Kultur, Nach(t)kritik

Tanzwerkstatt Europa: Schüttel deinen Speck!

Lara Schubert

Lara, liebt das Theater, studiert die dazu gehörige Wissenschaft und da liegt es nahe, dass sie gern darüber schreibt. Manchmal macht sie auch selbst Theater, oder schaut Anderen dabei zu. Ein Münchner Lockenkopf, der seine Nase in alle Kulturangelegenheiten steckt und sie hier gerne mit euch teilt.
Lara Schubert

Die Tanzwerkstatt Europa präsentiert nackte Tatsachen und ein Archiv sexueller Performances in More than naked und 69 Positions.


Heute wird’s ziemlich nackig – anders war es ja bei dem Titel der Performance, more than naked auch nicht zu erwarten. Ein gespanntes Publikum füllt die Muffathalle und trifft die Choreographin höchstpersönlich an. Gekleidet in eine silberne Jacke und dazu passende Stiefel, steht sie hinter dem DJ-Mischpult, sie wird den Abend dirigieren und mit ihrer Musikauswahl das Fleisch zum Schwingen bringen. Doris Uhlich hat ihre Liebe zum Tanz früh, die Entdeckung, dass sie selbst eine Tänzerin sein will, erst später gemacht. Im Zuge der Ausbildung zur Tanzpädagogin wird ihr bewusst, dass auch ein nicht „idealer“, festerer Körper tanzen kann. Und hier liegt auch der Ausgangspunkt ihrer Arbeit, beispielsweise mit älteren Menschen. Interessant ist eben manchmal nicht was der Körper alles kann, sondern seine Grenzen und Fragilität.
In more than naked spielt das jedoch keine Rolle. Hier sind es Tänzer, die erst ihre Ausbildung abgeschlossen haben und wo der Körper noch alles zu können scheint. Zu zwanzigst betreten sie die Bühne. Jeder nimmt seine Position ein und es bildet sich ein nacktes Tableau. Die einen sitzen, die anderen stehen oder eben irgendetwas dazwischen. Es beginnt mit einem sanften Kopfnicken oder Fußwippen, die Musik wird immer lauter und die Bewegungen immer intensiver. Für den Zuschauer entsteht eine fesselnde Dynamik.

Die Bewegungen werden immer stärker und es wird geschüttelt was wackeln kann. Denn man mag es kaum glauben, aber auch bei professionellen Tänzern gibt es weiche Stellen. Und genau die werden jetzt beansprucht, geschüttelt und bewegt. Der humoristische Effekt ist groß, wenn Tänzer und Tänzerin sich begegnen und gegenseitig verschiedenste Stellen zum Schwingen bringen. Shake what your Mama gave ya – kommt es einem in den Sinn.

Sobald die Musik jedoch aussetzt, wirkt die ganze Szenerie beinahe absurd. Das Einzige, was jetzt noch zu hören ist, sind nackte Körperpartien, die aufeinanderprallen. Die Reminiszenz an Abramovic und Ulay ist dabei durchaus beabsichtigt. Als DJ Jane Doris Uhlich ihren Platz hinter dem DJ Pult verlässt und nun allein auf die Bühne tritt, wird einem zuerst bewusst, dass sie die ganze Zeit keine Hose anhatte. Wenn der Reißverschluss der Jacke schließlich aufgezogen wird, erscheint der nackte Körper in seiner Blöße, aber vor allem im Kontext der Bewegung, als etwas Vollkommenes und seine Konstitution wird dabei zur Nebensächlichkeit degradiert.

69_positions__c__Virginie_Mira

Mette Ingvarsten hebt an den nächsten zwei Abenden Nacktheit auf ein anderes Level. Wer das Programm in den Händen hält, liest den ersten Satz der Stückbeschreibung: „Exess, Nacktheit, Orgie, Erotik, ritualisiertes Vergnügen, Interaktion mit dem Publikum und politisches Engagement – …“

Na das kann ja heiter werden! Doch man wird eines Besseren belehrt, denn 69 positions führt durch ein Archiv der sexuellen Erfahrungen, Utopien und erforscht ein zeitgenössisches, künstlerisches Verständnis sexueller Praktiken.

Mette Ingvarsten ist dabei Performerin und Fremdenführerin. Sie leitet den Zuschauer durch einen Raum aus Performances, Büchern, Filmen, Texten und Bildern. Alles was Ingvarsten hier beschreibt, liest und demonstriert, wird auch erfahrbar gemacht. Wer gerne mitmachen möchte, hat die Möglichkeit dazu, wer das Ganze aus einer sicheren Distanz betrachten möchte, kann das ebenso gut.

Zunächst ist man beruhigt, die Bühne ist wie eine Rauminstallation aufgebaut und der Zuschauer kann sich in einem offenen Käfig aus Bildern und Bildschirmen frei bewegen. Es beginnt mit einem Schlendern durch den Raum, einem sich Vertraut-Machen mit der Umgebung. Es riecht nach frischem Plastik.

Als Mette Ingvarsten beginnt zu sprechen, ist sie vollkommen bekleidet, erzählt dabei professionell wie eine Museumsführerin. Sie entführt in eine Welt der unterschiedlichen Aspekte von Sexualität und ihrer künstlerischen Verarbeitung. Bei einer Schilderung von Carolee Schneemanns lecture, in der sie sich immer wieder aus- und anzog, beginnt auch Ingvarsten sich auszuziehen. Anders als bei more than naked wirkt die Nacktheit hier viel expliziter, da sie sich auf eine Person konzentriert.

Es gibt jedoch auch Parallelen, wenn sie beispielsweise ihre eigene Arbeit zitiert und dabei ausgiebig mit dem Hintern wackelt. Auch hier müssen alle lachen. Mette Ingvarsten bleibt nackt. Die Art, wie sie erzählt, mit dem Publikum spielt und dabei auf es eingeht, nimmt die Beklemmung, die zu Beginn ansatzweise entsteht. Fortan ist eine Mischung aus Irritation, Unbeholfenheit und Neugier aus den Gesichtern zu lesen.

Nacktheit und Erotik gehören für uns automatisch zusammen. Für Doris Uhlich hat dieser Zusammenhang in more than naked keine Rolle gespielt. Das macht es einfach ihr zu folgen und sich in den Bewegungen der nackten Körper zu verlieren. 69 Positions spielt mit Nacktheit und Erotik. Es ist ein Wechsel aus Nähe und Distanz, dem Zuschauer als Teil der Performance, wird dabei viel abverlangt. Man lernt viel, über sich und die eigenen Einstellungen und am Ende ist man froh, dass man dabei war.

Wann: noch bis 8. August 2015

Wo: Muffathalle / Schwere Reiter

Was:  Tanzwerkstatt Europa

Fotocredit: Titelbild: Andrea Salzmann, Beitragsfoto: Virginie Mira

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