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Stadtteilnamen für Besserwisser: das -ing Prinzip

Ich wette, die meisten von euch haben es schon mal zu hören bekommen: „Bei euch in Bayern klingen alle Ortsnamen gleich!“ Oder: „Ich kann die ganzen Orte hier nicht auseinanderhalten!“

Stimmt. Wir hinterfragen das hier gar nicht mehr. Unsere Stadtteile heißen Schwabing, Sendling, Giesing und man könnte die Reihe noch für Stunden fortführen. Die Orte außerhalb haben Namen wie Straubing, Freising oder Erding. Ich selbst komme aus einer Gegend, da heißen die Orte Tübingen, Böblingen und Hailfingen, aber das nimmt sich nicht viel.

Immer das gleiche Spiel: Wo kommst du her?

Woher kommen diese Namen? Was hat es mit diesen immer gleichen Endungen auf sich? Vergleichbar ist die Funktion dieser Endsilbe mit der Schwedischen Namensgebung. Hier wird dem Kind der Namen eines Elternteils gegeben, abgewandelt mit der Endsilbe -son oder -dottir (Sohn oder Tochter). Es wird also die Zugehörigkeit ausgedrückt.

Genau das bedeuten die -ing-Endungen auch. In der Fachsprache handelt es sich dabei um einen „lokativischen Dativ Plural“, also Dativ, der den Ort bestimmt.

Ausgedrückt wurde damit, welcher Hof an der Stelle lag oder welcher Häuptling das Sagen hatte. Die heutige Silbe -ing kommt ursprünglich vom germanischen -jung, spielt also auf die Nachkommen und Untergebenen an.

Die Germanen bringen das -ing durch Völkerwanderung bis nach England

Die Verbreitung im süddeutschen Raum lässt sich dann wiederum mit der Völkerwanderung bis zum 9. Jahrhundert begründen. Da gingen die Germanen sogar so weit, dass das -ing bis auf die britischen Inseln getragen wurde. So kommt es, dass es dort Orte wie Reading oder Islington gibt.

Und was bedeuten die Ortsnamen in München?

  • Der Name Lehel hat sich auch aus der Lautverschiebung im bayrischen Dialekt ergeben. Dort wo heute alte Stadthäuser stehen, stand früher ein kleines Wäldchen, eine Lohe. Oder in der Verniedlichung ein Löhel. Das h wird übrigens als ch gesprochen.
  • Milbertshofen leitet sich von dem ehemaligen Hof, der Mühlmazze herstellte, ab. Also Mühlmazzhofen.
  • Am Hasenbergl gingen die Fürsten einst auf Hasenjagd, das macht dort heute auch niemand mehr.
  • Aus der Gegend, die dafür bekannt war, dass sich Wildschweine dort suhlen, wurde Suhlen zu Solon zum heutigen Solln.
  • Woher der Name Thalkirchen kommt, liegt auf der Hand (für die etwas langsameren: Kirche im Tal) und was hinter Ludwig-, Max- und Isarvorstadt steckt, ist auch nicht zu schwer zu erkennen.
  • Kleines Extra: Der Name München geht auf die Mönche im Kloster Schäftlarn zurück. Die wurden im 12. Jahrhundert das erste Mal auf Mittelhochdeutsch als „bei den Munihen“ dokumentiert.

Was lernen wir draus?

Mit diesem Hintergrundwissen kann man sich heute auf eine Tour durch Deutschland und die umliegenden Länder machen und die Ortsendungen erforschen: -ing -ingen -engen -in -eng -ung. Fast jeder Ortsname lässt sich auf das gute alte -ing zurückverfolgen. Mit der Art, wie genau der Suffix sich jetzt entwickelt hat, kann man bestimmt tolle Sprachanalysen durchführen.

Man kann es aber auch bleiben lassen.

 

Bild: Ronja Lotz

Sophia Hösi

Obligatorische Redaktionsschwäbin (wir sind überall)
Wahlmünchnerin seit 2013, zu finden irgendwo zwischen Ostbahnhof und Sendlinger Tor, wahrscheinlich an der Isar.
Sophia Hösi
1Comment
  • Manuel
    Posted at 16:33h, 18 August

    Sehr interessanter Artikel. Mal wieder eine Besserwissergeschichte, die man seinem Besuch erzählen kann.

    Wer das mal visualisiert bekommen möchte (die Verteilung ist dann deutschlandweit auch gar nicht mehr so gleichmäßig) , und vielleicht auch an Vergleiche zu anderen Ortsnamensendungen interessiert ist, kann einem Blick in http://truth-and-beauty.net/experiments/ach-ingen-zell/ werfen.

    Grüße

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