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Wenn die Youtuber kommen – Sami Slimani & Co in München und der Hype um die Stars dieser Zeit

Lea Haufler

Lea Haufler

Hello hello, who is calling?
Mucbook hier, haste Stift und Papier?
Klare Sache, da ist die Lea doch dabei,
War doch immer schon Fan der Schreiberei!
Lea Haufler

Hätte ich meinem 13-Jährigen Ich gesagt, dass ich einmal stundenlang neben Sami Slimani stehe und ein Foto mit ihm mache würde, wäre ich wohl wie ein aufgeregtes Schnitzel durchs Wohnzimmer gesaust. Endlich die Youtuber treffen, von denen ich mir fast täglich anschaue, wie sie eine halbe Stunde ihren DM-Einkauf in die Kamera halten. Oder aber mich in einer „Room Tour“ durch ihr Zimmer mit BILLY-Regal und MÖCKELBY-Klapptisch führen. Und das jetzt live und in Farbe. Das wäre ein Traum.

Youtube und ich

Mittlerweile bin ich (leider) nicht mehr 13 und habe meine altgeliebten Youtubern mehr oder weniger Adieu gesagt. Ab und an, wenn Sami Slimani ein Video mit besonders tragischem Titel „Was die letzten Wochen WIRKLICH passiert ist…“ und noch tragischerem Bild dazu veröffentlicht, bewegt mich ein Drama-riechender Teil meines Gehirns zum Anklicken. Wenn sich nach fünf Minuten herausstellt, dass es ein stinknormaler Wochenrückblick seines busy-lifestyles ist, bereue ich es wieder. Aber nur ein bisschen. Denn irgendwo tief in mir drinnen fühle ich mich immer noch ein wenig verbunden zu Sami & Co. Immerhin habe ich mir sicher stundenlang ihr Gesicht angeschaut. Jedoch bisher nur auf dem Bildschirm.

A little party never killed nobody

An einem wunderschönen Sommertag im Mai soll sich das nun ändern. Ich bin auf dem Weg zum neuen Tezenis Store in der Hackenstraße, der vor seiner Eröffnung steht. Zur Tezenis Summer Party wird eingeladen. Genauer gesagt zur „Youtube Summer Party“, so der offizielle Name des Events. Denn viel wichtiger als die Eröffnung des Tezenis Stores: GANZ VIELE YOUTUBER kommen nach München und du kannst sie sehen und anfassen! Denn Youtuberin Anna Maria Damm ist das neue Gesicht von Tezenis und wird zur Eröffnung von Katharina Damm, Sami Slimani, Anuthida Ploypetch und Erik Scholz begleitet.

Für mich bekannte Namen, die mich, immer noch neugieriges Ex-Fangirl, zu einem Besuch des Events verleitet haben. Doch für alle, die ihre Pubertät ohne Youtube und Social Media bezwungen haben, ein paar knappe Fakten: Alle bekannt durch Youtube, Instagram und Co. mit bedeutend großer Reichweite in Social Media. Sami Slimani hat beispielsweise 1.4 Mio Follower auf Instagram, die regelmäßig seine Posts sehen.

Der neue Begriff für diese Bekanntheitskategorie: Influencer. Wird sicher witzig, denke ich mir, und vielleicht die perfekte Gelegenheit, mal ein bisschen reflektierte Recherche zu betreiben, über dieses ganze Youtube- und Influencer-Zeug.

PicMonkey Collage

Schon auf dem Weg dorthin fliegen mir überdurchschnittlich oft die Worte „Instagram“, „Youtube“ und „Fangirls“ entgegen. Und zu übersehen ist der neue Store wirklich nicht: Eine lange Schlange Teenage-Kids steht in ihren Jeansjacken und Handys bereit und wartet auf den Startschuss für die Selfiejagd mit Sami, Anna und Co. Neben interessanten Marktforschungsumfragen zum Thema „Wie viel Schminke passt eigentlich auf ein durchschnittliches 14-jähriges Gesicht“ kann man hier repräsentativ die Zuschauergruppe der Youtuber definieren. Meine Schätzung: 11 bis 17 Jahre alt, 80 Prozent Mädchen, 20 Prozent Jungs.

Jeder Star hat nunmal seine Zielgruppe und auch seine ausflippenden Fans. Ich kann mir einen kleinen Grinser jedoch nicht verkneifen. Es ist doch ein wenig zu klischeehaft.

Sonne, Selfies, Sami SlimaniWhatsApp Image 2017-05-23 at 00.02.12 - Kopie

Endlich drinnen, stehe ich als erstes vor dem pinken Berg Red Bull Summer Drinks. Hinter ihm eine eine Schminkbar. Die Marktforschung zum Thema, wieviel Schminke auf ein Gesicht passt, wird sich hier drinnen wohl zum Bösen hin verändern. Ganz im Hintergrund entdecke ich dann auch die Unterhöschen und Bade-BHs, die zum Verkauf stehen, doch deshalb bin ich nicht hier. Denn dann steht Sami Slimani einfach vor mir. Ganz nah und ganz real.

Schon aufregend, aber irgendwie doch gar nicht so spektakulär, wie ich es mir vorgestellt habe. Trotzdem muss ich ein Selfie machen, zumindest um meines 13-Jährigen Ichs Willen. Nach einem bemerkenswert eintrainierten „Ja klar, gerne“ auf meine Bitte, lächelt Sami Slimani, ebenfalls bemerkenswert eintrainiert, in meine Handykamera. Und mein früheres 13-jähriges Ich kommt auch auf dem Selfie wieder zum Vorschein.

Die Party kommt so langsam ins Rollen und – bedient mit Red Bull und Eis und insbesondere einer wirklich netten Art, wie die Youtuber mit ihren Fans Pläuschchen halten und ambitionierte Selfies schießen, kommt wirklich etwas Summer-Party-Stimmung auf.

Sami Slimani versprüht neben Summer Vibes, die er mit einer Sonnenbrille – im Laden – anscheinend noch intensivieren möchte, jedoch mitunter einen ordentlichen Schwall arroganter Vibes. Die kommen zumindest bei mir an. Bei beobachteten Fan-Gesprächen habe ich – trotz Dauerlächeln – das Desinteresse seinerseits fast schon riechen können. Mit nur wenigen Ausnahmen. Dabei wirkt er im Internet doch so nett. Vielleicht ein Beweis dafür, dass man mit 1,6 Millionen Youtube-Abonnenten, die dir tausendfach unter deine Bilder schreiben, wie sehr sie dich lieben, doch nicht mehr ganz so bodenständig bleiben kann?

Die Rätsel des Ruhms

Und während die Summer Party so weiter vor sich hinläuft, stehe ich mit meinem Summer Drink draußen auf der Straße und beobachte immer wieder dieselben Reaktionen: „Gibt’s hier was gratis oder was ist hier los?“ wird im Vorbeigehen gerufen, ein schrill-ironisches „SAMI SLIMANI“  wird mir entgegengekreischt und ein älterer Mann fasst sich beim Anblick der ausflippenden Teenie-Girls an die Stirn und schüttelt den Kopf.

Die Verständnislosigkeit des Bekanntheitsgrads und die Lächerlichkeit, die dafür verspürt wird, ist hier draußen von allen Seiten präsent. Denn die Kritik ist nicht nur hier allgegenwärtig. Mit oberflächlichem Wischiwaschi-Blabla Tonnen von Geld und Ruhm sammeln und die wirklich wichtigen Sachen trotz solch einer Reichweite nicht ansprechen – ich kann es irgendwo verstehen, nur mit simplen Themen und schönen Outfits Millionen machen, das können viele einfach nicht anerkennen.

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Der neue Stern am Influencerhimmel – Eine Prognose

Anstelle von Sami Slimani, der ohnehin heute keine Interviews geben möchte, fällt dann meine Aufmerksamkeit auf Erik Scholz. Absoluter Newcomer in der Influencer-Szene, hat er mit seinem Fashion-Blog jedoch schon recht viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Von der Grazia zu „Germanys Next Influencer“ gekürt, hängt er jetzt mit den großen Youtubern ab. Und mein erfahrener Spürsinn sagt mir: Der wird mal so groß wie Sami Slimani. Mit roten Haaren und einer sympathischeren Ausstrahlung. Und der Inhalt seines Fashion Blogs gibt einem auch das Gefühl, dass bei ihm mehr Talent hinter seinem Bekanntheitsgrad steckt, als nur famous for being famous zu sein.

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Wir fangen an mit ein bisschen Smalltalk. In Berlin studiert er Modemanagement, es sei aber sehr schwer gleichzeitig gefragter Blogger zu sein und zu studieren. Der Schlaf und das Lernen würden definitiv darunter leiden.

Als ich ihn nach seiner Priorität in Hinsicht Bloggen und Studium frage, nennt er dann aber doch das Studium: „Ich will auf jeden Fall richtig in der Modebranche arbeiten, das ist mir super wichtig. Wirklich so ein Meinungsmacher zu sein, also nicht als Influencer, sondern so richtig.“ Instagram und Youtube sind für ihn wohl nicht ausreichend. „Wie würdest du denn den Begriff Influencer definieren?“, ist meine nächste Frage. „Das sind auf jeden Fall Leute, die eine große Reichweite ansprechen und diese halt ein Stück weit beeinflussen. Den Unterschied macht dann halt, ob man das zum Beispiel politisch oder eben modetechnisch macht.“

Ich frage mich, ob ihm das modetechnische „Influencen“ mit Modeblog und Instagram genug ist, wenn ihm das wirkliche Meinungsmachen doch so wichtig ist. „Also du machst das dann auf der modetechnischen Schiene?“ frage ich ihn. „Ja genau“, sagt er erst, „aber auch gesellschaftliche Themen und zu sich selber zu Stehen zum Beispiel. Das ist auch super wichtig. Also nicht nur so oberflächlich zu sein. Meistens wenn mir bestimmte Themen auffallen, greife ich die dann auf einem Blog auf oder mache Livestreams. Da kann man dann auch verschiedene Meinungen hören oder Fragen beantworten.“

Nur Fashion, Beauty, Instagram?

Oft unterschlagen wird bei all der Kritik, dass viele Youtube-Sternchen auch oft gesellschaftliche Themen ansprechen. Nicht nur Erik Scholz, der auf seinem Blog Themen wie Zukunftsängste thematisiert, auch viele andere Youtuber machen Videos über Selbstakzeptanz, Toleranz und Mobbing. Sami Slimani ist unter anderem auch wegen Videos hinsichtlich solcher Themen zu seiner Bekanntheit gekommen. Und das macht er zugegeben wirklich gut.

Aber Influencer, die auf Politiker machen?

Wenn ich mir vorstelle, dass nicht mehr alle nur dieselben Schuhe tragen, nur weil Sami Slimani sie auch trägt, sondern plötzlich alle dieselbe politische Meinung haben, nur weil Sami Slimani sie hat, finde ich das um einiges bedenklicher. Was Influencer laut ihrem Namen so gut können – Menschen beeinflussen – sollte meiner Meinung sehr bedacht geschehen. Und was qualifiziert Youtuber dazu, ihre Meinung mit ihrer Reichweite für politische Themen zu nutzen? Überlassen wir dieses Gebiet doch lieber unseren Lehrern und Eltern. Denn im Unterschied zu Sami Slimani wirst du, wenn ein 60-jähriger, buckliger Lehrer mit Wampe dir Politik erklärt, seinen Aufruf wohl nicht einfach übernehmen, die AfD wählen zu gehen. Nur weil der süße Herr Krause das sagt.

Mitunter habe ich aber auch diese Lifestyle-Youtuber ganz bewusst abonniert und ihnen auf Instagram gefolgt, weil sie mich aus den alltäglichen, harten und oft frustrierenden Zeitungsüberschriften und Tagesschaubeiträgen rausholen. Wenn manche zum Abschalten GZSZ schauen, schauen andere eben Youtube. Und GZSZ muss meinetwegen auch nicht unbedingt die Rentenversicherungsreformen thematisieren.

Ein kleines Faninterview

Nach einer weiteren Trophäe infolge des auf mich übergeschwappten Selfiejagdtriebs (ich sehe wieder aus wie 13, ein Zeichen?) entscheide ich mich, dass es nun langsam mal Zeit ist, sich zu verabschieden. Doch dann entdecke ich in der Menge drei kleine Mädchen, modisch wie ich es vielleicht nie sein werde. Eine von ihnen trägt eine Jeans-Latzhose. Die hab ich auch mit 12 getragen. Aber nicht weil ich es bei einer Modebloggerin gesehen habe, sondern weil meine Mama sie mir angezogen hat.

