Kinogucken, Leben

Trotz Tendenz zur Vergesslichkeit die Erinnerung bewahren

das wirst du nie verstehen (c)anja salomonowitz

In einigen Jahren wird es Erinnerungen an die zwanziger und dreißiger Jahre fast nur noch verschriftlicht, aus mündlicher Überlieferung und Sekundärquellen geben. Eine Filmreihe im Stadtmuseum hält die Erinnerung wach.

Sehr viele Zeitzeugen der NS-Diktatur sind schon gestorben.

Es gibt diese Mauer des Verstehens, über die kommt man nicht. Wir sind auf der anderen Seite. Wir können Nachrichten empfangen von der anderen Seite, wir können uns die Dinge anhören, und das sollen wir auch immer versuchen. Aber wir werden diese Mauer nicht übersteigen können.
Knut Elstermann

In der Auseinandersetzung mit dem Naziterror rückte mit der Zeit das Altern der Betroffenen immer stärker ins Bewusstsein, und damit der nahende Verlust der wichtigsten Stimmen – nämlich der Stimmen derer, die das Geschehene selbst erlebten. Selbst das Knopp’sche Zeitzeugenfernsehen konnte sich dem nicht entziehen. Nun findet dieser Wechsel statt, der Übergang von der 2. auf die 3. Generation, mit dem das Berichten des Erlebten endgültig abgelöst wird durch stärker narrativierte Formen der Vermittlung. Dies birgt das Risiko, dass vorgefertigte Bilder zunehmend für »die Geschichte« stehen und das Fragen und Suchen ersetzen. Im familiären Kontext geschieht dies ständig, indem man das vorgefertigte Familiennarrativ übernimmt und weiterträgt. Umso überraschender ist, dass der Dokumentarfilm im vergangenen Jahrzehnt gerade Wege fand, im familiären Umfeld gegen die tradierten Bilder vorzugehen. Es geht ums Erzählen oder vielmehr darum, etwas erzählt zu bekommen. Zumeist beginnt es als Konfrontation mit dem Nicht-Wissen, mit der Suche, und damit als Auseinandersetzung mit dem Schweigen, dem Nicht-Erzählen, dem Nicht-Erzählten. Überlebende schwiegen, um ihre Partner, ihre Kinder, ihre Familien nicht zu belasten und um das einmal Erlittene nicht erneut durchzumachen. Auch in den Familien der Täter wurde geschwiegen, mit dem großen Unterschied, dass dieses Schweigen zur Mythenbildung führte, da das Familiengedächtnis »unter den Erfordernissen von Kohärenz, Identität und wechselseitiger Loyalität jedes Mitglied dazu verpflichtete, die ›gute Geschichte‹ der Familie aufrechtzuerhalten und fortzuschreiben.« (Harald Welzer)
Es gibt verschiedene Arten des Schweigens, meint die Filmemacherin Anja Salomonowitz: eines, das redet, um von anderem zu schweigen, und eines, das schweigt, weil es sich zu sehr erinnert. Dies entspricht den Erfahrungen, die die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Rosenthal in ihren Interviews sowohl mit Überlebenden der Shoah als auch mit Tätern des NS-Regimes machte: Überlebende schweigen vollkommen, da sie es nicht ertragen, die erlebte Grausamkeit sowie die tagtäglich erlittenen Situationen der Demütigung und Erniedrigung, des Appellstehens, des Sterbens von Mithäftlingen, des Hungerns zu narrativieren. Mitläufer und Täter des Nationalsozialismus hingegen berichten bereitwillig von den Kriegsjahren, jedoch meist in wenig bedrohlichen Anekdoten, um die eigentlich grauenvollen und möglicherweise belastenden Erlebnisse zu verdecken. Die fünf Filme dieser Reihe nähern sich den speziellen Problemen des Erinnerns, des Tradierens, des Verdrängens in der Familie. Sie beschreiten dabei grundverschiedene Wege und werfen fundamental unterschiedliche Fragen auf. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nicht in die Falle tappen, lediglich private Familiengeschichten abzubilden. Zu den verschiedenen Arten des Schweigens gesellen sich verschiedene Arten des Fragens: GERDAS SCHWEIGEN ist ein Prozess des Nach-Fragens, da das ursprüngliche Schweigen bereits in einem Buch gebrochen war. DAS WIRST DU NIE VERSTEHEN schafft einen stilisierten Rahmen, um seine Protagonistinnen aus der Reserve zu locken. WAS BLEIBT führt zwei kontrastierende Familiengeschichten zusammen. In 2 ODER 3 DINGE, DIE ICH VON IHM WEISS geht der Filmemacher auf Konfrontation mit seiner Familie, während WINTERKINDER – DIE SCHWEIGENDE GENERATION an die Beobachtung der Psychologin Ulla Roberts denken lässt: »Und manche Enkel sagen, die Eltern haben anklagend gefragt, worauf die Großeltern gar nicht hätten antworten können. Die Enkel fragen anders.«

An allen fünf Abenden werden Betroffene, Beteiligte, Filmemacherinnen und Filmemacher anwesend sein und mit dem Publikum diskutieren. Die Filmreihe findet in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Dachau und dem Max-Mannheimer-Studienzentrum Dachau statt.

