Kultur, Nach(t)kritik

Zschäpe richtet

Tobias Mayr

Tobias Mayr

war sich eigentlich mal sicher, dass er München öde findet. Hat dann aber Bier, Brezn und das blau der alten U-Bahnen zu sehr vermisst und seine Meinung wieder geändert.
Tobias Mayr

sich selbst *?*

neu

„Natürlich wissen wir: Es ist heikel, das Thema NSU mit Party in Verbindung zu bringen. Aber ohne anschließende Party macht die Performance zuvor keinen Sinn.“

sagt Ersan Mondtag im mucbook-Interview am Dienstag. Es geht um das neueste Projekt seiner Performancegruppe  Kapitæl Zwei Kolektif . Der Plan: Sie wollen den NSU Prozess im Mixed Munich Arts, im Club, aufführen. Schwieriger Stoff, schwierige Location. Ersan Mondtag aber argumentiert: „Die Menschen werden überführt in einen kollektiven Club-Moment, in dem alle auf einen Rhythmus tanzen.[…] Das davor ist sozusagen die inhaltliche Vorbereitung, danach kommt das Empfinden eines kollektiven Moments.“

Die Pilz-Metapher

Beate Zschäpe ist ein Pilz, der tief in der Gesellschaft wurzelt sagt Ersan Mondtag. Hinter dem Gesicht Beate Zschäpes verbirgt sich ein tiefer, der Gesellschaft immanenter, unterschwelliger Rassismus, der sich wie ein Pilz durch sie hindurch frisst.

Es geht auch um Scham, abstrakte Scham einer Gesellschaft für eine bestimmte Person, die den Namen Beate Zschäpe trägt. Diese abstrakte Scham will das Kapitæl Zwei Kolektif darstellen, erziehen oder jemanden vorführen möchten sie nicht. Ausdruck findet das im ritualen Charakter dieses Prozesses.

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Das Gesicht des Prozesses

Ein Prozess der Rituale also. Je länger man der Performance zusieht, desto stärker merkt man was Mondtag damit meint. Auch Bürokratie ist ein Ritual. Die Show beginnt indem eine Teilnehmerin (Tina Keserovic) auf die Bühne steigt und stimmliche Aufwärmübungen von sich gibt. Die Augen starr, leicht nach oben gerichtet, als könne sie nur mit Mühe unter den tief hängenden Lidern hervorschauen, der Mund verkniffen, sodass die Mundwinkel verbissen und grotesk nach unten gezogen sind, auf der Nase eine filigrane, rahmenlose Brille. Das ist das Gesicht dieses Prozesses, unheimlich gut wiedergegeben.

Das Bühnenbild zeigt ein Graffiti verschiedener Comic-Figuren. Ich kenne nicht alle. Besonders zentral abgebildet sind Paulchen Panther und die Diddl-Maus. Paulchen Panther natürlich wegen des Bekennervideos, das man aus der Asche von Beate Zschäpes Wohnung bergen konnte. Die Diddl-Maus? Später wird ein ehemaliger Nachbar aussagen, sie hätten Zschäpe immer Diddl-Maus genannt. Aufgrund ihres damaligen Decknamens „Dienelt“.

Es versammeln sich zwölf Personen vor der Bühne. Sie alle tragen irrwitzige Kostüme. Einer trägt eine Monster-Lametta-Perücke, ein anderer einen rüstungähnliche Morphsuit. Die zwölf ordnen sich halbkreisartig auf der altarähnlichen Bühne an, die sich latent in das Kirchenschiff der Halle fügt. Jeder hat einen eigenen Platz. Auch die Frau, bei der man an Beate Zschäpe denkt ist unter ihnen, sie trägt ein Verfassungsrichterkostüm mit einem Hut, der an einen Papierkorb erinnert. Sie nimmt die Mittelposition ein. Die des Richters.

Richtet sich B.Z. selbst?

Die Richterin eröffnet den Prozess. Erster Verhandlungstag. Gesprochen wird nach den Originalprotokollen von Sven Björn Popp. Manches wird im Chor vorgetragen, anderes von Einzelpersonen – im Dialog mit der Richterin. Ersan Mondtag sitzt mit Tacktstock im Souffleurkasten und marschiert Szene für Szene ab. Es ist fast militärisch. B.Z. führt den Prozess strikt und ordentlich, die Verzögerungsanträge der Verteidigung werden lückenlos abgelehnt.

Beate Zschäpe ist der Prozess. Es geht nicht um das Verbrechen, nicht um den pervers-rassistischen Hintergrund. Es geht nur um Beate Zschäpe. Darum steht diese Frau am höchsten Podest, darum trägt sie das Rot der höchsten Judikative: Sie dominiert den Prozess. Die Medienberichterstattung. Die öffentliche Meinung. Ihr wird nicht der Prozess gemacht – sie ist der Prozess.

