Aktuell, Kultur

Wie viel Politik verträgt Theater, Herr Lilienthal?

Sandra Langmann

Auslandsösterreicherin mit einer Vorliebe für München, Schreiben, Kaffee und Me(eh)r.
Sandra Langmann

Noch eine Spielzeit, oder besser gesagt eine dreiviertelte. Dann verlässt Matthias Lilienthal, der Intendant der Münchner Kammerspiele, das Stadttheater. Aber lief es nicht gerade so gut? Die Kammerspiele wurden diesen Sommer zum Theater des Jahres gekürt. Doch bereits davor verkündete Lilienthal, dass er nicht bleiben wird.

Was die Münchner CSU damit zu tun hat, warum politische Themen auf die Theaterbühne müssen und warum man sich die Herzen der grantelnden Münchner erst erobern muss, verrät uns Matthias Lilienthal im Interview:

Kammerspiele
Kammer 1 ©Gabriela Neeb

MUCBOOK: Die Münchner Kammerspiele wurden erst vor kurzem zum Theater des Jahres gewählt. Auch die Inszenierung des Jahres kommt von hier.

Matthias Lilienthal: Und der Schauspieler des Jahres, die Nachwuchsschauspielerin des Jahres, das Bühnenbild des Jahres.

Man könnte ja sagen, Sie haben alles richtig gemacht, oder?

Wenn man sich die Umfrage anguckt: ja.

Hätte man also was anders machen können?

Wir sind ja mit einem deutlich anderen Ansatz als viele andere Stadttheater angetreten. Wir haben gefragt, wie kann man die freie Szene und internationale Theaterarbeit in einem Stadttheater integrieren. Wie kann man also einen Hybrid erzeugen, der sowohl ein Ensemble, als auch freie Gruppen und Regisseure wie Toshiki Okada, Rabih Mroué, Amir Reza Koohestani, in einem Haus integriert. Natürlich gibt es immer bestimmte Fremdheiten von Ästhetiken und es braucht  eine bestimmte Zeit. Und ich freu mich sehr, dass nach vier Jahren diese Jury dieser Kritiker*innen diesen Ansatz honoriert hat.

Ihnen ist angekreidet worden, dass Sie zu viel Diskurs, zu viel Experimentelles in die Kammerspiele hinein bringen. Aber die Auszeichnungen haben Ihnen doch Recht gegeben, dass man in diese Richtung gehen muss?

Für mich ist Theater ein Ort politischer Auseinandersetzung. Und hat sich exemplarisch auch an dem Punkt gezeigt, an dem wir zur „Ausgehetzt“-Demonstration aufgerufen haben. Ich habe das nicht als Person, die an den Kammerspielen arbeitet, getan, sondern die gesamte Institution hat das getan. Und ich finde, in Zeiten, in denen es die Identitären gibt, in Zeiten, in denen es einen rechtsradikalen Terrorismus gibt – wo ich mich sehr wundere, dass die Politiker des Landes erstaunt darüber sind, dass es den gibt – finde ich, hat ein Theater die verdammte Pflicht, sich einzumischen.

Ausgehetzt-Demo 2018

Also das „Neutralitätsgebot“ für Theater gilt nicht immer?

Es gibt im Vorfeld von Wahlen ein Neutralitätsgebot. Ein Gebot, sich in die politische Wahl drei Monate vorher nicht einzumischen. Aber erstmal lehne ich den Druck an ein Theater ab, neutral zu sein.

Man könnte ja den Eindruck haben, dass sich die Politik gerne ein bisschen einmischen und gerne die Hand drauf halten würde. Wie geht man damit um? Bzw. wie viel kann man sich da reinreden lassen?

Die können die Hand da gar nicht drauf halten. Wenn man fünf Jahre lang als Intendant bestellt ist, gibt es darin eine große Autonomie. Und auch wenn der Politik Handlungen von uns missfallen würden, sind wir frei darin. Auch ein Jahr bevor ich überhaupt die Arbeit als Intendant angetreten habe, habe ich ja das Bellevue di Monaco-Projekt unterstützt und bin da im Aufsichtsrat. Und durchgehend haben wir für Themen gekämpft. Und das, finde ich, ist Teil von unserem Job.

Also Sie merken schon, dass sich die Politik gerne mehr einmischen würde?

