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Aktuell, Leben, Lecker

Ich habe keine Ahnung von Wein – und habe mich in Münchens schicksten Lokalen als Experte versucht

Lea Haufler

Hello hello, who is calling?
Mucbook hier, haste Stift und Papier?
Klare Sache, da ist die Lea doch dabei,
War doch immer schon Fan der Schreiberei!
Lea Haufler

„Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken“, so sagte einst Goethe.

Mein Motto war bisher: „Das Leben ist lang genug, guten Wein trinke ich in 10 Jahren“. Ich hätte mich bisher also eher als Weinbanausen bezeichnet. Goethe erbarme. Mit meiner Standard-Flasche „Süß & Fruchtig“-Riesling für 4 €  ging ich mehr als zufrieden aus dem Supermarkt.

Und falls ich gerade nicht im Fachhandel meines Vertrauens stehe und mir ein fremdes Weinregal entgegenprangt, läuft es immer gleich ab: Erst unsicheres, minutenlanges Davorstehen und Studieren der mir außerirdisch vorkommenden Begriffe. Und dann, spätestens nach 2 Minuten, entscheide ich mich einfach für die Weißwein-Flasche unter 5 € mit dem sympathischsten Etikett.

Genießen für Anfänger

Doch obwohl man mich wohl eindeutig in die Kategorie „Ahnungslos“ einsortieren könnte, habe ich doch in letzter Zeit das Weintrinken für mich entdeckt. Zu einer netten Weißwein-Runde sage ich schon lange nicht mehr nein.

Wenn nicht sogar ich die Flasche auspacke und jauchze „Lasset den Wein fließen“. Spätestens wenn man mit einem Gläschen Rosé den Sonnenuntergang anschaut, weiß man: Wein, das ist ein Lifestyle.

Nun ist die Zeit gekommen. Ich möchte den Lifestyle leben und Weinkennerin werden. Mit allem, was dazu gehört. Gut, bis zum echten Profi werde ich es vielleicht nicht schaffen. Aber die ersten Schritte auf dem langen Weg der Traubenkunst möchte ich gehen.

Ich mache mich an einem Dienstagabend auf zu einem exklusiven Weinviertel-Crawl. Zum Start der Aktion „Weinviertel in deinem Viertel“ wird von Restaurant zu Restaurant geschlendert und lecker diniert – und vor allem auch getrunken.

Allerlei Weine aus dem berüchtigten Weinviertel in Niederösterreich sollen heute Abend „getastet“ werden. Der Wein steht heute definitiv im Mittelpunkt. Das gefällt mir.

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Learning by doing

Kaum angekommen, wird mir schon das erste Glas Wein in die Hand gedrückt. Cheers! Hier geht’s gleich zur Sache, auch das gefällt mir. Ein gemischter Satz soll es sein. Schmeckt gut – was das genau ist, weiß ich aber leider noch nicht.

Zum perfekten Zeitpunkt tritt der heutige Wein-Reiseführer Harald Scholl hervor und verbreitet mit einem lässigen Sommer-Outfit inklusive Hut gleich die richtige Stimmung.

Er wirkt so, als wäre er bis vor 10 Minuten noch mit einem Lächeln im Gesicht durch die sonnigen Weinberge geschlendert. Ab und zu hätte er sich ein Träubchen abgemacht und lauthals gerufen: „DAS ist das Leben!“

Der Weingenießer aus dem Bilderbuch erklärt uns, was für ein Tropfen sich da in unseren Gläsern befindet. Gemischter Satz, verschiedene Rebsorten wild und leidenschaftlich miteinander vermengt. Früher allerdings ein No-Go. Rebsorten mischen? Wer macht denn sowas!

Doch wie oftmals macht das Verpönte am meisten Spaß. Drum haben ein paar rebellische Wiener den gemischten Satz wieder aufleben lassen. Eine Geschichte, vergleichbar mit Craft-Beer. Jedes Jahr durch eine andere Mischung eine geschmackliche Überraschung.

Ein guter Tipp, für alle risikofreudigen Liebhaber, die den gutbürgerlichen, konservativen Weinsorten entkommen wollen.

Oh, schon ist mein Glas leer. Doch keine Bange, der Nachschank kommt in Windeseile und so ist schon die zweite Weinsorte in meinem Glas. Dieses Mal ein Weinviertel DAC. DAC? Für alle anderen hier ist die Bezeichnung klipp und klar.

Glücklicherweise wird mir die Nachfrage von meinem „Partner in Wine“ abgenommen. DAC ist eine kontrollierte österreichische Herkunftsbezeichnung. Nur Grüne Veltliner bekommen das Siegel. Und auch nur dann, wenn ein Weinkomitee den regio-typischen Charakter herausschmeckt. Klingt auch nach einem angenehmen Job, vielleicht sollte ich meine Zukunftspläne doch noch einmal überdenken.

