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„Man muss nicht zehn Jahre Plakate kleben, um Verantwortung zu übernehmen“ – Jamila Schäfer im Interview

Wenn Jamila Schäfer über Politik spricht, klingt sie begeistert. Sie klingt so, als hätte sie ihr ganzes Leben kaum etwas anderes gemacht. Bundesvorstand der Grünen Jugend, dann deren Sprecherin, heute stellvertretende Vorsitzende der Grünen – besonders beeindruckend, wenn man weiß, dass Schäfer erst 24 Jahre alt ist.

Wir haben mit der Politikerin, die dem linken Flügel ihrer Partei zugerechnet wird, über ihren Traumberuf, ihre Karriere und den Umzug nach Berlin gesprochen.

Wie oft schaffst du es noch nach München runter?

Ganz unterschiedlich, ich war zum Beispiel letzte Woche da, weil ich Sachen aus meinem alten Zimmer in Kisten und Kartons gepackt habe. Ab Mai habe ich eine Wohnung in Berlin und muss meinen Umzug angehen. Ich habe meiner Familie, Freundinnen und Freunden versprochen, oft zu Besuch zu kommen.

Du warst davor auch schon häufig in Berlin, was machst du dort alles?

Ich war in den vergangenen zwei Jahren viel in Berlin, war Bundessprecherin der Grünen Jugend und davor im Bundesvorstand der Grünen Jugend. Und seit dem 27. Januar bin ich die internationale und europäische Koordinatorin und stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei – ich habe also seit Januar einen neuen tollen Job und habe seitdem hier ein Büro.

Im Moment kümmere ich mich um den Wahlkampf auf europäischer Ebene, nächstes Jahr ist Europawahl und wir Grüne bereiten unsere Kampagne vor und schreiben ein Europawahlprogramm. Ich bin Leiterin der Schreibgruppe und wir treffen uns regelmäßig und diskutieren über die aktuellen Entwürfe. Als Bundesvorstandsmitglied besuche ich die Sitzungen unserer Bundestagsfraktion und unseres Arbeitskreises für Menschenrechte und auswärtige Politik im Bundestag. Außerdem planen wir als Bundesvorstand gerade den Weg der grünen Partei hin zu einem neuen Grundsatzprogramm. Dafür entwickeln wir spannende Diskussionsformate. Denn wir wollen, dass sich viele Menschen innerhalb und außerhalb der Partei an den Debatten beteiligen können.

„Wieso nicht mal ausprobieren, ob ich eine Chance habe?“

Du bist erst 24, wirst in ein paar Tagen 25. Das ist in der Politik ja nicht die Norm. Was hast du anders gemacht?

Ich bin in die Politik gekommen, als in Bayern das G8 eingeführt wurde. Gemeinsam mit meinen Mitschülerinnen habe ich mich am Bildungsstreik beteiligt und wir sind zusammen zu CSU-Veranstaltungen gegangen, um auf unsere Kritik am Schulsystem aufmerksam zu machen. Da habe ich gemerkt, dass es sich richtig lohnt, sich politisch zu organisieren und mit anderen für die gemeinsamen Interessen einzustehen. Auf einer größeren Demo habe ich 2010 die Grüne Jugend kennengelernt und mir gedacht: „Super, dass es politisch organisierte Leute gibt, die selbst noch in die Schule gehen und sich für bessere Bildungspolitik, aber auch noch für andere Themen wie Feminismus, Umweltschutz, Frauenrechte und globale Gerechtigkeit einsetzen!“

Ich bin dann nach dem Abitur zur Grünen Jugend gegangen und habe mich direkt in der Kommunalpolitik und auch als Sprecherin der Grünen Jugend im Wahlkampf zur Kommunalwahl engagiert. Und die politische Arbeit hat mich total fasziniert. Ich habe viele tolle Leute in der Jugendorganisation getroffen. Und wir hatten immer viel Spaß daran, gemeinsam Projekte auf die Beine zu stellen, Demos, Diskussionsabende oder Aktionen zu organisieren. Klar hatte ich dann manchmal sehr wenig Zeit, mich auf mein Studium zu konzentrieren. Aber ich konnte mein Soziologie- und Philosophiestudium an vielen Stellen auch sinnvoll mit meinen politischen Tätigkeiten verbinden. Und philosophische Texte oder sozialwissenschaftliche Studien als Inspiration für mein Engagement nutzen.

