Leben

Ãœber Stadt und die Welt

Jana Edelmann
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Die Münchnerin Jana Edelmann schreibt für mucbook über das Leben in einer fremden Metropole. Istanbul auf mucbook. Mit offenen Augen. Und bayerischem Herzen.
Kolumne 4: Dorfkosmos – in Istanbul treffen sich Provinz und Metropole.

Istanbuler Gleichzeitigkeit I: Minarette und Moderne

Istanbuler Gleichzeitigkeit I: Minarette und Moderne

„Weltstadt mit Herz“, so wird München gerne schmückend betitelt – jedenfalls von der heimischen Tourismusbrache oder ambitionierten Lokalpolitikern. Mehr als ein griffiger PR-Slogan steckt aber nicht hinter der Worthülse. Schön ist es in München immer, manchmal auch überraschend spannend, oft träge-gemütlich. Aber weltstädtisch…Nun ja.

Nach sechs Monaten in Istanbul, einer 15-Millionenmetropole mit knapp 3000 jähriger imperialer Geschichte, ist mir beim Blick auf das türkis-blau glitzernde Goldene Horn von einer der unzähligen Dachterrassen die „Weltstadt“ aber wieder in den Sinn gekommen – Ist das hier nicht eine „Weltstadt“ par excellence…? Umweht mich nicht gerade geschichtsträchtig-bedeutender Wind einer Hauptstadt zweier Weltreiche…? Wirbeln nicht ständig byzantinisch-osmanische Reminiszenzen hinein in den türkischen Alltag…? Ist dieser historisch-multikulturelle Wind nicht auch noch gewürzt mit den – mal mehr, mal weniger wohlduftenden – Aromen einer modernen Mega-Metropole…? Schwelgend in der historischen Bedeutsamkeit dieser gefeierten In-Stadt, die als Constantinopolis mehr als 1000 Jahre Hauptstadt des Byzantinischen Reiches war, und dann 1453 von den Osmanen erobert und als Istanbul zum Fixstern ihres Islamischen Imperiums wurde, um nun in der Gegenwart von sämtlichen internationalen Szenemagazinen als „the place to  be“ gepusht zu werden, habe ich beinahe verdrängt, dass ich auf dem Weg von der erhebenden Dachterrassen- Aussicht herab in mein wuseliges Wohnviertel Sisli einigen wenig weltstädtisch-erhebenden Realitäten begegnen werde:

Istanbuler Gleichzeitigkeit II: 3000jährige Geschichte hinter 40prozentigem Alkohol

Istanbuler Gleichzeitigkeit II: 3000jährige Geschichte hinter 40prozentigem Alkohol

Unweltstädtische Realität Nummer 1:

Istanbul hat zwar mindestens 15 Millionen Einwohner, aber leider nur eine Metrolinie. Was täglich (und leider auch nächtlich) zu absehbarem Verkehrschaos mit unabsehbarem Zeitverlust führt. Eine einzige Zuckel-U-Bahn für Millionen von Pendlern – ein infrastruktureller Albtraum und wenig weltstädtisch, irgendwie.

Unweltstädtische Realität Nummer 2:

„Weltstadt“ impliziert doch auch das Versprechen, „die Welt“ anzutreffen in dieser Stadt. Aber Istanbul ist nicht die Kosmopolitin, zu der sie viele Travellguides machen wollen: Bis auf die Heerscharen von Touristen, die BeyoÄŸlu jedes Wochenende aufs neue überschwemmen, hört man wenig – um nicht zu sagen keine – fremden Sprachen auf der Straße. Türkisch ist die unangefochten dominante Sprache und Kultur, das ist seit Gründung der Türkischen Republik politisch so gewünscht und konsequent verfolgt: Von den ehemals 250 000 Griechen, die gegen Ende des Osmanischen Reichs noch in Istanbul lebten und die Oberschicht der Stadt konstituierten, sind heute gerade noch um die 2000 geblieben – systematische Schikane seit den 1920ern und schließlich Massen-Deportationen in die 1970er sei Dank. Auch die jüdische, armenische, italienische und französische Minderheit, die zur Zeit des Osmanischen Reiches zum Sprachengewirr in Istanbul beitrug, ist kaum mehr wahrnehmbar in der heutigen Metropole. Stattdessen prägen türkische Zuwanderer aus den Dörfern Anatoliens und der Schwarzmeerküste das Stadtbild. Provinz und Pferdekarren statt multikulturellem Mix –  auch wenig weltstädtisch, irgendwie.

Aber vielleicht muss Istanbul auch gar nicht weltstädtisch sein, um ihre Faszination und Anziehungskraft auszuüben. Vielleicht ist es sogar die Gleichzeitigkeit von Dorf und Megapolis, von Ignoranz und Aufgeschlossenheit, die Besucher und Bewohner gleichermaßen in den Bann dieser Stadt zieht. Das Nebeneinander von grandioser Vergangenheit und Verfallsspuren der ehemaligen Grandezza, das multikulturelle Erbe in der türkisch geprägten Gegenwart, die modernen Sonnenbrillen-Ladies neben den konservativen Schleier-Frauen, Latte Macchiato aus den unzähligen Starbucks-Filialen oder Çay von schreienden Straßenverkäufer – das sind die Gegensätze, die Istanbul zu einem Kosmos in sich machen.

Eine Weltstadt habe ich nicht entdeckt in Istanbul. Aber dafür viele Welten, die mal nebeneinander, mal gegeneinander, mal miteinander existieren.

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