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Reurbanisierung in der Stadtregion München?

Was in München als Reurbanisierung bezeichnet werden könnte, ist als eine Gemengelage von wirtschaftlicher und kultureller Aufwertung und sozialer Umstrukturierung der inneren Stadt zu kennzeichnen:

Als Trendverlängerung zu weiterer baulicher Veredelung der Altstadt und der umgebenden Quartiere, als immobilien- und finanzwirtschaftlich dominierte Kapitalisierung der Stadtentwicklung und als Entdeckung der Innenstadt als Wohnstandort durch eine Geld-Elite und diverse dominante Sozialmilieus, deren residenzielle Wünsche bislang eher auf exquisite Wohnquartiere am Stadtrand oder im südlichen Umland gerichtet waren.

Der Begriff der Reurbanisierung kann in Falle Münchens insofern irritieren, als er eine Umkehrung von bisher zu beobachtenden Suburbanisierungsprozessen unterstellen könnte. Im Falle Münchens trifft indes beides zu: Man könnte den Münchner Reurbanisierungsprozess als eine spezifische Variante von Reurbanisierung bezeichnen, die zwei Bewegungsrichtungen in sich vereint. Es findet nach wie vor, und insofern ließe sich von „Kontinuität“ sprechen, eine sozial und ökonomisch selektive Auslagerung von Wohn- und Gewerbestandorten aus der Stadt ins Umland statt, und wir haben es zugleich mit einer ebenso sozial, ökonomisch und kulturell selektiven Aufwertung der Innenstadt zu tun.

Die Prozesse weisen in gegenläufige Richtungen, finden aber in ihrer sozialräumlichen Selektivität gleichzeitig statt. Das bedeutet indes nicht, dass der beobachtete Reurbanisierungsprozess „stadtneutral“ ist – im Gegenteil: Sichtbar werden städtebauliche Umprägungen der Altstadt und ihrer Randbereiche zugunsten vermögender sozialer Schichten und zu Lasten auch anders Benachteiligter. Sie sind ihrerseits Auslöser von differenten Gentrifizierungseffekten, Aufwertungen und Umstrukturierungen in jenen Stadtgebieten, die an sie unmittelbar und mittelbar angrenzen. Diese Wirkungen sind vor allem auf dem Wohnungsmarkt, in der Versorgung privater Haushalte, in den Nachbarschaftsbeziehungen und auch in der Inanspruchnahme öffentlicher Räume spürbar. Zugespitzt ist der Münchner Reurbanisierungsprozess der sozialräumliche Ausdruck stadtgesellschaftlicher Herrschafts- und Dominanzverhältnisse.

Noch ist nicht abzusehen, welche weiteren Konsequenzen damit verbunden sind. Ein Münchner Journalist beschreibt zwei Szenarien: „Zugespitzt könnte man sagen, München hat genau zwei Möglichkeiten vor sich. Möglichkeit eins: Die Blase platzt, die Bauträger bleiben auf leeren Etagen sitzen. Dann wird es ein paar Pleiten geben, der Markt wird sich verändern, nicht grundsätzlich, aber vielleicht ein bisschen – tatsächlich werden jetzt schon in manchen Luxushäusern die ganz großen Wohnungen wieder aufgeteilt in kleinere, etwas günstigere, weil das den Kreis der Käufer erhöht. Für die Normalverdiener in München ein wenig Hoffnung, aber wirklich nur wenig, denn eins ist sicher: Die Preise für Grundstücke und Wohnungen werden nicht mehr sinken, es kommen ja keine nach.

Möglichkeit zwei: Die Experten täuschen sich, und es gibt auch in den nächsten zehn Jahren noch genug Käufer, die sich das Wohnen im Herzen der Stadt leisten können. Dann könnte mit München das passieren, was Metropolen wie London und Paris schon lange erleben: Die teuren Viertel werden immer leerer, es gibt dort entweder nur noch Läden und Büros oder gut verschlossene Apartmentblocks mit Pförtner, und wer einen normal bezahlten Job hat, muss weit draußen wohnen, am Stadtrand oder weiter, und jeden Tag mehr als eine Stunde in die Arbeit fahren. In manchen Münchner Vierteln, in Bogenhausen, im besseren Schwabing, kriegt man schon ein Gefühl dafür, wie das eines Tages aussehen könnte: Erst verschwinden die Cafés und Geschäfte, dann kommen Antiquitäten- und Einrichtungsläden, die fast nie Kunden sehen. Dann verschwinden irgendwann auch diese Läden. Und alles, was bleibt, sind sehr gut gekehrte, leere Bürgersteige“ (Max Fellmann in SZ-Magazin v. 11.3.2011, S. 28).

Beide Szenarien bieten den Verlierern der Entwicklung schlechte Aussichten. In beiden Fällen könnte – sollte sich die Aufrüstung der Innenstadt zugunsten eines einkommensstarken Geldadels weiter fortsetzen – eine Situation eintreten, in der das Stadtzentrum, das als Chiffre zur Identifikation der Stadtbürger/innen mit ihrem Gemeinwesen einen hohen Stellenwert besitzt, für die schrumpfende Schicht der „Normalverdiener“ in der Stadt und dem Umland an Relevanz einbüßt; sie werden sich die Münchner Innenstadt dann weder monetär und noch mental „leisten“ können – die Münchner Innenstadt als No-go-Area für Normalbürger?

Wenn aber eine kollektive Aneignung und Identifizierung mit der inneren Stadt nicht mehr stattfindet, steht die Kohäsion des Gemeinwesens München zur Disposition. Wenn dies alles nicht eintreten soll, dann wird die Stadtpolitik, Stadtplanung und die Zivilgesellschaft vor Ort sich mit Fragen der Gentrifizierung und einer sich auseinanderentwickelnden Stadtgesellschaft stärker auseinandersetzen müssen, als sie derzeit dazu offensichtlich bereit ist.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem gleichnamigen Beitrag in dem soeben erschienenen Band „Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland“, herausgegeben von Klaus Brake und Günter Herfert, Wiesbaden: Springer-VS Verlag 2012.

Foto: Detlev Sträter

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