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Weltverbesserung und andere Marotten: Interview mit der Schauspielerin Eva Bay

Wenn Maximilian Kraus Pizzas bringt, wird Eva Bay zum Clown. Manchmal ist sie auch ein 60-jähriger Junkie. Manchmal ein Superheld im Fledermaus-Kostüm. Außerdem ist sie ein „cooler Typ“. Warum das so ist? Weil Eva Schauspielerin ist, in Theater, Film und Fernsehen. Und weil Theaterautorin Nora Abdel-Maksoud immer mal wieder tolle Rollen für sie und ihre Arbeitsfamilie parat hält.

„Café Populaire“ heißt das neue gemeinsame Stück mit Abdel-Maksoud, das am Zürcher Neumarkt Theater bereits mit zahlreichen Sondervorstellungen gekürt wurde – und jetzt einmalig nach München kommt. Das neuntägige Theaterfestival „Radikal Jung“ am Volkstheater bildet den Rahmen für die deutsche Erstaufführung dieser „beißenden Satire“ (nachtkritik.de).

Im Interview mit MUCBOOK

Mehr zu ihrer Rolle als Svenja, zur Arbeit mit Autorin & Regisseurin Nora Abdel-Maksoud und wie sie überhaupt erst Schauspielerin wurde, erzählt uns Eva Bay im Interview.

MUCBOOK: Hallo Eva, seit letztem Jahr spielst du die Hauptrolle in „Café Populaire“. Das Stück kommt nach Aufführungen in Zürich bald für eine Aufführung an das Münchner Volkstheater. Kannst du vielleicht allgemein kurz sagen, worum es darin geht?

Eva Bay: Es geht übergeordnet vor allem um die Schere zwischen Reich und Arm. Warum die einen alles haben und die anderen nichts. Es geht um den Distinktionskampf – also die Abgrenzung nach unten vor allem. Es ist ein Thema, wo man eigentlich ein Sozialdrama drüber schreiben könnte. Das hat Nora (die Autorin, Anm. d. Red.) aber nicht gemacht. Es ist eine Satire, die sich den Spiegel selbst vor’s Gesicht hält. Also man merkt wirklich so, dass man lachen muss, weil man sich selber entlarvt. Dann wird einem aber auch kurz schlecht oder einem bleibt das Lachen im Halse stecken.

Du und die Autorin Nora Abdel-Maksoud, ihr arbeitet zum wiederholten Male zusammen. Was ist das Besondere an eurer Zusammenarbeit?

„Cafe Populaire“ ist unsere fünfte Zusammenarbeit. Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team und haben so etwas wie eine Arbeitsfamilie geschaffen. Das ist sehr schön und basiert auch auf großem Gegenseitigen vertrauen. Ich denke, dass wir uns gegenseitig inspirieren und wir können auch schon in der Vorbereitung über das jeweilige Thema sprechen. Das macht man als Schauspielerin selten, gewöhnlich kriegt man ein fertiges Stück und eine Besetzung vorgegeben. Ich würde sagen, dass Noras Stücke immer den Drahtseilakt zwischen Humor und Gesellschaftskritik schaffen. Für mich ein großes Glück, da mir beide Sachen sehr wichtig sind.

Was war für dich das Reizvolle an deiner Rolle? Ich habe gelesen, dein Charakter „Svenja“ ist Hospiz-Clown und hat einen Video-Blog mit wenigen Followern und sie ist eher idealistisch veranlagt…

Das Reizvolle an der Figur – wie an allen Figuren in Noras Stücken – ist, dass sie eigentlich ein Depp ist. Die Figuren bei Nora haben immer auch etwas Clowneskes. Das sind immer Loser auf eine gewisse Art und es macht wahnsinnig Spaß, das zu spielen. Jemand, der immer so ein bisschen an sich selber scheitert und das auch nicht so ganz merkt. Ich habe bei ihr schon einen 60-jährigen Ex-Junkie gespielt und den „Fledermausmann“, also Batman, oder eine Kunstikone. Und in „Café Populaire“ jetzt Svenja, die als Hospizclown arbeitet und von sich denkt, sie sei ein guter Mensch. Sie hat eben diesen „Humornismus“-Vlog und diesen Humor in einem anti-diskriminatorischen Kontext. Ihre Prämisse ist, dass sie mit ihrem Humor niemanden verletzen möchte. Sie hat aber eine Seite in sich, die sie nicht zulässt, und das ist eben diese wahnsinnig große Abstiegsangst.

Schauspielerin zu sein ist ja ein Traumberuf für viele. Wie bist du denn dazu eigentlich gekommen?

