Kultur

„Rumpöbeln ist heute Mainstream.“

Thomas Steierer

Nur Nuhr“ heißt Dieter Nuhrs neues Programm, nur er alleine füllt größte Hallen, ist im Fernsehen regelmäßig präsent via Nuhr im Ersten, RTL zeigt im Herbst die Aufzeichnung seines letzten Programms im Circus Krone.

Bei politisch korrekter Sprache und Sprachinnen hat man das Gefühl, dass man ständig aufpassen muss, nichts falsch zu machen.

Sie haben ein neues Programm: Was erwartet die Zuschauer, gibt es einen roten Faden?

Nun, es geht über weite Strecken um Selbstbestimmung. Wir haben Raucherquadrate auf dem Boden, Fitnesstracker am Arm und bedienen uns politisch korrekter Sprache und Sprachinnen. Da hat man das Gefühl, dass man ständig aufpassen muss, nichts falsch zu machen. Ich habe das Gefühl, die Fremdbestimmung wird größer. Das verwirrt mich. Und Verwirrung ist immer lustig…

Wie hat man sich bei Ihnen Programmentstehung und Recherche vorzustellen, welche Vorbilder hatten und haben Sie?

Vorbilder habe ich keine. Als ich anfing, war Hanns Dieter Hüsch eine gute Orientierung, der zog seine Komik aus der Vermischung des Politischen und des Privaten, das fand ich super. Aber inzwischen hat der Kaiser abgedankt und wir leben im 21. Jahrhundert. Ich sitze am Computer, google, recherchiere in Datenbanken und greife auf eine Milliarde Statistiken im Netz zu. Und ein einziger nicht linientreuer Gedanke führt zum Shitstorm. Das ist nicht mehr zu vergleichen mit früher. Dass der Storm einmal aus Shit bestehen würde, hat niemand vorhergesehen.

Dass der Storm einmal aus Shit bestehen würde, hat niemand vorhergesehen.

Lehrberuf versus Kabarett, Dozieren vor Menschen: Was an Schulerfahrungen, sie haben Bildendende Kunst und Geschichte auf Lehramt studiert, bis zum Ersten Staatsexamen, kann man für kabarettistischen Beruf nutzen, was sind die größten Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Der größte Unterschied ist: Das Publikum kommt freiwillig, ein großer Unterschied in der Motivation. Das Recherchieren habe ich im Geschichtsstudium gelernt, im Kunststudium das Nie-zufrieden-Sein mit dem eigenen Werk. Beides ist sehr nützlich.

Welche Bedeutung hat Fernsehpräsenz für Sie im Vergleich zur Bühne?

Die Bühne ist heimeliger, sie ist mein eigentlicher Beruf. Das Fernsehen kommt dazu, man erreicht dort mehr Leute, allerdings dadurch auch mehr Gestalten, die genau wissen, dass jede andere Meinung als die eigene falsch ist und das einem auch mitteilen, gerne verbunden mit Drohung oder Beleidigung. Damit muss man wohl heute leben. Man nennt das Demokratisierung. Eine sehr optimistische Sicht der Dinge.

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Facebook ist inzwischen ein Treffpunkt für Schreihälse und Radikale aller Art, religiös, politisch, sonst wie...

Welches Feedback ist Ihnen wichtig, entscheidend, ob etwas ein Erfolg ist oder nicht, seitens Kritiker, Publikum, Social-Media-Feedback, Quoten, Begegnungen im Alltag?

Quoten sind natürlich schon ein guter Gradmesser. Social Media sind nicht mehr aussagekräftig. Facebook ist inzwischen ein Treffpunkt für Schreihälse und Radikale aller Art, religiös, politisch, sonst wie… Das Wichtigste sind für mich die alltäglichen Begegnungen, also das Live-Publikum und was ich auf der Straße erlebe. Das ist extrem positiv.

Das Rumpöbeln und Alles-Niederbrüllen, was nicht der eigenen Meinung entspricht, ist heute Mainstream.