Ich habe dann 2014 hauptsächlich für den Bundesvorstand der Grünen Jugend kandidiert, weil der Bundesvorstand angesichts des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz gemeinsam mit anderen Jugendorganisationen eine Gedenkstättenfahrt plante und ich mich gerne in das Projekt einbringen wollte. Dafür zu sorgen, dass sich so etwas wie Auschwitz niemals wiederholt, ist ein wichtiger Grund für mich, Politik zu machen.

Danach war ich dann zwei Jahre Bundessprecherin bei der Grünen Jugend und habe vor allem durch den Bundestagswahlkampf viel Pressearbeit und Kampagnenorganisation gemacht. Ich war in der Zeit auch häufiger Gast in den Vorstandssitzungen der Partei und habe dadurch ganz gut mitbekommen, was die Partei gerade so macht und plant und habe auch dort meine Ideen eingebracht.

Und nach meiner Zeit als Sprecherin der Jugendorganisation habe ich mir einfach gedacht: „Wieso nicht mal ausprobieren, ob ich eine Chance habe, mich im Bundesvorstand der Partei weiter einzubringen und die Europawahl mitvorzubereiten?“ Und es hat geklappt.

Ich find’s cool, dass wir im Vorstand insgesamt als Grüne viele junge Leute haben und als Grüne damit auch zeigen, dass man nicht zehn Jahre Plakate kleben und anderen Leuten nach dem Mund reden muss, um Verantwortung zu übernehmen. Das ist in anderen Parteien vielleicht schon ein bisschen anders.

Junge Leute fühlen sich in der Politik häufig nicht ernst genommen und haben das Gefühl, dass der Respekt fehlt. Ist das bei den Grünen anders?

Ich würde schon sagen, dass wir eine Partei sind, die im Vergleich zu anderen sehr offen ist, was Beteiligung und Meinungsvielfalt in Debatten angeht. Wir sind eine Partei, die um die besten Positionen ringt und dabei keine Angst vor einer Auseinandersetzung hat. Durch diese Offenheit haben neue Mitglieder und auch wir jüngeren Leute bessere Möglichkeiten uns einzubringen.

Aber natürlich ist es auch so, dass unsere Partei nicht frei von Altersdiskriminierung ist. Mir ist es auch schon vorgekommen, dass Leute mir gesagt haben, dass ich „für mein Alter“ etwas gut gemacht hätte – das ist ein Lob von oben herab. Ich finde, es braucht Wertschätzung für Erfahrung. Aber man kann natürlich nicht immer mit Erfahrung argumentieren, wenn Posten besetzt werden, weil man ja auch neuen Leuten die Möglichkeit geben muss, Erfahrungen zu machen. Das gilt für jede Partei. Manchmal wird das zu wenig gemacht – aus Trägheit oder aus Angst, die eigenen Einflussmöglichkeiten abzugeben.

Aber ich freue mich, dass es auch viele erfahrende Politikerinnen und Politiker bei uns in der Partei gibt, die neue und junge Leute mitnehmen und auch mal zurückstecken, um ein paar neuen Perspektiven Raum zu geben. Nur so kann sich eine Partei auch erneuern und positiv weiterentwickeln.

„Es bringt nichts, immer nur von außen über Gesetzgebung und ‚die Politik‘ zu motzen“

Ist Trägheit ein allgemeines Problem der Politik? Viele junge Leute identifizieren sich nicht mehr mit einer Partei, auch die Grünen finden viele junge Leute nicht mehr attraktiv. Müssen sich Parteien erneuern?

Ein Hauptproblem ist ja das Imageproblem von Parteien. Viele Leute denken, dass Parteien eine Art Jubelverein für eine Liste an Positionen sind und dass man als Parteimitglied alle Positionen, die je in einer Partei von irgendwem vertreten wurden und alle Beschlüsse, die je getroffen wurden, zu hundert Prozent unterschreiben muss. Das ist vollkommen falsch. Natürlich identifiziert man sich mit einem Politikansatz und mit grundlegenden Zielen, wenn man in eine Partei eintritt. Aber man beteiligt sich als Parteimitglied ja auch daran, auf dieser Basis Positionen zu verändern, neue Positionen einzubringen und zu entwickeln.

Eine Partei ist eine Diskussionsplattform, ein Organisationsrahmen, in dem man Unterstützerinnen und Unterstützer für seine eigenen Interessen und Ziele finden und seine Vorstellungen voranbringen kann. Ich habe das Gefühl, dass gerade die Leute, die wichtige Kritik an den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen üben, wie etwa an Sozialer Ungleichheit, Umweltzerstörung und autoritären Entwicklungen, das Engagement in Parteien ablehnen. Manche sind resigniert, weil sie den Eindruck haben, dass sich eh nichts ändert und Parteien sich zu wenig für grundlegende Probleme interessieren. Ich kann denjenigen nur empfehlen, ihre Perspektive in einer Partei einzubringen.

Es bringt nichts, immer nur von außen über Gesetzgebung und „die Politik“ zu motzen. Man kann selbst dazu beitragen, dass es weniger zu motzen gibt. Parteien sind eine super Möglichkeit, sich wirksam zu engagieren.

Man muss nicht alles mittragen – welche Grünen Punkte kannst du denn nicht mittragen?

Ich bin Parteimitglied, weil ich unsere grundlegenden Ziele und auch die meisten unserer Positionen richtig finde. Aber natürlich gibt es auch Positionen oder Einschätzungen, die ich anders sehe, als manche andere in der Partei. Es wäre ja auch gruselig, wenn alle immer die gleichen Einschätzungen und Positionen hätten. Zum Beispiel habe ich mich bei einem Parteitag für eine Position bei der Vermögensbesteuerung eingesetzt, die manche Parteifreunde zu radikal fanden. Außerdem war ich nicht dafür, in eine Jamaika-Koalition einzutreten. Und andere in der Partei hätten das gewollt. Am Ende hat uns die FDP durch den Abbruch der Verhandlungen erspart, als Partei eine finale Entscheidung anhand der Sondierungsergebnisse zu treffen.

Und egal, was man mal blöd findet, es ist immer am besten, seine Kritik einbringen zu können, statt sich einfach abzukoppeln.

Scharfe Kritik wird in Bayern zu den Vorstößen der CSU laut. Wie stark geht dein Blick noch nach Bayern? Verfolgst du das noch leidenschaftlich mit oder freust du dich, dass du den Spuk endlich los bist?

Ich finde es super wichtig, dass wir uns auch auf Bundesebene mit dem Polizeiaufgabengesetz auseinandersetzen. Wir unterstützen auch das Bündnis, dass am 10. Mai die Demo in München auf die Beine stellt und zivilgesellschaftlichen Protest gegen dieses unsägliche Gesetz organisiert. Wir brauchen bundesweite Aufmerksamkeit für diese massive Einschränkung von Grundrechten zu Lasten unserer Freiheit. Horst Seehofer hat ja schon angekündigt, dass dieses Gesetz die Blaupause für den Bund sein soll. Und natürlich liegt es mir am Herzen, dass die Menschen in Bayern in Freiheit leben können. Je lauter die Kritik, desto größer ist die Chance, dass wir dieses Gesetz noch abwenden können.

Freiheit ist allgemein nicht verkehrt, ein bisschen Freizeit auch nicht. Du hast neben dem Studium Politik gemacht. Wie hat das geklappt?

