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Aktuell, Fashion-Ding

Was Corona anzieht – Fast vs. Slow Fashion

Die Sensibilität für nachhaltige Mode wurde bereits 2013 gestärkt. Heute kennt man diese Bewegung unter dem Namen Slow-Fashion – dem Gegenteil von Fast-Fashion. Damals stürzte die Rana Plaza Textilfabrik mit schweren Folgen zusammen. Mehr als tausend Menschen wurden dabei in den Tod mitgerissen, noch mehr schwer verletzt. Trotzdem verschwindet das tragische Ereignis nach und nach aus den Gedächtnissen der Menschen. Trends werden gelebt und die Fast-Fashion Branche wächst stetig weiter. Neue Kollektionen der bekannten Retailer erscheinen gefühlt im Sekundentakt und werden durch cleveres Marketing so schmackhaft gemacht, dass man aus dem Kaufrausch kaum noch herauskommt. Bisher jedenfalls.

Die Corona-Pandemie hat weltweite Auswirkungen auf große Unternehmen sowie Individuen. Sie verändert Menschen und Strukturen innerhalb der Gesellschaft. So auch die Fashion-Industrie.
Doch was bedeutet diese Krise für Fast-Fashion? Hat Slow-Fashion in dieser Situation einen Vorteil? Und was macht eine Pandemie wie diese mit unserem Konsumverhalten? 

Eine Stimme der Nachhaltigkeit – Das Münchner Modelabel Me & May 

„Nachhaltigkeit hat viele Aspekte.“ – Mathilde, Me & May Mitgründerin

Eco-Materialien, faire Produktion, kurze Transportwege und noch vieles mehr: Laut Me & May gehöre all das zu wirklich nachhaltiger Mode. Das 2011 gegründete Label verwendet ausschließlich Eco-Materialen, das sind in diesem Fall Stoffe aus Naturfasern. In einem Familienunternehmen in Polen werden diese wiederum von zwölf Näherinnen zu Klamotten verarbeitet. Durch den engen Kontakt zu der Produktionsstätte werden so faire Bezahlungen und Absicherungen gewährleistet. Die europäische Produktionsstätte ermöglicht außerdem kurze Lieferwege und Transparenz. 

Das Label Me & May gehört auf Grund der oben genannten Kriterien zur Slow-Fashion Industrie. Das Label produziert nur zwei Kollektionen pro Jahr. Es achtet auf die Qualität der Klamotten, sowie auf ihren ökologischen Fußabdruck. Dabei geht es darum, zeitgemäße Kleidungsstücke herzustellen, die langlebig sind – Lieblingsstücke eben. Dass die Klamotten da auch mal ein bisschen mehr kosten, ist klar. Mitgründerin Mathilde näht selber und ist sich deshalb der Arbeit, die in einem Kleidungsstück steckt, sehr bewusst. 

„Ein Kleidungstück zu nähen ist sehr anspruchsvoll. [Die Arbeit] verliert völlig ihren Wert dadurch {, dass die Teile so billig verkauft werden} und jede Frau und jeder Mann der eine Bluse, ein Hemd oder irgendwas genäht hat, weiß eigentlich, wieso ein Kleidungsstück so viel kostet. Es ist richtig viel Arbeit. Ob Einzelstück oder in der Serie, es ändert ein bisschen was, aber die Arbeitsschritte sind bei beiden enorm.“ – Mathilde, Mitgründern Me & May

Stoffreste werden zu Masken

Unabhängig davon, ob Öko oder nicht – das kleine Unternehmen wurde durch die Corona-Krise auch stark getroffen und trotzdem hat das Slow-Fashion Label einen großen Vorteil gegenüber der Fast-Fashion Industrie. 

Masken selbstgenäht

„Erstmal war das für uns ein riesen Schock und wir wussten nicht was wir machen sollten. Man kann in der Zeit auch nicht so kreativ sein oder irgendwas planen, weil man auch nicht weiß wie es weitergeht. Man ist einfach verunsichert. Und dann haben wir eben angefangen Masken zu nähen. Und das haben wir eben aus den Reststoffen gemacht, wir haben immer ein bisschen Überproduktion. Wir haben {die Reststoffe} immer aufgehoben. Und jetzt kamen sie zum Einsatz. Wir konnten diese Stoffreste dann tatsächlich verwerten. Das war echt schön.“ – Mathilde, Mitgründerin Me & May

Der enge Kontakt mit der Produktionsstätte ermöglichte dem Label, die vorerst im Atelier selbstgenähten Masken relativ schnell auch in der Produktionsstätte nähen zu lassen. Außerdem ist es in der Slow-Fashion Industrie üblich, wenige und dafür langlebige Kollektionen übers Jahr hinweg zu entwickeln. Das sorgt wiederum dafür, dass Me & May unbesorgt, die für diesen Sommer geplante Kollektion nächstes Jahr verkaufen kann. Textilmüll wird vermieden und die Krise hat keine unnötigen ökologischen Auswirkungen. 