Wie gehen Sie, obwohl mit nahezu allen Preisen im Humorgewerbe prämiert, mit dem bisweilen vorkommenden Kritikerbash gegen Sie als vermeintlichen Mainstreamhumoristen um, wie ordnen sie zum Teil vernichtende Kritik ein?

Der Mainstream sind ja immer die anderen. Ich komme aus der Generation, die das erfunden hat, dass es Mainstream ist, zum Mainstream nicht dazugehören zu wollen. Und „Mainstream“ dann als Vorwurf zu formulieren. Das Rumpöbeln und alles niederbrüllen, was nicht der eigenen Meinung entspricht, ist heute Mainstream. Da bin ich nicht dabei. Ich halte das, was ich sage, für extrem eigensinnig, sonst wäre es auch nicht so erfolgreich. Wenn man das sagt, was alle sagen, hört ja keiner zu. Gerade in Deutschland erzeugt Erfolg aber auch Missgunst. Das ist schade, aber nicht zu ändern.

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Sie reisen sehr viel, dokumentieren dies mit TV-Dokus, Büchern und Bildbänden und Ausstellungen ihrer Fotos. Der dadurch entstehende Blick über den Tellerrand, was gibt der Ihnen, verändert er die Wahrnehmung hierzulande, relativiert der unsere Alltagssorgen etwas?

Ja, selbstverständlich. Ich kenne Kabarettkollegen, die glauben, über Weltpolitik reden zu können und noch nie über den Hollandurlaub hinaus gekommen sind. Die globalisierte Welt kann man nur begreifen, wenn man ab und zu Europa verlässt. Wenn man über Armut spricht, sollte man erlebt haben, was das Wort woanders bedeutet. Das schärft den Blick für das Erhaltenswerte zu Hause…

Von den Anfängen in der Schultheatergruppe, über die Anfänge als Kabarettduo mit Frank Küster in den 1980erJahren, ihrem ersten Sologramm 1994 bis heute, auf dem mutmaßlichen Zenit des Erfolgs: Warum machen sie Kabarett und warum nicht nicht, etwa im Hinblick auf Gegenwind, gab es je Zweifel, den eingeschlagenen Weg zu verlassen?

Mich interessiert Gegenwind überhaupt nicht. Ich sage, was ich denke, nicht was gedacht werden sollte! Das ist die Grundlage für den Erfolg. Da kommen jeden Abend ein paar Tausend Leute zu den Auftritten. Die kommen nicht, weil sie von mir hören, was auch die anderen erzählen.

Ich versuche, den üblichen Kabarettistenstandpunkt zu verlassen. Wenn ein Standpunkt einen neuen Blickwinkel eröffnet, ist er erst mal interessant und oft auch lustig. Und dann erzeugt er auch Wirkung.

Im Rahmen ihres sozialen Engagements etwa für die SOS-Kinderdörfer verlassen Sie die passive Kabarettistenwarte. Wie definieren Sie Funktion, Wirkung, Grenzen von Kabarett?

Die Wirkung von Kabarett sollte man nicht überschätzen. Die meisten Kabarettisten behaupten seit Jahrzehnten, die Welt ginge unter, Politiker seien dumm, und der Wähler sei ein Depp, denn er merkt es nicht, die ganzen üblichen Allgemeinplätze. Das ist wirkungslos, weil es stereotyp ist. Überraschende Blickwinkel schlagen Wellen. Ich versuche, den üblichen Kabarettistenstandpunkt zu verlassen. Wenn ein Standpunkt einen neuen Blickwinkel eröffnet, ist er erst mal interessant und oft auch lustig. Und dann erzeugt er auch Wirkung.

Ausblick: Sie sind sehr produktiv, was kam zuletzt zu kurz, welche Wünsche, Ideen und Projekte haben Sie noch kurz-,mittel- und langfristig?

Ich mache erstmal weiter, wenn nötig, so lange, bis mich einer von der Bühne trägt. Meine ganze Strategie ist: Wir haben vielleicht 80 oder 100 Jahre hier auf dem Planeten, die fülle ich so gut es geht. Danach kann ich mich dann ausruhen. Vermutlich. Wer weiß schon, was dann kommt.

Fotocredit: © Jutta Hasshoff-Nuhr

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