Kultur, Nach(t)kritik

„We have come“ – man hört’s!

Ungefähr 14 Gestalten schleppen am Abend des ersten August ein paar hundert Kilogramm Blech in die Neuturmstraße im Münchener Schicki-Micki-Viertel, und verschwinden zwischen Nobelgeschäften in einer Hauswand. Die schmale Zuflucht für alternative Musik und ungezwungene Club-Kultur heißt Atomic Café, die 14 Gestalten sind Musiker der Münchener Express Brass Band. Deshalb also das ganze Blech!

Das Bläserkollektiv hat nach dem CD-Release-Gig von „We have come“ 2013 im Volkstheater mehr Konzerte denn je. Doch nicht nur Clubs werden im Nu in dröhnende Konzerthallen umfunktioniert, auch Festivals, Demos und die frische Freiluft im Englischen Garten kommen nicht zu kurz. Ein paar Stunden vor dem Eintreffen im Atomic hat das Ensemble in einem Asylbewerberheim konzertiert – vor einem Monat protestierten sie mit ihren Bläsern im Giesinger Olga-Park bei den „Frei-Raum-Tagen“ gegen unbezahlbare Räumlichkeiten in der Stadt.

Die Mastermind des zugegebenermaßen chaotischen Haufens ist Wolfi Schlick am Helikon. 1999 hat er die Express Brass Band ins Leben gerufen, ursprünglich als New-Orleans-Jazz-Band. Mittlerweile ist es jedoch eine bunte Mischung von Stilen, die geboten werden: bluesfunkartige Stückchen, hüpfende Swings, Orientalisches aus Istanbul und Kabul, verjazzte Weltmusik.

Express_Brass_Band_rosa_wand

Wahrscheinlich konnten sich die Stücke nicht der fröhlichen Mixtur entziehen, die die Bandmitglieder selbst durch ihre unterschiedliche Herkunft zusammenwürfeln. Da die Gruppe immer in wechselnder Besetzung mit bis zu 25 Leuten spielt, sind viele Nationen vertreten. Die gemeinsame Sprache ist allerdings die Musik, in der sich die Musikanten blind verstehen, was beim Konzert zu Genüge bewiesen wird.

„Live-Musik ist wichtig für die Gesellschaft“

Das Blech im kleinen Atomic Café ist vor allem eines: laut. Wolfi Schlick, in eine blaue östliche Tunika namens Jalaba gehüllt, zählt nicht ein, sondern wummert die ersten Bass-Takte, sofort fädelt sich die erste Melodie von Trompeten ein, wird von Posaunen und Saxofonen wiederholt, vier Percussionisten unterlegen das Ganze mit tanzbaren Rhythmen.

Die Zuhörer lassen sich ebenfalls nicht lumpen: Kaum ist die Hälfte des ersten Liedes verklungen, tanzt bereits der ganze Saal. Die Leute haben auch etwas nachzuholen: Das Konzert ist für halb neun ausgeschrieben, um halb elf bewegen sich die Musiker langsam von ihren Sofas hinauf auf die Bühne und stellen ihre Bierflaschen beiseite.

Man ist nicht streng mit sich, warum auch? Das Publikum hat Spaß, die Musiker ebenfalls; es gleicht mehr einem gemeinsamen Feiern als einem gestrengen Konzert mit klar definierten Linien und hochgehaltener Mental-Barriere zwischen Musiker und Publikum. Die wird hier sogar physisch unterwandert, als Dizzy Erol von Münchens bekanntester Straßenband Konnexion Balkon die Bühne erstürmt und kurzzeitig für ein wildes Mundharmonika-Solo integriert wird.

Über eine Stunde spucken die Bläser Feuer, das Publikum stampft den Boden weg und die Percussionisten hämmern dass der Schweiß spritzt. Sänger und Banjo-Spieler Neil Vaggers meint dazu: „Ich merke immer wieder, wie wichtig Live-Musik für die Leute ist. Deshalb spiele ich. Manchmal für Geld, immer wieder für kein Geld.“ Musik verbindet: Das Atomic Café tanzt zum Lied „Radio Kabul“ genauso wie mittags ein Asylbewerber aus Afghanistan im Asylbewerberheim.

Schluss für’s Atomic im Dezember 2014

Zwei Zugaben werden erschrien, bevor die Musiker ihrem Ansatz eine Nachtruhe gönnen. Das Atomic Café verlässt man fast wehmütig: im Dezember wird es alternativlos geschlossen. Dann ist schließlich auch die Neuturmstraße bereinigt von dem verschmutzten Schriftzug über der blechernen Tür und den beschmierten Innenwänden in schummrig rotem Licht: Platz für das nächste Luxusgeschäft. Und höchste Zeit für die Express Brass Band wieder auf den „Frei-Raum-Tagen“ zu demonstrieren.

 

Die Express Brass Band spielte am 1. August in folgender Besetzung:

Neil Vaggers – Gesang, Banjo
Tesi Gruber – Posaune, Gesang
Anna Gruber – Posaune
Daniel Ensslen – Trompete
Martin Majewski – Trompete, Mundharmonika
Eva Bahl – Altsaxofon
Ian Ensslen – Baritonsaxofon
Michael Wittner – Altsaxofon
Giovanni Parrinello – Tuba, Gesang
Wolfi Schlick – Helikon, Querflöte, Sopransaxofon
Angelika Schlegel – Shekare
Burkhard Fabrizius – Schlagwerk
José Maldonado – diverse Percussion
Alex Woldt – Congas

Gäste:

Picketts – Gesang, Percussion (geplant)
Dizzy Erol – Mundharmonika (ungeplanter Spontanbeitrag)

 

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