Fast-Fashion – Soziales, ökologisches und ökonomisches Desaster

Todschicke Kleidung, die Teil eines toxischen Systems ist. Abhängig von Überkonsum und Überproduktion muss die Fast-Fashion Industrie dem Druck von niedrigen Preisen und schneller Produktion standhalten. Ein Geschäftsmodell, welches Krisen wie diese nicht übersteht. 

Inditex ist der Konzern hinter Zara, Massimo Dutti, Pull&Bear und vielen mehr. Im ersten Quartal (Feb-April) diesen Jahres hat das Unternehmen einen Nettoverlust von 409 Millionen Euro verbucht (Zum Vergleich: Im Frühjahr 2019 waren es bereits 734 Millionen Euro Gewinn).
Doch wie kommt es dazu? 80% des Einkommens generieren die Unternehmen durch In-Läden Einkäufe – diese sind meist Impulseinkäufe. In anderen Worten, man findet beim Stöbern ein Teil, das „ganz nett“ ist und nimmt es mit. Die enormen Verluste entstehen durch den Verzicht auf Impulseinkäufe beim Online-Shopping.

Die Unternehmen produzieren schnell und billig bis zu 24 Kollektionen im Jahr. Zu Beginn der Krise wurde in den Produktionsstätten fleißig weiter genäht, bis die Konzerne beschlossen die Kleidungsstücke nicht mehr entgegenzunehmen. Die Einbuße an Gewinn führen zur Insolvenz der Produktionsstätten. Als Resultat erhalten die Näher*innen ihr sowieso schon geringes Gehalt nicht – trotz der harten Arbeit.

Zusätzlich zu dieser sozialen Katastrophe, ist die Masse an nicht übernommenen Klamotten nun unnötiger und toxischer Textilmüll. Die Klamotten werden nicht in Europa verkauft und enden somit auf den wachsenden Müllbergen oder an den Märkten vor Ort. Was wiederum die lokalen Modehersteller außer Gefecht setzt. In Deutschland landen jedes Jahr über 1 Millionen Tonnen Klamotten im Altkleider-Container – Tendenz steigend. Die mangelende Qualität der Stücke schließt sie für Recycling aus. Und so erstickt die Welt am eigenen Klamotten-Rausch.

Du & Ich

Katastrophen prägen Menschen. Und gerade diese Krise hat uns zum Hinterfragen angeregt. Was ist wirklich von Bedeutung? Wie wollen wir leben? In diesen Zeiten dominieren diese Fragen unseren Alltag. Wertschätzender und bewusster gehen wir mit den sonst so alltäglichen Dingen um. Wir verstehen, dass unsere Systeme, wie auch wir selbst, doch nicht so unbezwingbar sind, wie manche gerne glauben.

Und dann wär da noch das mit dem Ausmisten. Die Ausgangsbeschränkungen waren der perfekte Zeitpunkt um mal in seinen – aus allen Nähten platzenden – Schrank zu schauen und ihn auszumisten. Denn erst wenn du dir einen Überblick verschaffst, merkst du wie viel unbrauchbare Kleidung du eigentlich besitzt. Zumindestens ging es uns so und auch Mathilde ist dieses Verhalten aufgefallen:

„Man merkt, dass Kunden viel aussortiert haben in der Zeit und bemerkt haben, was sie so alles haben und dadurch auch jetzt umso bewusster einkaufen. Mir sind diese Menschen schon in den letzten Jahren immer mehr aufgefallen. Aber gerade in den letzten Monaten hat man schon bemerkt, dass die Leute sagen, `ich habe gemerkt ich habe doch so viel´ oder `mir fehlt speziell das und sonst nichts´.“  – Mathilde, Mitgründern Me & May

Ist das nicht schön? Natürlich bedeutet diese Entwicklung gleichzeitig, dass kurzfristig wieder mehr Stücke im Altkleidercontainer landen und trotzdem wandelt sich das Kaufverhalten der Menschen – hoffentlich – langfristig. Es ist die Aufgabe von uns allen, dieses Verständnis nun zu verfestigen, um eine nachhaltige Veränderung zu erzielen.

It’s your turn

Nachhaltige Mode wird immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt und trotzdem ist dieser Artikel nur ein Anfang. Jetzt ist es deine Aufgabe etwas zu einer faireren und besseren Welt beizutragen. Bitte vergiss nicht, dass Nachhaltigkeit nicht bei Öko-Materialien aufhört. Informiere dich, wo deine Klamotten hergestellt werden und was du durch den Kauf billiger Mode unterstützt. Die günstigeren Preise sind für Firmen nur möglich, indem sie an Qualität, Menschenwohl und Umweltbewusstsein sparen. Nachhaltige Labels achten auf genau diese Punkte und unterstützen dich außerdem dabei, deinen individuellen Style zu finden – wer will schon das selbe Shirt wie alle anderen in der Fußgängerzone tragen?


Fotos: © Malina Wiethaus
Beitragsbild: © Unsplash

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