Ich habe es an dem Punkt gemerkt, an dem die Stadt mir einfach keinen neuen Vertrag angeboten hat. Das ist ja auch total Okay. Ob man einen neuen Vertrag angeboten bekommt oder nicht, ist eine Entscheidung der Politik. Aber da wurde deutlich, dass die Parteien natürlich zu unserer Arbeit eine sehr deutliche Meinung haben.

In ihrer Presseaussendung hieß es ja, dass die CSU-Fraktion einen Beschluss gegen eine Vertragsverlängerung gefasst hat. Wie könnte man es denn der CSU eigentlich Recht machen?

Ich will es der CSU gar nicht Recht machen. Die Politik von Seehofer und Söder finde ich menschenverachtend. Und insofern ist das total Okay, dass die sich gewehrt haben und dass sie mich raus geschmissen haben.

Also würden Sie es schon als Rausschmiss formulieren, obwohl Sie freiwillig gegangen sind?

Ich habe gesagt, ich gehe freiwillig. Aber man hat mir ja nichts angeboten.

Viele freuen sich, dass eine Frau, Barbara Mundel, Ihre Nachfolge antritt. Aber hat das nicht einen faden Beigeschmack, wenn man sagt okay, sie wurde von der Stadt ausgesucht? Sie tanzt nun vielleicht mehr nach deren Pfeife?

Ich kenne Barbara Mundel gut und finde es eine total richtige Entscheidung, dass ein großes Theater von einer Frau geleitet wird. Und ich freue mich, dass die Kammerspiele in gute Hände kommen.

Mit Ihnen hat beispielsweise auch die Fridays for Future-Bewegung politisch den Weg auf die Theaterbühne gefunden. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass man nicht nur politisch als Theater einen Standpunkt hat, sondern politische Themen im Theater selbst widerspiegelt.

Ich finde es total wichtig. Mir ist bei Theaterproduktionen immer wieder wichtig, dass Themen eine Reibung haben. Eine wunderbare Produktion aus der letzten Spielzeit ist „Farm Fatale“ von Philippe Quesne. Da stehen fünf Vogelscheuchen auf der Bühne. Und die fünf Vogelscheuchen sind arbeitslos geworden, weil es keine Vögel mehr gibt. Also das ist eine Paraphrase, eigentlich eine Dystopie auf den Klimawandel und auf die Beschädigung von Natur.

„Fram Fatale“ ©Martin Argyroglo

Welche Themen gehören noch behandelt? Welche Projekte gehören noch auf die Bühne?

Erst vor kurzem habe ich mit einer Journalistin geredet und für Februar eine Lecture verabredet. Über den rechtsradikalen Terrorismus und die ganze rechtsradikale Bewegung. Ich finde das einen ekelhaften Skandal, wie wenig die Politik die Bevölkerung vor Rechtsterrorismus schützt.

Inwiefern?

Na, zum Beispiel zu den Todeslisten mit 25.000 Namen von „Nordkreuz“ in Mecklenburg Vorpommern. Es gibt einen sehr zurückhaltenden Umgang von Polizei, Staatsanwaltschaft und Politik mit solchen Sachen und ich finde, das ist ein Skandal, dass sie da nicht handeln.

Das gehört auf die Theaterbühne?

Es ist mir egal, ob das Diskussionen oder Lectures sind, oder ob es Inszenierungen sind. Aber den Umgang mit Rechtsterrorismus finde ich im Moment ein großes Thema. Und den Umgang der Politik damit eine horrende Verlogenheit.

Und sehen Sie dann das Theater so in der Position, der Politik generell einen Spiegel vorzuhalten oder doch ein bisschen wach zu rütteln?

In der Art, wie ich gerade von der Produktion von Philippe Quesne erzählt habe. Ich bin nicht der linke Oberlehrer des Freistaats, das interessiert mich dann weniger. Mich interessiert das, eher zu hinterfragen, ist es das, was wir wollen? Eine Welt ohne Vögel und Insekten? Und wie sieht die dann überhaupt aus? Oder was tu ich durch mein Scheissverhalten meinen Kindern an?

Wo sehen Sie aktuell das Theater, in welche Richtung entwickelt sich das gerade?