Text aus dem pdf zur Filmreihe: Nathalie Geyer, Christoph Michel
Foto: (c) Anja Salomonowitz

Film Was bleibt 23.September 2012, zu Gast Erna de Vries, Gesa Knolle, Birthe Templin

Film 2 oder 3 Dinge Sonntag 28.Oktober 2012, 17 Uhr 30, zu Gast: Malte Ludin

Film Das wirst du nie verstehen Sonntag, 25.November 2012, 17 Uhr 30, zu Gast: Anja Salomonowitz

Film Gerdas Schweigen Sonntag, 20. Januar 2013, 17 Uhr 30, zu Gast: Knut Elstermann

Film Winterkinder Sonntag, 10. Februar 2013, 17 Uhr 30 , zu Gast: Jens Schanze

Julian Weber hat die Initiatorin der Reihe und Leiterin der Pädagogischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Dachau, Waltraud Burger, interviewt.

Der Ort der ehemaligen Gestapo-Zentrale oder der Todesurteile gegen die Mitglieder der „Weißen Rose“ – München tat sich schwer daran, frühzeitig und mit gut sichtbaren Gedenktafeln oder Denkmälern zu erinnern. Münchens Erinnerungskultur ist voller Lücken

Zum Bleistift Facebook: Kaum jemand „liket“ Fotos oder Einträge, die älter sind als zwei Tage. Die Zeit rast fort. Fortschritt – Schritt fort? Die Medienmaschinerie ist schnell, aktuell und vergeßlich. Erinnerung und „alte“ Nachrichten bedeuten immer weniger, sie sollen immer frisch und aktuell sein. „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“ heißt ein Spruch. Entschleunigung statt Schnellebigkeit wäre gefragt. Ist das unbeliebte Timeline/Chronik-Design hierfür ein richtiger Schritt der FB-Designer? Ebenso erwähnt werden müssen hier die Kritikwellen gegen bedenkliche totalitäre Strukturen von Facebook, die verhindern, daß eine Firma mit mehreren tausend Mitarbeitern bzw. ein soziales Netzwerk mit einer Milliarde User mächtiger als jede Staatsregierung wird.

Schwierige Biografiearbeit in der Altenpflege:
Alte Menschen werden vernachlässigt, obwohl SIE die interessantesten Geschichten auf Lager haben. Zuwenig Ehrenamtliche in der Altenpflege, Fernseher an, Tabletten rein, zudopen, fertig. Der Begriff „Demenz“ wird falsch und entwürdigend gebraucht, viele Bewohner sehnen sich nach Aufmerksamkeit und sind ab und zu ein bißchen geistesabwesend, aber nicht dement. Leider immer noch zu oft maschinelle Abfertigung, Pflegekräfte rasen durch Gänge wie im Turnverein, Dienst nach Vorschrift, mehr aber nicht, nach Pflegeschlüssel abgehandelt, viel zuwenig Zeit für Gespräch, Ehrenamtliche fehlen, Fehler mit System.

Das Altersheim 2.0 Konzept schlägt einen neuen Weg vor: Wie Web2.0 den Alten und Pflegebedürftigen aus der Isolation helfen könnte

Problematische Vergangenheitsbewältigung. Wird immer noch tabuisiert?

NS-Dokumentationszentrum München

Institut für Zeitgeschichte München

Der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen dient Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und deren Angehörigen, indem er ihr Schicksal mit Hilfe seines Archivs dokumentiert.

Memorials Museum

Gedenkstättenforum

Zukunft braucht Erinnerung

Bundesarchiv

Entlarven des von der deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen nicht akzeptierten Psycho-Gurus und dennoch zu Unrecht populären Bernd Hellinger, der sich in ehemalige NS-Gebäude einmietete und z.B. mit Umdrehen von Opfer/Täter-Verhältnissen eine völlig falsche Methodik der Erinnerungsarbeit betrieb. Dennoch sind Hellingers Bücher beispielsweise in der Münchner Bibliothek am Gasteig erhältlich.

Pdf zur Filmreihe im Stadtmuseum

Filmreihen im Stadtmuseum

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Informationsknotenpunkt Geschichte Bayerns

1Comment

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons