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Wie ich fast Münchens Fake-Event-Mafia entlarvt hätte

Benjamin Brown

Und irgendwie lande ich dann doch immer wieder in München…
Big love für Politik, Musik und Reisen

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Benjamin Brown

Ihr tut es alle. Irgendwas mit Open Air, Streetfood, Alkohol oder „der coolsten Party der Stadt“ und zack: Facebookveranstaltungen wie eine „Open Air Party am Gärtnerplatz“ kommen auf zehntausende Zusagen.

Das Problem: Häufig verschwinden die Veranstaltungen wenige Tage vor dem geplanten Event von Facebook – und sind auch ansonsten online nirgendwo zu finden. Vorfreude auf eine Open Air Party am Samstag? Fehlanzeige.

Fake-Events?

Veranstaltungen, die angekündigt werden, um auf Facebook viele Menschen zu erreichen, um daraufhin für echte Events zu werben? Das würde so funktionieren: Du sagst bei einer Facebook-Veranstaltung zu (und tausende andere auch). Wenn die/der Veranstalter*in dann einen Post auf der Seite des Events absetzt, bekommst du – je nach deinen Facebook-Einstellungen – eine Benachrichtigung. Ein cleverer Weg also für Events zu werben. Auf den Seiten, die ich mir für diesen Artikel angeschaut habe, könnte es so laufen. Regelmäßig posten die Veranstalter*innen Hinweise zu Events, die ganz offensichtlich wirklich stattfinden werden.

Oder ist die Sache finsterer, gar eine Masche, um Tickets für Events zu verkaufen, die nie stattfinden werden?

Tatsächlich findet man in den Veranstaltungstexten häufig Links zu Ticket-Portalen, manche davon seriöser, andere weniger. Bei einer Veranstaltung ist die Ticket-Verkaufsseite Eventbrite sogar als Mit-Veranstalter gelistet.

Das Problem? Eventbrite verkauft lediglich Tickets, als Veranstalter tritt das Unternehmen nie auf. Ein Anruf bei der Deutschland-Zentrale in Berlin bestätigt das: „Wir organisieren keine Veranstaltungen. Weder in Eigenverantwortung, noch in Kooperation mit anderen“. Warum Eventbrite dann als Co-Veranstalter angeben? Um einer falschen Veranstaltung etwas mehr Kredibilität zu verleihen?

Die Seiten, die bei Facebook als Veranstalter gelistet sind, tragen Namen wie „Parties und Feste in München“. Betrieben werden sie von zwei Agenturen mit Sitz in München. Firmen, die zudem die PR-Arbeit zahlreicher bekannter Münchner Clubs und Partyreihen (Kategorie 16er-Party) machen.

Und Firmen, über die in Branchenbüchern kaum Informationen zu finden sind – außer Adresswechsel, die scheinbar im mehrmonatigen Rhythmus vollzogen werden. Häufig sind auch lediglich die Adressen von Clubs hinterlegt.

Die Facebook-Seiten, die als Veranstalter gelistet sind, stehen den Betreibern im Mangel an Seriosität meist in nichts nach. Alte Beschreibungstexte, dürftige Impressen und – tief vergraben unter neuen Werbeposts für „die beste Open Air Party der Stadt“ – Posts, die anmerken lassen, was für Seiten hier betrieben wurden, bevor sich die/der Betreiber*in neu erfunden oder die Seite schlichtweg gekauft hat.

Auf dieser Facebook-Seite werden heute die coolsten und exklusivsten Events der Stadt präsentiert.

Weirde Facebook-Seiten, zwielichtige Betreiber*innen. Ich war mir sicher: Die Fake-Event-Mafia war entlarvt. Viele der vermeintlichen Fake-Events sollen an der Galopprennbahn München in Riem stattfinden. Ein grober Fehler der Betreiber*innen. Anders als bei wage gehaltenen Veranstaltungsorten wie „im Garten“ würde ein Anruf bei der Galopprennbahn zeigen: Alles Fake! Gotcha!

