Kultur, Nach(t)kritik

So Freier sein zu warten

Michael Prakash

lebt in München und schreibt, schreit und tanzt gerne. Theater, Kino und Kunst sind hier als besondere Leidenschaften anzugeben.
Michael Prakash

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Johannes Sima

Das Gelände des Pathos München ist ein „historisches Industrieareal“, und so sieht es auch aus. Abbröckelnder Mauerputz flankiert unebenes Steinpflaster, das in verschiedene kleine Hinterhöfe lockt. Gegen den Rest sichtbaren Himmel ragen benachbarte Gebäude, die nach noch mehr Ex-Industrie aussehen. Gewöhnungbedürftig, aber vielleicht gerade dadurch reizvoll. Dennoch: Eigentlich kein Ort an dem man abends gerne wartet. Diesen Abend schon. Vergangenen Montag war die Premiere von „Die Freier“ einer Koproduktion der Otto Falckenberschule mit dem Pathos München.

Nicht 110d wie vermutet sondern 112-und-noch-was  liegt die Spielstätte. Allerdings ist der Menschenpulk, umzäunt von rot-weißem Absperrband, ohnehin nicht zu übersehen. Nebenan steigt wohl eine WG-Party. Irgendein Mottoabend. Und ein schwarzes Auto hat geparkt, mit einer Chouch im Kofferraum. Fast ein Foto wert. Rote Lichterkette am Fenster. Roter Teppich. Irgendwie ein kurioser Ort, dieses Pathos. Wer sich beim Warten auf den Beginn des Stückes ein bisschen umschaut, sieht, dass die Parkplätze reserviert sind. Odysseus, Ithaka, Gäste, Homer, Freier. Aber die Plätze sind leer. Und wer, während dem Warten natürlich, noch ein bisschen weiterdenkt, muss empfinden, dass die Seltsamkeiten sich häufen…

So eigenwillig der Ort auch ist, so gut passt er zu dem Stück. Die Darsteller spielen draußen, sie spielen drinnen, sie spielen auf Vordächern der Häuser  oder dort, wo der Zuschauer sie überhaupt nicht sieht. Wie Machos kommen sie daher, mit Sonnenbrillen, offnen Hemden und Muskeln die vom Kopf bis zum Boden reichen. Harte Kerle? Im Gegenteil. Im Verlauf des Stückes zeigt sich schnell, dass diese Männern-WG nur aus Spielkindern besteht. Ewig Wartende mit einer Faszination für alberne Machtkämpfe und skurill-kreativen Staubsaugerplastikquallen. Männer mit weichem Kern, die im Pina bauschigen Balzwettbewerb ihre Gefühle im wahrsten Sinne des Satzes, zum Fenster hinausschreien, weinen und damit eine Ode an eine Abwesende feiern. Ein bildergewaltiges Seifenblasen-, Taschtücher-, Haucheherzen-Chaos mit so passend emotionaler Musik, dass man selbst entweder mitweint, oder über die ganze Szenerie lachen muss. Und nach dem ganzen Warten und Tanzen gibt es einen großen Show-down. Versprochen.

freier 02

„Die Freier“ ist irritierendes, interaktives, lustvolles Schautheater. Eine abstrakte Episoden-Performence. Ein erfrischend Pantomimespiel. Und eben auch ein ordentliches Stück an Regietheater. Nicht immer ist nachvollziehbar, warum wer was tut, oder was das Ganze eigentlich mit Griechen zu tun hat. Aber so wichtig ist auch irgendwie gar nicht. Freude am Beobachten von Menschen, etwas Geduld und Neugier auf Ungewöhnliches reicht, um als Zuschauer ein ideenreiches, absurd-komisches Scheinepos zu genießen. Wäre Warten und gucken doch immer so vielseitig…

Und mit etwas Glück gibt es ein Radieschenmäuschen.

Radieschenmäuschen mucbook

Weitere Vorstellungen:

7. Juni, 9. Juni, 12. Juni, 17. Juni – jeweils 20:30 im Pathos München

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