Wie der Winzer, so der Wein

Nun meldet sich Ulrike Hager zu Wort, die wahrhaftig einen beneidenswerten Platz im Weinkomitee des Weinviertels für sich beansprucht. Das Weinviertel – größtes Weinanbaugebiet in Österreich – sei eine ganz besondere Region, schwärmt sie in einem unübertreffbar sympathischen Österreichisch.

Junge Winzer und Gemischtbetriebe, die den Wein nicht zu sehr überhöhen, schaffen ein mehr als ordentliches Mittelfeld. „Das ist knackig, das ist frisch, das macht richtig Spaß!“ Doch ein aufheulender Porsche reißt aus den Tagträumen. „Jo eh. Sowas gibt’s im Weinviertel nicht! Da gibt’s nur Fahrräder.“

Zum dritten Wein gibt es nun auch was zu Essen. Gut, denn wenn ich hier in jedem der vier Restaurants drei Gläser Wein auf leeren Magen bekomme, wird das heute auch ein spaßiger Nachhauseweg.

Zu einem wieder außerordentlich guten Wein gibt es Tartar und gebackenen Spargel, anschließend Satéspieße. Ein Fest der Geschmackssinne. Ich fühle mich ganz High-Class trotz meiner ausgelatschen Schuhe, auf die ich mit schon ein bisschen Alkohol intus, etwas Wein verkleckere. Zum Glück Weißwein, roten gibt’s im Weinviertel nämlich so gut wie gar nicht. Eh klar.

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Weiter geht es schon ein wenig schaukelnd zur nächsten Station, dem goldenen Kalb. Begleitet mit edelstem Thunfisch-und Lachstartar wird weißer und sogar roter Wein vom Winzer Seher serviert. Ich bin im Gourmet-Himmel gelandet.

„Kräftig, aber geradeaus, strikt“. So beschreiben ihn zumindest die anderen. Ja doch, echt richtig… lecker, denke ich mir. Ulli Hager hat passend eine kleine Weinweisheit parat: „Wie der Winzer, so der Wein. Ist der Winzer geradeaus und direkt, macht der meistens auch so einen Wein. Bei üppigen, vollen, süßen Weinen sind dann meistens eher mollige Typen dahinter.“

Mein daraus resultierender Tipp für einen Zeitvertreib: Setz dich mit einem Glas/einer Flasche Wein in die Öffentlichkeit und finde die Person, die den Wein am besten verkörpert. Ach, das wäre eine Gaudi. Welcher Wein wohl Angela Merkel wäre?

Man könnte sich dran gewöhnen

Genug der Gedanken, die Party geht weiter. Auf ins Landersdorfer & Innerhofer zum Hauptgang. Jetzt wird der Wein nochmal so richtig getestet. Zu kalter Erbsensuppe und Entrecôte vom Kalb werden 2 Weine getrunken und die Kombi überprüft.

„Der eine macht das Fleisch total süß und fad, der andere passt da viel besser. Schön mineralisch, knackig.“ Gleichzeitig imponiert und überfordert von so viel Fachwissen, beschreiten wir den Weg zur letzten Station. Wein und Käsekuchen. Es ist schon spät, meine Geschmacksnerven mittlerweile maßlos überfordert. Doch ich könnte mich definitiv an den Weingenuss gewöhnen.

So viele verschiedene Weine habe ich vielleicht in meinem ganzen Leben nicht getrunken. Aber ich muss trotz immer noch mangelndem Fachwissen sagen: Die Weinviertel-Weine gefallen mir. Und der Preis einer Flasche ist im einstelligen Bereich, also sogar für mich erschwinglich.

Bis ich meinen Wein mit 50 km/h in der Kurve meines Glases umherschwenke und anschließend nach einem ausgiebigen Herumschleudern im Munde zum Fazit komme: „Blumig, mit einem holzig-rauchigen Nachhall“ wird es dennoch noch ein langer Weg. Mal sehen, ob ich ihn weiterhin bestreite.

Aber jetzt kann ich zumindest schon mit ca. 15 mehr Begriffen aus dem Weinregal etwas anfangen. Und wahrscheinlich werde ich nächstes Mal sogar, ganz überschwänglich, zu einer anderen Flasche als der Gewohnten greifen.

Während der Gastronomieaktion „Weinviertel in deinem Viertel“ vom 1. bis 30. Juni, bieten 16 Münchner Bars und Restaurants exklusiven Wein aus dem Weinviertel Österreichs für die ganz persönliche Weinprobe an. Gekennzeichnet werden alle an der Aktion teilnehmenden Lokale durch orangene Liegestühle vor der Tür. Alle Restaurants mit den exklusiven Weinen gibt’s hier auch nochmal zum Nachschauen. 


Beitragsbild © Alex Dachis  (CC BY 2.0)

Fotos © Lea Haufler

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