Rückblickend betrachtet war das schon relativ früh klar, weil ich mich einfach immer verkleidet habe. Mit acht Jahren habe ich mal eine Herbert Grönemeyer-Show gemacht. Nicht, dass ich einen besonderen Bezug zu ihm hatte, aber ich habe halt immer so Shows gemacht. Oder als ich drei Töne auf der Klarinette konnte, habe ich mich sofort rausgestellt mit einem Körbchen. Ich hatte da einfach seit jeher nicht so das Schamgefühl.

Dass es dann wirklich zu meinem Beruf wurde, kam tatsächlich erst in Berlin. Ich wollte eigentlich Fotografie studieren, habe aber dann in der Zeit eine sehr gute Freundin kennengelernt, die sich gerade an Schauspielschulen beworben hat. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Das fand ich irgendwie so cool. Dann wollte ich das auch machen und bin erst mal in eine Jugendtheatergruppe der Volksbühne.

Die Inspiration kam wirklich über eine Person im Prinzip – mit der ich auch immer noch sehr eng befreundet bin. Sie wurde auch gleichzeitig mit mir in der gleichen Schauspielschule genommen, was natürlich ein Wunder ist, weil da bewerben sich ja so an die Tausend Leute. Wir wurden dann wirklich beide genommen: zwei von zehn Leuten, darunter fünf Frauen.

Sie war damals aber schon viel weiter. Sie meinte zu mir „Du musst Reclam-Hefte lesen!“ und ich war so: „Aha, Reclam-Hefte? Okay.“ Innerhalb kürzester Zeit wollte ich das aber so unbedingt machen, dass das es dann auch geklappt hat.

Was hast du vorher gemacht und wie kam es dazu, dass du jetzt in München wohnst?

Ich bin in Hamburg geboren und meine Familie ist dann, als ich vier Jahre alt war, an den Bodensee gezogen. Dort habe ich gelebt bis ich 17 war und dann ist meine Familie weggezogen und ich war dann aber schon so, dass ich gesagt habe: „Nein, ich will jetzt dann aber irgendwas Cooleres machen und will nicht nach ‚Offenburg’“, sondern bin dann nach Berlin gezogen.

Da habe ich meine Schule zu Ende gemacht und erst mal bei einem Fotografen als Assistentin gearbeitet: bei Daniel Josefsohn ( u.a. bekannt für die „Miststück“-Werbekampagne von MTV in den 90er Jahren – Anm. der Red.). Der lebt leider nicht mehr.

Es war total wichtig für mich und meine künstlerische Prägung, ihn kennen zu lernen. Er war total politisch in seinen Fotos, hatte sowas Anarchisches und war einfach ein Künstler. Er war zwar auch ein Arschloch, aber mit großem Herzen.

Nach München gezogen bin ich dann wegen der Liebe.

Wofür schlägt dein Herz heutzutage mehr: Film oder Theater?

Ich bin ein total großer Fan von Arbeitsfamilien. Und ich habe mit Nora auf jeden Fall eine Arbeitsfamilie gefunden. Wenn die gerade am Theater ist, dann dort. Und wenn ich so eine Arbeitsfamilie beim Film habe, dann dort. Die Arbeit als Schauspielerin ist immer spannend für mich, aber es hat auch viel mit den Leuten zu tun.

Welche Rolle würdest du als Schauspielerin ablehnen?

Eine, die immer nackt sein muss und ganz viel weinen soll. Die würde ich gerne ablehnen.

Weil…

…ich keine Lust drauf habe, erstens. Und zweitens, weil ich die Schnauze voll habe von solchen Rollenbildern für Frauen. Aber das wissen wir ja mittlerweile Gott sei Dank alle. Dass das längst überkommene Rollenbilder sind.

Und welche Männerrollen findest du langweilig oder überflüssig?

Den super smarten, gut aussehenden, immer funktionierenden Familienpapa, der dann aus Versehen mal fremdgeht und dann seinen Konflikt hat und eigentlich will er Karriere machen.

Danke für das Gespräch, Eva. Ich bin sehr gespannt auf das Stück.

Mehr Informationen zum gesamten „Radikal Jung“-Festival am Münchner Volkstheater findest du übrigens hier – und ein paar wenige Karten für „Café Populaire“ gibt’s auch noch.


Infos zum Theaterstück:

Was? Café Populaire (UA)

Wann? 27. April | 20 Uhr

Wo? Volkstheater München | Brienner Straße 50 | 80333 München

Wieviel? Ab 22 EUR im VVK


Beitragsbild und Portraitbild: © Joachim Gern

Bild vor Hochhaus: © Niklas Vogt

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus

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