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Radikal ehrlich übers Theater: „The Making-Of“

Sophie Lersch

"samma uns ehrlich das leben is herlich
manchmal beschwerlich und manchmal is gefährlich"(a geh)
Sophie Lersch

Nicht erst seit Shenja Lacher im Sommer 2016 das Residenztheater verliess, spricht man über die schwierigen Bedingungen von Schauspielern an deutschen Theatern. „Bretter, die die Welt bedeuten.“ – doch vergisst man dabei, dass man von diesen Brettern oft nicht leben kann. Zumindest nicht, ohne dabei einige sehr große Kompromisse einzugehen. Kompromisse ganz verschiedener Art.

„Race, Class, Gender“

Das Stück „The Making-of“, Text und Regie von Nora Abdel-Maksoud, welches im Rahmen des Festivals radikal jung am Volkstheater zu sehen war, beschäftigt sich mit eben diesen Kompromissen. Denkbar einfach und unterhaltsam wird hier in kurzweiligen 100 Minuten über das „Making-of“ eines deutschem Mainstreamfilms berichtet. Eine Regisseurin und drei Darsteller erzählen in wechselnden, temporeichen Perspektiven von ihren Erfahrungen am Set. Dabei nimmt der Zuschauer die Perspektive der Kamera ein und bekommt ungeschnittene Einblicke hinter die Kulissen des Filmdrehs und in das Innenleben der Akteure.

„Rosa ist eine feuchte Farbe“

Die eigentliche Handlung des Action-Films tritt dabei in den Hintergrund, viel mehr geht es um die Ängste und Sehnsüchte der einzelnen Personen. So kämpft die Regisseurin Gordon (Stella Hilb) auf dramatische Weise mit ihrer Existenz als Theaterschauspielerin und versucht sich deshalb als Filmregisseuren – damit auch endlich ihr mal jemand den Arsch pudert. Gloria (Mareike Beykirch), die weibliche Hauptdarstellerin des Films und eigentlich Perfomancekünstlerin, versucht vergeblich ihre feministischen Themen in den Filmdreh zu integrieren, merkt aber selber schnell, dass es mit dem Einsatz von benutzen Tampons als Wurfgeschosse nicht getan ist.

„Blasenentzündungen sind die ungeweinten Tränen einer Frau.“

Matz (Eva Bay), der Darsteller, der die Rolle des Filmheldens „Fledermausmann“ übernehmen soll, aber im echten Leben eher einem schwäbisch schwätzender Schwächling gleicht, hat diese Rolle nur bekommen, weil seinem Vater die Produktionsfirma gehört. Er leidet am allermeisten unter der unerwiderten Liebe seinen Vaters, als darunter, dass er für diese Rolle gänzlich ungeeignet ist und den Dreh für alle zu einer großen Herausforderung macht. Schakal (Till Wonka), der im Film einen Schakal spielt, kämpft vor allem damit, dass er zu wenig Text hat – obwohl er der einzige ist, der das schauspielerische Handwerk wirklich beherrscht.

Ob Existenzängste, feministische Veränderungswut, Vaterkomplexe oder Geltungsbedürfnisse – alle Figuren decken im Verlauf immer mehr auf, was sie wirklich beschäftigt und welche Kompromisse sie eingehen, um ihren Idealen und Zielen zu folgen.
Der Zuschauer findet sich in vielen dieser überspitzten Situationen wieder. Das zumindest beweisen – neben einer gelösten Grundstimmung im Publikum – vereinzelte, laute Lacher.

„Wir müssen unablässig die Unterschiede betonen.“

Der Text und die Inszenierung schaffen es so, die aktuelle Situation an deutschen Theatern überspitzt, aber erstaunlich lebensnah darzustellen. Der Abend ist unterhaltsam, kurzweilig aber doch mit Tiefgang. Es wird nicht gejammert, sondern das Stück deckt auf humoristische Weise auf, was an deutschen Theatern Alltag ist – und wie viel Kompromisse dieser Beruf von den einzelnen Akteuren abverlangt. Doch angenehmerweise wird trotz der harschen, direkten Kritik am Gerne das Grundlegendste nicht verkannt, und zwar die Liebe zum Theater, die an diesem Abend sowohl auf der Bühne als auch im Publikum deutlich zu spüren ist.

Das Stück ist am 21. und 22.5.2017 wieder am Maxim Gorki in Berlin zu sehen. Mehr Infos dazu gibt es hier.


Bilder: (c) Maxim Gorki / Ute Langkafel

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