Nur: Die Betreiber der Galopprennbahn bestätigen, dass tatsächlich eine Reihe Veranstaltungen angemeldet ist. Auch die Agentur passt mit den Facebook-Seiten zusammen.

Also doch alles koscher?

Es gibt eine – wie ich meine – recht praktische Weisheit, wenn man im Journalismus arbeitet: „Nicht überall lauert ne Story, man!“ Das stimmt. In diesem Fall aber, lauert eine Story. Die vielleicht anders aussieht, als ich sie erwartet hatte.

Viele der Veranstaltungen sind an öffentlichen Plätzen in München gelistet. Mal soll eine „All night long, Cocktail Party“ am Odeonsplatz stattfinden, die Woche drauf ein Open-Air am Maximiliansplatz. Was allerdings häufig erst kurz vor dem Event bekanntgegeben wird: Die Ortsangaben sind eher als grobe Richtungsweiser zu verstehen. Auch wenn beworben wird, Gäste könnten „die Nacht auf dem Odeonsplatz durchfeiern“, müssen sie – um zu den bei Facebook angepriesenen Veranstaltungen zu gelangen – in Clubs ausweichen, die zufällig fußläufig entfernt von Odeonsplatz oder Maximiliansplatz liegen.

Statt Mafia-Banden, die auf Facebook das nächste „schönste Open Air der Stadt auf 9.438.837.472.910.927m²“ erstellen und Tickets verkaufen, ohne Absicht die Veranstaltung jemals durchzuführen, scheint es sich vielmehr um eine – zugegeben dreiste – Marketing-Strategie zu handeln. Zumindest bei Events, deren angegebener Veranstaltungsort in der Nähe von Clubs liegt, in denen die Party dann wirklich stattfindet.

Keine Fake-Event-Mafia – aber ziemlich dreiste Agenturen

Schwieriger ist die Situation bei Veranstaltungen, die beispielsweise am Gärtnerplatz stattfinden sollen. Hier wurde ein Open Air beworben – stattgefunden hat es nicht. Der Chef einer der beiden Agenturen erklärt mir, man habe die Veranstaltung durchführen wollen, habe von der Stadt München aber keine Genehmigung erhalten. Öffentlich beworben habe man die Veranstaltung natürlich trotzdem. Ob ein Antrag für eine derartige Veranstaltung wirklich gestellt wurde, bestätigt die Stadt nicht. Man gebe solche Informationen nicht heraus, heißt es.

Dass die Stadt einem kommerziellen Event am Gärtnerplatz eine Absage erteilt, dürfte nicht allzu überraschend sein. Allerdings wird die Stadt bei anderen Veranstaltungen der Agenturen in Infotexten als Mit-Veranstalter genannt. Wenn man schon Festivals zusammen veranstaltet, kann man doch auch schon mal den Antrag seiner Partner durchwinken – oder?

Erneutes Problem: Die Stadt München ist in der Realität an der Organisation der Veranstaltungen nicht beteiligt. Dasselbe Spiel also wie bei Eventbrite.

Ein schicker Veranstaltungsname, eine vor Hype-explodierende Beschreibung und Name-Dropping. Fast fertig. Um die Event-Promo abzurunden, fehlen – natürlich – geklaute Fotos. Für ein Shisha-Open Air halten Bilder des Gartens eines Luxushotels in Dubai her – da wirkt sogar ein Shisha-Festival glamourös.

Der Kreis schließt sich.

Und dann tut ihr es wieder. Irgendwas mit Open Air, Streetfood, Alkohol oder „der coolsten Party der Stadt“ und zack: Facebookveranstaltungen wie „Gärtnerplatzfest mit Open Air“ kommen auf zehntausende Zusagen.


Wir haben in diesem Artikel bewusst darauf verzichtet, die Namen der Facebook-Seiten und deren Betreiber*innen zu nennen. Allzu lange wirst du danach aber nicht suchen müssen.


Beitragsbild: © Lionello DelPiccolo auf Unsplash

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