuen Herrschaftsauffassung jedoch nicht standgehalten und den öffentlichen Raum abgeschafft. Die Motorisierungswelle verstärkte diesen Trend. Wo sich Raum bot, wurde er dem Verkehr geopfert. Das Engagement für die Wiedergewinnung des öffentlichen Raums und der Widerstand gegen seinen weiteren Verlust steht seit 1969 im Mittelpunkt der Arbeit des Münchner Forums.

Wie wird heute bei den Funktionsträgern gedacht, wenn sich die Chance zur Neugestaltung von Räumen in der Innenstadt ergibt?

Drei Beispiele:

1-Oberanger

Oberanger

Betrachtet man den neu gestalteten Straßenzug vom Rindermarkt bis zum Sendlinger Tor ist hier viel zu erkennen. Hier wurde in den 1960er Jahren eine Hochgarage gebaut, die sich dem Stadtgrundriss entgegenstellte und den öffentlichen Raum der Erreichbarkeit durch den Individualverkehr opferte. Der nächste Schritt, der eine Wiederbesinnung hätte bringen können, blieb ungenutzt. Diesmal wurde dem öffentlichen Raum die Gewinnmaximierung der Grundstücksverwertung vorgezogen mit der Hauptverwaltung der Linde AG als Ersatz für die Hochgarage. Aber auch der Oberanger selbst wurde dem öffentlichen Raum nicht wiedergegeben. Hier siegte die anonyme RAS, die „Richtlinie für die Anlage von Straßen – Linienführung“ über den öffentlichen Raum. So wurde dieser Bereich der einzige in der Altstadt, der mit 50 km/h befahren werden darf. Die Entwurfsgeschwindigkeit gibt das her. Fußgänger, Verweilende oder Besucher müssen sich vorsehen, an sie wurde nicht gedacht, obwohl sie hier in der Altstadt Vorrang genießen sollten. Der öffentliche Raum unterliegt hier einem unnötigen und unsinnigen Verkehrsparadigma. Die eigentliche Aufgabe des öffentlichen Raumes wird hier nicht erfüllt. Er dient der Öffentlichkeit durch Aufenthaltsqualität. Der Bürger soll sich hier unbedrängt niederlassen können. Dazu bedarf es der Sitzmöglichkeiten, Papierkörbe sollten die Sauberkeit ermöglichen, Trinkbrunnen den Konsumzwang unterlaufen, und auch an Ver- und Entsorgung sollte gedacht werden. Aber der Oberanger hat nichts davon. Obwohl ein solcher Raum hier dringend erforderlich wäre.

 

2-Tal

Tal

Das Tal ist der öffentliche Raum, der die Residenzstadt München konstituiert. Hier mussten seit Errichtung der Ludwigsbrücke alle durch München gehenden Waren den Münchnern angeboten werden. Alle Waren aus Italien über die Isarflößer, alle aus Österreich über Salzburg, aus Augsburg und Nürnberg. Daher der bauchige Raum. Hier traf sich München nicht nur zum Geschäft sondern aus Neugier, und hier wurde Zukünftiges besprochen, Gegenwärtiges kommentiert, die Fäuste geballt, Kontakte geknüpft und zarte Bande gesponnen: ein lebendiger städtischer Raum. Nach 1972 wurde mit dem Umbau des Tals zugunsten der Fußgänger ein enormer erster Schritt getan. Aber hat der Ausbau etwas für den öffentlichen Raum gebracht? Zwar ist der Mischraum für alle Verkehrsarten mit gegenseitiger Rücksichtnahme längst erfunden und erprobt, aber im Tal herrscht weiter trotz der Verbreiterung der Trottoirs der motorisierte Verkehr. Jetzt wird wieder nachgedacht über eine Erweiterung bis zum Isartor. Wird diesmal die Chance für den öffentlichen Raum ergriffen? Wird es Aufenthaltsqualität geben? Raum dazu wäre nicht nur im Isartor selbst.

 

3-Sendlinger Straße

Sendlinger Straße 

Der Abschied von der „Autogerechten Stadt“ ist offenbar sehr schwer. Die Fußgängerzone zu erweitern ist von den Bürgern angenommen worden; sie aber nur halb herzustellen, ist ein Schildbürgerstreich. Auch der hergestellte Raum ist zwar nobel aber ohne Aufenthaltsqualität. Die größte Fläche überließ man der Gastronomie, Sitzmöglichkeiten ohne Konsumzwang fehlen, Papierkörbe wurden nur wenige aufgestellt, Trinkwasser und Toiletten gibt es nur für Besucher der vielen Gaststätten. Auch hier liest man von Überlegungen, die soeben hergestellte Fußgängerzone zwischen Färbergraben und Hackenstraße bis zum Sendlinger Tor zu erweitern. Der öffentliche Raum als das Merkmal der Europäischen Stadt sollte wieder Platz bekommen, sichtbar und nutzbar. Hier ist der Ort der Bürgerschaft, er darf auch Platz beanspruchen!

 

Wolfgang Czisch

Wolfgang Czisch leitet den Arbeitskreis Stadt: Gestalt und Lebensraum im Münchner Forum

Fotocredits: Barbara Specht, Münchner Forum e.V.

 

 

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