Im Moment hat man das Gefühl, dass es extreme Visionen von Theater gibt. In den wunderbaren Arbeiten von Susanne Kennedy, die natürlich mit einer Destruktion eines Identitätsbegriffes umgeht. Und es gibt dann die anderen Stimmen wie Fabian Hinrichs oder Joachim Meyerhoff, die wieder eine andere Autonomie des Schauspielers fordern. Dass sich dazwischen Diskurs entwickelt, finde ich großartig.

„Drei Schwestern“ von Susanne Kennedy ©Judith Buss

Und wie sehen Sie das Publikum? Erreicht man wieder mehr jüngere Menschen, die ins Theater kommen? Merkt man da einen Umschwung – vielleicht auch von der Thematik her?

Seit unserem Anfang hat sich der Anteil von Schüler*innen, Student*innen und jungen Leuten im Publikum der Kammerspiele verdreifacht. Wir haben da eine extreme Umwälzung des Publikums hingekriegt und das finde ich erstmal total super. Von 12 auf 33 Prozent. Das können wir einfach über verkaufte Schüler*innen- und Studierendenkarten ablesen.

Liegt das rein an der Thematik oder was glauben Sie, warum kommen mehr junge Leute hier her?

Wir haben eine deutliche Verjüngung der Regisseur*innen und des Ensembles. Ich glaube, dass ein Theater ein bisschen funktioniert wie ein Gasthaus oder eine Bar, oder ein Café. Die Menschen vor dem Tresen sind so alt wie die Menschen hinter dem Tresen.

Da fühlt man sich halt einfach wohl?

Naja, 35-jährige Regisseurinnen erzählen andere Geschichten als 65-jährige Regisseure. Und die Erfahrungswelten formulieren sich dann anders. Die Welt von Susanne Kennedy hat natürlich viel mit Video und mit künstlicher Intelligenz, mit Sounds zu tun und strapaziert das Theater. Dazu kommen Arbeiten wie „König Lear“ von Stefan Pucher, die für alle gesellschaftlichen Teile offen sind.

Könnte sich das ändern, wenn Sie gehen? Geht das Ensemble mit Ihnen mit?

Nee, es bleiben erhebliche Teile vom Ensemble da.

Aber was könnte sich in Zukunft bei den Kammerspielen ändern? Oder wagen Sie da eher noch keinen Blick?

Das müssen Sie Barbara Mundel fragen.

Und Sie gehen zurück nach Berlin?

Ich gehe im Sommer 2020 nach Berlin. Dann kümmere ich mich um meine kleine Tochter. Und dann mache ich ein Festival in Beirut im Oktober 2021.

Also es geht nicht gleich wieder weiter an ein Theater?

Direkt nach dem Verkünden des Aufhörens hatte ich zwei super lukrative Angebote, die ich auch gerne angenommen hätte. Aber da habe ich mich dagegen entschieden. Weil ich finde, man soll auch Verträge einhalten. Und es sind viele Leute wegen mir hierher gekommen. Und im Moment kommt nix an Angeboten, aber das wird sich schon wieder ändern.

Warum geht’s wieder nach Berlin?

Berlin ist der Ort, wo ich meine Wurzeln habe.

Und warum sind Sie eigentlich damals nach München gekommen?

Weil der Kulturdezernat mich umworben hat und weil ich die Kammerspiele immer als warmen, schönen Ort für Theater empfunden habe.

Hat sich das auch so bestätigt?

Ja und nein. (Lacht)

Darf ich da noch weiter nachhaken?

Ne. (Muss selber lachen)

Wie unterscheidet sich das Münchner Publikum im Gegensatz zu Berlin oder anderen Städten?

Das Münchner und das Berliner Publikum stehen sich diametral gegenüber. Die Münchner granteln erstmal drei Jahre rum und adaptieren bestimmte Inhalte und Ästhetiken über das Rumgranteln. Und wenn man das überlebt, darf man für immer bleiben. Die Berliner haben am Anfang eine andere Offenheit und fangen dann nach sieben, acht Jahren an, sich an einem Intendanten zu langweilen und wollen dann neue Tapeten. Also ganz anders.

Gibt es eine Stadt, oder einen Ort wo Sie sagen, da würde es mich echt mal hinziehen?

Ich hätte immer wieder Lust in Sao Paulo oder in Buenos Aires oder Beirut zu leben, oder in Los Angeles. Aber das sind so Sehnsuchtsorte.


Beitragsbilder: Gabriela Neeb, Julian Baumann, Martin Argyroglo, Judith Buss

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