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„Sie beharrte darauf, keine Angaben zum Verbrechen zu machen“

Man gewöhnt sich daran, dass die sonst hartnäckig Schweigende vor verbaler Gewandtheit nur so sprudelt. Zeugen werden vernommen. Eine Polizistin:„Auf der Wache entwickelte sich ein lockeres Gespräch. Sie erzählte mir sie sei ein Oma-Kind gewesen, schlechte Beziehung zur Mutter also.“ Später geht es um Zschäpes Katzen, den Mord an Habil Kılıç, die Aussage von Frau Kılıç. Wie der Verfassungsschutz essentielle Akten schreddern ließ, Sebastian Edathy, wie die Waffen und Pässe beschafft wurden, alles ist verknüpft, wie ein Teppich.

Hitlerbild auf dem Fernseher

„Sie war eine liebe gute Nachbarin“ dabei bleibt ein ehemaliger Nachbar. Er selbst hat ein Hitlerbild auf dem Fernseher stehen, in seinen eigenen vier Wänden dürfe er das ja. Den Jutebeutel mit dem Hakenkreuz hat er nur mitgenommen, weil er noch originalverpackt war. Politik ist ihm egal, das gehe ihn nichts an. Der Grieche unten im Haus nervt ihn schon, wegen des Knoblauch-Gestanks.

Die Verhandlungstage fließen dahin, bald ist man am 30., dann am 40. Der Abend wird deshalb nicht langweilig, weil man erstmals einen erschreckenden Überblick über das Ausmaß des NSU bekommt, komprimiert auf wenige Stunden. Die Aussagen der Zeugen, der Angehörigen, der Kriminalbeamten und der V-Männer in ungeordneter Reihenfolge aufeinander zu knallen, kann eine ganz besondere Ordnung im eigenen Kopf hervorrufen.

„Alle wendeten sich ab von uns“

Klischees dienten bei den Ermittlungen als Erklärung. Hauptsächlich waren es Drogen – warum stirbt ein Türke? Weil er Probleme mit der türkischen Drogenmafia hat. Klarer Fall, Rassismus gibt es schließlich nicht mehr in Deutschland. Man bekommt einen ekligen Geschmack im Mund, wenn man die Schicksale der Angehörigen mitbekommt, die nicht nur unter dem Verlust sondern zudem unter den Fehlern der Ermittler zu leiden haben. „Ich schlafe seit sieben Jahren nur zwei Stunden pro Nacht, weil ich mich immer Frage, wie es dazu kommen konnte“

Irgendwo zwischen Verhandlungstag 50 und 60, zwischen November und Dezember, zwischen Ende der vierten und Anfang der fünften Stunde dann: „Die Opferfamilien sind wenigstens in der Lage zu trauern, bei mir kommt immer nur das blanke Entsetzen hoch, was mein Sohn getan haben soll.“ Brigitte Böhnhardt hatte die rechte Einstellung ihres Sohnes immer bekämpft.

 

„Welche Relevanz hat diese Frage? Ich beanstande diese Frage!“

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Resümee

Geplant war das Stück auf 3,5 Stunden. In der Realität weitete es sich auf 4,5h – ohne Pause. Die letzte Stunde war sowohl für die Künstler als auch für das Publikum anstrengend und kalt. So kalt, dass das Streichquartett, das im Hintergrund spielte, nach zwei oder drei Stunden verschwand. Es sei ihnen zu kalt geworden. Oliver Klostermann übernahm die musikalische Gestaltung am Synthesizer und Drumcomputer.

Trotzdem: Man kann Kapitæl Zwei Kolektif nur gratulieren. Das Publikum bei einer derart langen Performance am Thema zu halten ist eine große Kunst. 60 Prozesstage wurden behandelt, begonnen am 6. Mai 2013, beendet mit „Frohe Weihnachten und erholsame Ferien“. Die Künstler gehen von der Bühne, minutenlanges, peinliches Schweigen, bis sich ein hübsches Mädchen in der ersten Reihe endlich traut zu applaudieren. Die Menge atmet auf und steigt erleichtert ein. Keiner der Künstler kommt nochmal auf die Bühne, Ersan Mondtag wartet am Ausgang und deutet den Zuschauern ihm in den Club zu folgen.

Wir bewegen uns im gleichen Rhythmus, klammern uns an der Bierflasche fest und denken nach, über diesen Pilz. Den Pilz, den wir auf ein Gesicht reduzieren. Während wir den kollektiven Moment erleben, den uns Ersan Mondtag prophezeiht.

 

„Party“ #4 – NSU
(Performance meets Club)
Eine Text-Partitur zum NSU-Prozess nach einer Fassung von Sven Björn Popp für 13 Sprecherinnen und Sprecher, Tuncay Acer und vier Streicher

aufgeführt von Kapitæl Zwei Kolektif unter der Leitung von Ersan Mondtag

Performer:

Mehmet Sözer
Henrike Commichau
Johannes Maier
Thomas Hauser
Lukas Hupfeld
Tina Keserovic
Philipp Basener
Juno Meinecke
Jonas Grundner-Culemann
Marie Fischer
Philipp Reinhardt
Tine Milz

 

 

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Das Heft über „Wohnen trotz München“

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