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This Is Atomic Love: Die Filmemacher Heike Schuffenhauer und Marc Seibold im Interview

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Am 5. Mai hat ihr Dokumentarfilm “This Is Atomic Love” Premiere am DOK.fest: Wir haben die beiden Filmemacher Heike Schuffenhauer und Marc Seibold zum Interview getroffen:

Mucbook:  Wie kamt ihr auf die Idee, einen Film über das Atomic Café zu machen?

Heike: Wie viele solche Sachen war es natürlich erstmal eine Schnapsidee. Die ist im Atomic entstanden, weil es immer wieder hieß, dass das Atomic zumacht, zum ersten Mal 2013. Da hab ich irgendwann gedacht, da muss man eigentlich einen Film drüber machen. Dann hab ich das wieder vergessen, weil es das Atomic ja weiter gab. Und im Jahr drauf war das dann wieder so und diesmal wirklich. Da hab ich gesagt, das mach ich jetzt. Und habe den Marc überzeugen können, mitzumachen.

Marc: Ich kann mich echt noch gut an den Tag erinnern. Du kamst auf mich zu und warst ganz geheimnisvoll (lacht). Und meintest “komm, lass uns einen Film übers Atomic machen, das hat jetzt nur noch zwei Wochen auf.” Es war tatsächlich auch wichtig, dass wir da gleich angefangen haben, weil wir so tatsächlich auch noch die letzten Tage im Atomic drehen konnten. Wenn wir das nur im Nachhinein gemacht hätten, wäre es schwieriger gewesen noch einzutauchen in diesen Club.

Heike: Kurz danach haben wir das Crowdfunding gestartet und Interviews gedreht, Archivmaterial gesammelt und geschnitten.

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Marc: Das war wirklich das allerschlimmste daran, diese tausenden Interviewanfragen an die Künstler. Du hast einen Künstler und der sagt dir schon, dass er Bock drauf hat. Aber damit ist es ja nicht getan. Dann musst du 7 Adressen anschreiben, von denen du nichts hörst. Das hat uns fast das Genick gebrochen.

Heike: Man ist ja kein großer Name. Das gute ist aber schon, dass das Atomic zieht. Es hatten alle Bock drauf, weil sie’s kannten. Du schreibst halt irgendwelche Manager in England an und die sagen, dass sie sich erinnern können. Oder irgendwelche Labels in Hamburg die sagen, dass sie da auch ganz oft waren.

Es ist zwar ein Indie-Projekt, aber dadurch dass das Atomic jeder kennt, waren viele bereit mitzumachen. Es ist erstaunlich wenn du im Interview sitzt mit Künstlern und die erinnern sich noch trotz der vielen Konzerte, die sie jedes Jahr spielen. Das war auch der Grund, warum wir gesagt haben dass wir den Film machen. Weil es ein Ort ist, der im Gedächtnis bleibt. Auch für Bands, die sonst überall auf der Welt spielen.

Marc: Das war echt einer meiner Lieblingsmomente, im Interview mit den Kaiser Chiefs. Da sind wir extra nach Berlin gefahren und haben sie getroffen. Ich meine, die spielen da jetzt auf Riesenbühnen und haben 2005 im Atomic gespielt. Wir hatten nur einen 5-Minuten-Slot und plötzlich fängt der an zu erzählen und dann dauerte das Interview eine Viertelstunde, weil der eine Anekdote nach der anderen von diesem Abend erzählt. Dass er sich an das Stagediven erinnern kann und den Backstage und solche Sachen. Man müsste mal ausrechnen, in wie vielen Clubs die seither gespielt haben und das trotzdem noch so präsent haben. Als wären das irgendwelche Münchner Dudes, die sich im Atomic gegründet haben. Dass die Sportis sich daran erinnern können, ist klar. Aber bei so Bands wie den Kaiser Chiefs – da denkt man schon “gut, dass wir einen Film darüber gemacht haben”.

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Seid ihr diesem Phänomen im Film näher gekommen, warum das so ist? Das ist ja schon erstaunlich und einzigartig.

