Lebensadern der Stadt: Die Straßen
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Wenn der Straßenverkehr nicht das Einzige ist, was stockt: Über den Wandel der Infrastruktur

Barbara Manhart

Es war ein ungewöhnlicher Einsatz, zu dem die Polizei am vergangenen Dienstag in die Leopoldstraße ausrückte. Und dann irgendwie auch doch wieder nicht. Denn leider sind illegale Straßenrennen in unserer Landeshauptstadt keine Seltenheit. Selbst nach der Einführung eines Gesetzes im Jahr 2017, das auf illegale Autorennen höhere Strafen aussetzte, wurden fast 500 dieser Wettbewerbe gezählt. Was in diesem speziellen Fall dann doch etwas aus dem Raster fiel, war die Anzahl der beteiligten Autos und die Strecke, welche deren Fahrer in ihnen zurücklegen wollte

Roadtrip durch Europa mit Adrenalinkick

Vor dem Luxushotel Andaz hatten sich fast 40 Wägen samt Insassen versammelt. Sie gehörten zum sogenannten „Canon Run“, der von den britischen Veranstaltern als „Number one driving holiday“ beworben wird. Für dieses Jahr war eine Rundroute geplant. Los ging es in London weiter über Frankreich, Italien, Österreich nach Deutschland und wieder zurück nach Großbritannien. Also eher ein Marathon als ein Sprint unter den Autorennen. Reisedauer: ein paar Tage. Kosten: etwa 6000 € für zwei Personen. Inkludiert: Aufenthalt in Luxushotels, Frühstück, ein abendliches Unterhaltungsprogramm. So war es zumindest geplant. An sich sei eine solche Reise auch nicht verboten erklärte die Polizei. Und dennoch befand sie die Veranstaltung für rechtswidrig und komplementierte die ganze Ansammlung aus der Stadt heraus. Der Grund: Abgeklebte Scheinwerfer, fehlende Nummernschilder, Überschreitung der gesetzlichen Lärmgrenze und Drogenkonsum.

Tödliche Absurdität

Gut, dass solche extremen Vorfälle eher die Ausnahme darstellen. Trotzdem macht es das nicht besser. Denn auch wenn sich „nur“ zwei Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit ein kurzes Rennen liefern, kann das im schlimmsten Fall tödlich enden, wie in Kleve 2019. Dort war eine unbeteiligte Frau gestorben, nachdem ihr Wagen mit 160 Kilometern die Stunde gerammt wurde. Von einem jungen Mann, der sich ein Rennen mit einem Freund lieferte.

Die Frage nach dem „Warum“

Für die Teilnehmer des Canon Run, spielt neben dem Rennen vermutlich das Drumherum, also der Urlaub, eine wichtige Rolle. Aber was, fragt man sich, treibt meist junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren an, sich immer wieder lebensgefährliche Rennen wie das in Kleve zu liefern? Ist es purer Leichtsinn, Selbstüberschätzung, Selbstdarstellung? Oder einfach nur der Adrenalinkick? Vermutlich eine Mischung aus all diesen Gründen. Eile spielt aber wohl eher eine untergeordnete Rolle. Und so bleibt einem für solches Verhalten nur Kopfschütteln übrig. Denn mit welchen Mitteln soll man solche Rennen unterbinden?

Ein ganz anderer Nervenkitzel: Der Berufsverkehr

Baustellen, Fußgänger, Fahrradfahrer, Autos, E-Roller: Das ist München.

Wo Eile schon eher ein „Problem“ darstellt, ist der Berufsverkehr. Und da ist es dann auch egal, ob man mit dem Auto, dem Fahrrad, E-Roller, zu Fuß oder den Öffentlichen unterwegs ist. Ständig wird man überholt, ständig hupt, klingelt oder schreit jemand. Und wenn wir ehrlich sind, wechselt man die Rolle vom Angehupten zum Anhuper ziemlich schnell. Die Verkehrsinfrastruktur ist überlastet. Und das zerrt am Nervenkostüm aller, die sich regelmäßig durch das Chaos schlängeln müssen.

1001 Projekte zur Verbesserung der Situation

Entzerrt werden könnte das Ganze beispielsweise durch die seit Jahrzehnten diskutierte Vollendung des Münchner Autobahnrings. Eine weitere Entlastung bringen könnte die Verminderung des Autoverkehrs in der Innenstadt. Eine Beschränkung auf öffentlichen Dienst- und Lieferverkehr, sowie Anwohner wäre sinnvoll. Eine zeitgleiche Stärkung der öffentlichen Verkehrsmittel, würde dort dem größeren Ansturm, der einer Autobeschränkung folgen würde, entgegenwirken. Pendlern müssten dann logischerweise auch Parkmöglichkeiten außerhalb geboten werden. Sozial verträglich wäre das Konzept nur dann, wenn die Preise für MVG-Tickets gesenkt werden würden und gleichzeitig die Tarife der Angestellten, genauso wie die Öffentlichen selbst stärker subventioniert werden würden. Weniger Autos auf den Straßen bedeutet mehr Platz für andere Verkehrsmittel wie Fußgänger, Fahrradfahrer und E-Roller. Und der ist dringend notwendig, wenn man die Alltagskarawanen auf den Fahrradwegen betrachtet. Die Umsetzung von Projekten wie dem Altstadt-Radlring sollte deswegen priorisiert werden.

Keine einfache Sache: Struktureller Wandel

Das Inkrafttreten einer Maßnahme bedingt also schon fast die nächste Maßnahme. München braucht einen grundlegenden Wandel der Verkehrsinfrastruktur. Klingt einfach. Ist es aber natürlich nicht. Vielseitige Interessen stehen bei der Umsetzung der genannten Maßnahmen im Konflikt gegeneinander, die politischen und bürokratischen Hürden sind groß. Nicht nur die Fortbewegung im Straßenverkehr gerät so ins Stocken, sondern auch sein Wandel.

Solange der Status Quo besteht, bleibt den Verkehrsteilnehmern also nichts weiter übrig, als sich ein strafferes Nervenkostüm, einen längeren Geduldsfaden, oder Ähnliches zuzulegen. Achja, und vielleicht ein bisschen mehr Verständnis gegenüber den Anderen. Denn wir sitzen alle auf den gleichen Straßen.


Beitragsbild: © Photo by Denys Nevozhai on Unsplash Weiteres Bild: © Photo by Barbara Manhart

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