Sie liegen sich alle zwei Sekunden in den Armen, weil sie so glücklich sind, endlich Sami und Anna zu treffen. Das Paradebeispiel des Youtube-Fangirls. Ich sehe sofort meine Chance, auch noch eine kleine Marktforschung durchzuführen und stürme auf sie zu. 11 und 12 sind sie. „Seid ihr von Promiflash“? ist ihre erste Frage. Obwohl ich da vehement verneinen muss, erzählen sie mir, wie happy sie sind und dass sie die Veranstaltung super toll finden. Ich frage sie, ob sie etwas von Tezenis kaufen würden, nur weil Anna Maria Damm das neue Tezenis-Gesicht ist. Ihre Antwort ist erstaunlich direkt und ehrlich, „Ja würde ich machen! Doch auf jeden Fall.“

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Die dunkle Seite der Macht – und auch die helle

Und obwohl der ganze Tag sich so gut wie überhaupt nicht um Tezenis gedreht hat, ist die Werbung anscheinend gelungen. Die Marke ist durch die Relevanz der Youtuber transportiert worden, ohne auch nur einen Hauch abschreckender Aufdringlichkeit. Ich habe sie so gut wie gar nicht wahrgenommen. Effektives Marketing, wie es aus dem Youtube-Handbuch kommen könnte.

Genau so wie hier, findet man diese Form der Werbung nämlich in fast allen Videos der großen Youtuber. Kaum erkennbare Product Placements in Favoriten-Videos oder Instagram-Posts. Werbung in einer der höchsten und manipulativsten Form. Denn wenn deine Youtube-Stars sagen, dass diese Creme gut ist, wird sie das doch auch sein. Mit den nötigen Angaben zur Produktplatzierung absolut legal. Trotzdem teilweise fragwürdig.

„Warum schaut ihr denn Samis und Annas Videos?“ ist meine nächste Frage. Sie schauen sich an und lachen. „Keine Ahnung. Ich find sie cool.“, „Ich find cool wie sie reden“, „Ich find cool, dass sie so ihren eigenen Style haben“ sind ihre etwas vagen Antworten. Dann aber sagt eine „Dass sie einfach sie selbst sind, find ich gut.“ Obwohl sie so simpel ist, finde ich diese Antwort gut. „Gibt’s irgendwas, was ihr persönlich aus ihren Videos mitnehmt?“ bohre ich ein bisschen nach. „Ich find zum Beispiel cool, dass Sami sich geschminkt hat. Das ist richtig cool“ sagt das Mädchen mit der Jeans-Latzhose.

Ich bin etwas erleichtert. Obwohl diese 11- und 12-jährigen Mädchen sicherlich auf ihrem Heimweg ausschließlich über Sami Slimanis mega cooles Outfit reden werden, glaube ich, dass tief drinnen auch etwas anderes hängen geblieben ist. Sich so zu akzeptieren wie man ist, und andere auch. Und das ist wichtig und wird im Gegensatz zu Politik nicht in der Schule unterrichtet. Der kopfschüttelnde alte Mann von vorhin hat sich sicher mit 12 nicht annähernd so für Mode interessiert, wie die drei Mädchen es tun. Aber in Sachen Toleranz kann ich mir gut vorstellen, dass er beim Anblick eines geschminkten Sami Slimanis noch viel stärker den Kopf geschüttelt hätte.

Papa, was hältst du davon?

Am nächsten Morgen erzähle ich meinem Vater vom gestrigen Tag. Auch er schüttelt zuerst einmal den Kopf und lacht „mit was man heutzutage berühmt wird“. Dann sagt er : „Aber wenn man es geschafft hat so berühmt zu werden, hatte man entweder extremes Glück oder aber man macht eben etwas, das so viele Menschen anspricht, dass man das Berühmtsein auch verdient hat.“

Es gibt einiges zu kritisieren an der Youtube-Welt. Unterschwellige Werbung oder der extreme Fokus auf sich selbst und sein Äußeres, wo früher alle Mädchen nicht Fashionista, sondern Tierarzt werden wollten. Doch sich einfach dem allgemeinen Hate-Strom gegen Youtube und Youtuber anzuschließen, ist zu einfach. Denn was sie können, ist den Zeitgeist zu treffen – und der ist ab und zu gar nicht mal so oberflächlich, wie er scheint. Und ich schaue mir auch heute gerne noch Youtube-Videos an, zwar in aller Regel keine Room-Tours und Beauty Hauls, aber manchmal ist dann doch auch ein Summer-Party-Outfit-Lookbook dabei.

Ganz bewusst von mir gewählt.

 


Beitragsbild © Silk Relations

andere Fotos © Lea Haufler

 

 

 

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