Ich würde lügen, wenn ich jetzt „gut“ sagen würde. Meine Eltern haben auch immer wieder gefragt, ob ich mich denn nicht ein bisschen mehr auf mein Studium konzentrieren will, damit das auch mal was mit dem Abschluss wird. Und ich dachte mir schon manchmal: „Mist, jetzt muss ich noch eine Hausarbeit schreiben, dabei würde ich viel lieber diesen Kongress oder diesen Workshop organisieren“ oder umgekehrt. Ein Zeitproblem hatte ich natürlich immer, wie eben alle, die ehrenamtlich Politik machen und versuchen noch zu studieren.

Apropos Anknüpfungspunkte: Hast du aus deinem Studium heraus Positionen mitgenommen, die dich im politischen Leben geprägt haben?

Ich habe auch immer wieder meine Überzeugungen überprüft und Anknüpfungspunkte gefunden, zum Beispiel durch Literatur an der Uni. Wenn wir zum Beispiel Herbert Marcuses Text über Utopien gelesen haben, dann hat mir das natürlich viel über den Antrieb meiner Politik verraten, den ich davor nicht in Worte fassen konnte. Und manchmal fordern Texte dich ja auch in deinen Positionen heraus. Nietzsche zum Beispiel ist total inspirierend, aber auch echt hart zu verdauen.

Und manchmal hat mir mein Studium auch theoretische Erkenntnisse zu Alltagserfahrungen geliefert, die man dann als Wissen für politisches Engagement gut gebrauchen kann. In der Geschlechtersoziologie beschäftigt man sich ja viel mit der Entstehungsweise von geschlechtsbezogener Diskriminierung und patriarchalen Deutungsmustern, die man von klein auf lernt und die die Sicht auf die Welt prägen. Und dann kann man sich auch besser erklären, warum manche Leute denken, es ist total normal, Frauen im Club ungefragt an den Po zu fassen oder weiblich konnotierte Berufe viel schlechter zu bezahlen. Dem liegt ein komplexes Herrschaftssystem zugrunde, das sich in Angewohnheiten und Deutungsmustern und Assoziationen, die in unserem Kopf ablaufen, zeigt.

Das verstehen zu können war total bereichernd für mich persönlich, aber auch für die politische Arbeit.

„An Berliner Seen gibt es kein Alpenpanorama“

Back to Munich: Was waren Punkte, die dich an München gestört haben? 

Welche Stadt ist schon perfekt? Aber ich habe immer gerne in München gewohnt und war ziemlich traurig, wegzuziehen. Was mich aber immer gestört hat, war die Verdrängungspolitik gegenüber Obdachlosen. Man hört dann immer ‚Wow, München ist so reich und hier gibt’s kaum Obdachlose‘. Das liegt aber nicht daran, dass es keine sozialen Probleme gibt, sondern dass sie einfach nicht sichtbar sind.

Was wirst du an München vermissen? Welche drei Sachen würdest du gerne nach Berlin mitnehmen?

An den sonnigen Tagen habe ich mir den Englischen Garten nach Berlin gewünscht und ich wäre auch gerne zum Starnberger See geradelt.

In Berlin soll es ja auch den ein oder anderen See geben.

Aber die sind kleiner und natürlich gibt es da kein Alpenpanorama. Ansonsten vermisse ich auch meine Freundinnen und Freunde, die ich leider nicht mit nach Berlin nehmen kann.

Was sind deine Zukunftspläne? Jetzt im Bundesvorstand, mit Anfang dreißig dann Kanzlerin?

Keine Ahnung, was ich mit Anfang dreißig mache. Zweck meiner Politik sollte es sein, meinen Beitrag dazu zu leisten, die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen. Der Plan ist jetzt, ein cooles Europawahl-Programm zu schreiben, mit dem wir nicht nur vielen Leuten zeigen können, dass es sich lohnt, für ein gemeinsames Europa zu kämpfen, sondern die EU positiv verändern können. Ich glaube, nur dann haben wir eine Perspektive für ein solidarisches, nachhaltiges, demokratisches und friedliches Zusammenleben.

Vielen Dank Jamila Schäfer für das Interview.


Beitragsbild und Foto bei der Rede: Erik Marquardt

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