Kultur, Live

„Schön, dass Sie den Quatsch mit dem Schlafen endlich sein lassen und rund um die Uhr mit uns feiern!“

Sarah Weiß

Sie konnte auch nach mehreren Semestern Studium der Literaturwissenschaft nicht davon überzeugt werden, ihren Wohnsitz auf dem Land aufzugeben und in die Stadt zu ziehen. Das hält sie aber nicht davon ab, frei nach dem Motto »Sarah Weiß Bescheid« trotzdem über München zu schreiben.
Sarah Weiß
Intendant samt Gebäck frisch aus Beirut
Die Münchner Kammerspiele laden zur Spielzeit-Pressekonferenz unter der Intendanz von Matthias Lilienthal im Malsaal der Kammerspiele ein. Der Raum gehört allem Anschein nach nicht zu den Räumen, die das Theaterpublikum oft zu Gesicht bekommt. Der Weg führt über die Bühnenpforte und den Lastenaufzug in den zweiten Stock, die metallene Werkstatttür ist weit geöffnet. Keine zwei Meter hinter der Tür kommt Matthias Lilienthal den Besuchern entgegen. In der Hand hält er einen Teller mit südländischen Gebäckstücken und empfielt nach einem kurzen Hallo jedem Neuankömmling seine Lieblingssorten: „Die habe ich frisch aus Beirut mitgebracht.“

Einige Gäste in Anzug und Kostüm reagieren etwas irritiert. Lilienthal selbst scheint sich in diesen Raum ausgesprochen wohl zu fühlen und passt auch optisch in das Ambiente hinter den Kulissen. Wilde Haare, baggy Jeans, oranges T-Shirt, graue Adidas Kaputzenjacke. Die Brille hat er in die Stirn geschoben. Aufmerksam wuselt er über den abgenutzten Holzboden, immer darauf bedacht keinen neuen Gast zu übersehen und auch wirklich jedem von seinem Teller anzubieten. Nach einer kurzen Weile tritt er ans Mikrofon und bittet darum, den unpünktlichen Beginn zu entschuldigen. Eine Kollegin fehle noch. „Hoffentlich bringt das ihren Zeitplan nicht allzu sehr durcheinander. Dankeschön.“

 

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Wunderbar schmuddelig
Etwas verspätet eröffnet Lilienthal schließlich die Konferenz und ist außerordentlich guter Laune. Stolz präsentiert er das neue Spielzeitheft. „Ich mag, dass das Heft außen glänzend, aber innen aus Zeitungspapier ist“, sagt er. „Wir haben da viel Herzblut reingesteckt. Es hat ein wunderbar schmuddeliges Format.“
Wenn Lilienthal spricht, sagt er oft „Ich mag“. Er mag München, eine Stadt, die er kennen und lieben gelernt hat, weil es keine unerfüllbaren Wünsche zu geben scheint. „Ich habe in meiner Zeit an den Kammerspielen noch nie das Wort ‚Nein‘ gehört.“ Er mag sein junges Team, die jungen Regisseure. Er mag die Widersprüche in seinem Eröffnungsprogramm. Und er mag das Interesse der Münchner am Theater: „Schön, dass Sie den Quatsch mit dem Schlafen endlich sein lassen und rund um die Uhr mit uns feiern!“

 

Lilienthal im eigenen Wohnzimmer
Zum Feiern lädt er auch ausdrücklich junge Menschen ein. Mit der neuen Flat können Studenten für 80€ so viele Inszenierungen einer Spielzeit sehen, wie sie möchten. Das können bis zu 250 Abende sein. „Es würde mich freuen, wenn sie die Kammerspiele als Wohnzimmer begreifen und hier einfach so abhängen und Theater schauen.“
Er will auf keinen Fall, dass das Theater unter sich bleibt. Deshalb werden alle Inszenierungen im großen Haus englisch untertitelt werden, um sie einem noch breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das Ensemble soll immer wieder mit jungen Künstlern und Akteuren des freien Theaters vermischt werden, Produktionsbedingungen dürfen keine Rolle mehr spielen, findet Lilienthal. Er scheut auch den Weg nach draußen nicht: Ab sofort kann man den Intendanten zu sich nach Hause einladen. Im Vorwort des Spielzeitheftes schreibt er: „Wenn Sie es schaffen, mindestens 10 Freunde in Ihrem Wohnzimmer zu versammeln, dann erzähle ich Ihnen anhand von Videobeispielen, was wir in der kommenden Spielzeit vorhaben, auf welches Programm Sie sich freuen können.“

 

„Wir haben die Leute mit Farben beworfen – und mit Obst.“
Grund zum Freuen ist für ihn die Zusammenarbeit mit Hausregisseur Nicolas Stemann. Stemann selbst findet, dass das neue Konzept der Kammerspiele gut zu ihm passe. „Meine eigene Ästhetik hat immer über die Ränder geragt.“ Er möchte Menschen verführen, Wege zu gehen, die sie nicht gehen wollen. „Ich habe meinem Publikum auch schon eine neunstündige Faust-Iszenierung vorgesetzt. Oder wir haben die Leute mit Farben beworfen – und mit Obst.“
Reih um stellen sich die neuen Gesichter der Kammerspiele vor. Lilienthal hört interessiert zu, wirft den ein oder anderen Satz ein. Ilia Papatheodorou aus der freien Gruppe She She Pop verkündet die frohe Botschaft aus ihrem nächsten Stück: „Ihr müsst nicht krankhaft arbeiten – es ändert sich sowieso alles.“

 

1,2 oder 3
Das gilt auch für die Kammerspiele als solches. Die Namensgebung der einzelnen Spielstätten sei ihm einfach zu kompliziert gewesen, sagt Lilienthal. Und so benennt er Schauspielhaus, Spielhalle und Werkraum kurzerhand in Kammer 1, 2 und 3 um. „Wie in Berlin. Aber in München darf man ja nichts so machen wie in Berlin – mach ich auch nicht. Alle zusammen bleiben die Münchner Kammerspiele.“ Schließlich bilde der Begriff „Kammer“ den Kern der aktuellen Kampagne. Die Fotostrecken im Spielzeitheft bestehen aus Bildern des Künstlers Wolfgang Tillmans. Er hat aus seinem Archiv bisher unveröffentlichte Bilder bereitgestellt, die um das Thema „Kammer“ kreisen: Wunderkammer, Kammerflimmern, stilles Kämmerlein, Gerichtskammer.
In welche Richtung sich das Theater bewegen wird, zeigt sich ab dem Spielzeitstart am 9. Oktober.
Bestimmte Inszenierungen wird es nur bis zu 4 Mal zu sehen geben. „Sie müssen also schnell sein,“ betont Lilienthal. Außerdem suche er noch eine Wohnung. „Rufen Sie mich an! Ich lade Sie dann auch ein und koche arabisch.“

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Nach der Konferenz scheinen alle etwas erschlagen – außer Lilienthal selbst: „Leute totquatschen kann ich gut.“

 

Fotocredits: Judith Buss

 

//Mehr//
Der Vorgänger: Interview mit Johan Simons über die „gute Stadt“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Urban Places – Public Spaces”
Das Wohnprojekt: Lilienthals Shabby Shabby Apartments in München

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