Kinogucken, Kultur

Sommer, Winter, Sommer

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Peter Gardill-Vaassen

Journalist, Texter und Ideenschmied bei text&ideenbüro alltagdigital
Münchner Journalist, Blogger, Organisationstalent.
Mag das Leben in der Stadt, Ist fasziniert vom digitalem Alltag, schreibt über Selbstorganisation sowie Freizeit und Kultur.
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Dr. Rosenbauer (links), daneben Harald Rumpf und weitere Breitenberger

Zur laufenden Imagekampagne für Hausärzte passt der, leider nur am Vatertag auf dem DOK.Fest gezeigte Film „Sommer, Winter, Sommer“, des Journalisten Harald Rumpf perfekt. Rumpf begleitete zwei Jahre lang Dr. Michael Rosenberger, Landarzt im niederbayerischen Breitenberg mit seiner Kamera und zeigt dabei ein Bild, das so gar nicht in die Fünf-Minuten-Abfertigung der städtischen Hausärzte passen will.

3000 Menschen leben in Breitenberg an der Grenze zum Böhmerwald und Dr. Rosenberger ist einer von Ihnen. Ganz egal, ob er zur Behandlung einer „Depression“ als fehlender Schafkopfer ins Wirtshaus gerufen wird, oder am Königstag singend und verkleidet durch den Ort zieht. Dr. Rosenbauer ist ein nicht wegzudenkedes Mitglied der „Dorf“-Gemeinschaft, das nächste Krankenhaus ist im weit entfernten Passau.

Ungewöhnlich ist Rosenbergers Arbeitstag zwischen Hausbesuch, Notarzteinsätzen und Praxisbetrieb. Er ist einer, der seinen Patienten nicht nur gezwungenermaßen körperlich nah steht. Mehrmals wöchentlich behandelt er gleich morgens eine Borderline-Patientin, die sich selbst regelmäßig Verletzungen zufügt. Ihr Körper eine einzige Narbenlandschaft, mal schneidet sich sich mit Glasscherben, dann mit Rasierklingen. Dr. Rosenbauer näht die Wunden so gut er kann – keine Ermahnungen an die Patientin- er weiss, was sie treibt, und dass sie nicht anders kann. Einmal, nachdem er eine ihrer besonders üblen Schnittwunden näht, bietet er ihr ein Skalpell an – gegen das Versprechen, sich künftig höchstens nur noch einmal wöchentlich zu schneiden.

Angetreten ist er vor 20 Jahren in Breitenberg, mit der Vorgabe keinen seiner Patienten sterben zu lassen. Inzwischen hat er den Tod als Bestandteil des Lebens akzeptiert. Seine zusätzlichen Kräfte- und zeitraubenden Einsätze als Notzarzt will er nicht lassen – der Adrenalinkick ist ihm zu wichtig, gesteht er. In einer Filmszene hadert er auf einer seiner Notarztfahrten mit der Sprachsteuerung seines Navigationsgerätes, das ihn partout nicht verstehen will. Ein Problem, das auch der Zuschauer bisweilen mit dem Dialekt der Breitenberger hat.

Da der Film im Rahmen des DOC.Festes München-Premiere hatte, besuchte Regisseur Rumpf mit einem Teil seiner Film-Protagonisten das ARRI-Kino. Begleitet von brandendem Applaus stellten sich Filmcrew, „Hauptdarsteller“ Dr. Rosenbauer und andere Protagonisten aus Breitenstein im Anschluss den Fragen und der Sympathie des Publikums.

Sommer, Winter, Sommer ist aus einem Beitrag über Dr. Rosenberger in der SZ entstanden, den Harald Rumpf interessant fand. Daraufhin besuchte er den Arzt und schnell wurde klar, dass die Chemie zwischen den beiden stimmte. Aus den folgenden zweieinhalb Jahren Begleitung – während derer Rosenberger anfangs nicht glaubte „dass des no was werd“, entstanden dann 90 Stunden Filmrohmaterial. Dabei ist ihm ein stilles, aber aufrüttelndes Portrait gelungen, das mit seinen direkten Bildern den Zuschauer in eine nahe und doch fremde Welt entführt und ungewohnte Facetten des Arztseins aufzeigt.

Im Anschluss an die Diskussion konnte wer wollte, noch mit Landarzt, Regisseur und den restlichen Begleitern aus Breitenbach im Max-Emanuel-Biergarten ausgiebig das Landarztleben diskutieren. Im Herbst wird der gelungene und absolut sehenswerte Film im BR gezeigt, falls sich interessierte Kinos finden, will Rumpf noch Vorführungen rund um das DOK.Fest organiseren.

Das Foto zeigt: Dr. Rosenbauer (2.v.l), daneben Harald Rumpf und weitere Einwohner aus Breitenberg, die im Film mitgewirkt haben

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