Heike: Für Bands ist es auf jeden Fall die Einrichtung, weil diese Clubs ja normalerweise sehr punkig und abgeschrammelt sind. Wenn du da so eine liebevolle Einrichtung hast, bleibt es halt im Kopf. Ansonsten ist es auch die Herzlichkeit der Besitzer und der Leute, die dort gearbeitet haben. Es war nie ein Thema, dass jemand zu einer Band gesagt hat “Hey, ihr habt jetzt das ganze Bier ausgesoffen, ihr müsst jetzt gehen”, wie man das sonst kennt. Und ein grosser Punkt ist auch, dass es danach den Clubabend gab. Es ist einfach für Konzertbühnen total ungewöhnlich, dass danach nicht ausgekehrt wird, sondern dass du feiern kannst. Dadurch haben auch die Bands einen ganz anderen Abend. Die müssen nicht sofort in den Tourbus und in die nächste Stadt.

Marc: Und natürlich auch, weil es den Laden so lang gab. Viele Läden gibt es 3-4 Jahre und dann heissen sie anders oder es übernimmt sie ein anderer. Das war einfach ein Laden, der eine Geschichte hat. Das zählt für Bands schon, die am nächsten Tag in irgendwelchen Hallen spielen, die nur dafür kurz aufgebaut werden. Judith Holofernes beschreibt das im Film so: “Wenn du in Mehrzweckhallen spielst, die tagsüber Eiskunsthallen sind und es da dieses Saw-mässige Flackern der Neonröhren hat, ist das nicht so gemütlich.” – so in etwa. Da merkt man schon, dass es für die Bands wichtig ist, wenn so ein Laden ein bisschen was auf dem Kerbholz hat und etwas dreckig ist…

Heike: … und auch einfach so eine Liebe ausstrahlt.

Wart ihr denn selber auch regelmäßig da?

Heike: Ich bin 2001 von London nach München gezogen. Das Atomic war dann mit der erste Club, in dem ich war. Das war schon so ein bisschen ein Ankommen. Ich kam aus einer Großstadt nach München, also in eine Stadt die sehr aufpoliert ist. Und dann kommst du in einen Laden, wo die Leute einfach das machen, was ich eben auch aus London kannte – Jungs mit ein bisschen Make-Up und Mädels die ganz cool aussahen, was du auf der Strasse einfach nicht gesehen hast. Da dachte ich schon, dass es Sinn macht, in München zu sein. Ich war dann auch nicht in anderen Clubs. Auf Konzerten natürlich schon, aber das war der Laden wo ich getanzt habe und ganz viele Freunde getroffen, habe, die dort auch verankert sind.

Marc: Bei mir war das war ganz lustig – ich hatte das Atomic erstmal als ganz anderen Club wahrgenommen, weil ich mit den Leuten von MunichOpenMinded da war, die halt Hiphop gemacht haben. Für mich war das Atomic am Anfang erstmal ein Hiphop-Laden, was eigentlich total absurd ist.

Aber wie man halt so ist, wenn man jung ist und zum ersten Mal so einen Laden hat, kennt man irgendwann die Leute und kriegt zum Beispiel mal so einen Schnaps ausgegeben weil man öfter da ist. Das hat für mich damals die Welt bedeutet, wenn ein gestandener Barmann dir einen Schnaps umsonst gibt. Man geht durch die Tür durch und es ist eine eigene Welt, und du gehörst irgendwie dazu. Das ist geil und das gab’s nicht so oft in der Stadt.

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Der Film ist ein Rückblick auf das Atomic Café. Erlaubt das auch Rückschlüsse auf die Stadt, wie sie jetzt ist? Was fehlt, was anders ist?

Heike: Wir haben natürlich O-Töne dazu im Film, auch zum Thema Gentrifizierung. Dass das Atomic mehr oder weniger vertrieben wurde von einem Klamottenhersteller, aber der Laden jetzt leer steht. Der Klamottenladen wurde ja nur um ein paar Meter erweitert. Aber es liegt halt daran, dass Clubs laut sind und dreckig. Und Schmutz muss weg aus der Innenstadt. Es wird auch gesagt, dass München da etwas rückständig ist und dass andere Städte das anders handhaben. In Hamburg sollte zum Beispiel der legendäre Club “Molotov” schliessen und dann hat sich die Stadt drum gekümmert, dass es ein Ausweichquartier gibt. Das Molotov ist ziemlich vergleichbar mit dem Atomic.

Marc: Es ist ja ein reiner O-Ton-Film und es gibt keinen Off-Text. Das heisst es sind tatsächlich die Meinungen von den Leuten, die wir zusammenkomponiert haben. Da haben wir schon probiert, ausgewogen zu sein, damit jeder sich selber Gedanken machen kann. Wir wollten da nicht zu krass Stellung dazu beziehen. Manche haben auch den Standpunkt, dass Kultur sich selber tragen muss. Mei, sind wir ehrlich, wenn die beiden es geschafft hätten, woanders einen Laden aufzumachen, hätte der wahrscheinlich auch funktioniert. Haben sie aber nicht aus verschiedenen Gründen. Das ist halt immer schwierig – wir wollten nicht sagen “Oh, die böse Gentrifizierung!”

Heike: Der Film zeigt auch, dass es tatsächlich auch eine Veränderung im Musikkonsum gibt. Dieses spezialisierte Indie-Ding gibt es einfach nicht mehr. Vielleicht kommt es nochmal, wer weiß. Aber diese Nischenhaftigkeit gibt es aktuell nicht mehr. Das wird auch angesprochen. Es wird halt immer schwieriger, einen Laden in der Richtung auch zu halten.

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Jeder eingermaßen jüngere Mensch in München war wohl schon mal im Atomic und scheint zu beklagen, dass es nicht mehr da ist. Es ist schon ein Club, der sich in diese Generation quasi eingefressen hat. 

Marc: Ja, das ist wahrscheinlich auch unser Glück. Der Laden ist jetzt zwei Jahre zu, wir merken es aber am Feedback von den Leuten, dass er immer noch fehlt. Es gibt nichts, was dem auch nur ansatzweise nahekommt. Und diese Geschichten, die jeder in seinem Lebenslauf hat – dazu gibt es einfach nichts vergleichbares seitdem.

Heike: Aber auch, weil er 18 Jahre lang existiert hat. Vielleicht gibt es jetzt irgendwas, was dann in 5 Jahren im Rückblick ähnlich ist.

Am 5. Mai feiert euer Film Premiere am DOK.fest. Sollen die Leute Taschentücher mitbringen?

Heike: Wir arbeiten schon so lange an dem Film und haben ihn so oft gesehen …

Marc: …ich hab total Angst…

Heike: … ich bin beim Ansehen mal total emotional, mal eher nicht weil ich ihn schon so oft gesehen habe. Aber das Feedback von den Leuten, die den Trailer gesehen haben, war schon: “Ich hab ein Tränchen verdrückt”.

Marc: Das wundert mich tatsächlich. Wir hatten nämlich erst eine Version geschnitten, die voll auf die Tränendrüse drückt. Und dann haben wir uns gedacht, “das können wir nicht machen” und machten eine entspannte Version. Trotzdem haben wir aber Nachrichten bekommen von Leuten, die meinten sie hätten Pipi in den Augen und sowas.

Heike: Ich denke, es ist ein unterhaltsamer Film. Er soll ja auch unterhaltsam sein für Leute, die nie da waren, sich aber prinzipiell für Musik und Clubkultur interessieren. Aber natürlich, wenn man eine Beziehung dazu hat wird man schon traurig sein. Wir haben versucht, diese Emotionen am Ende auch nochmal aufzufangen und mit einem positiveren Gefühl rauszugehen.

Da sind wir mal gespannt und freuen uns drauf. Vielen Dank für das Gespräch!

“This Is Atomic Love” am DOK.fest:

Freitag, 05.05.2017, 21:30 / Atelier  / Ausverkauft

Donnerstag, 11.05.2017 21:30 / Hochschule für Fernsehen und Film / Open Air, Eintritt frei

Samstag, 13.05.2017 21:00 / ARRI Kino / Ausverkauft


Fotos: © Vilmos Veress // Beitragsbild/Screenshots: © DOK.fest/This Is Atomic Love

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