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Essen für die neue Generation? Warum ich mich 3 Tage lang nur von Flüssignahrung ernähre

Jan Krattiger

Jan Krattiger

Irgendwas mit Medien, Videokameras und Gitarren. Gitarren sind immer gut.
Jan Krattiger

Heute ist Tag X, es geht los. Ich „esse“ drei Tage lang nur Flüssignahrung, will die „Food Revolution“ ausprobieren, so wie das Münchner Startup YFood sein neues Produkt bewirbt. Die kurzen Fakten dazu: Eine 0,5l-Flasche soll 25 Prozent meines täglichen Nahrungsbedarfs abdecken. Sie ist ca. ein Jahr lang haltbar und muss nicht im Kühlschrank gelagert werden. Eine Flasche enthält 27 Vitamine, 33g Proteine, ist frei von Gentechnik und enthält allerlei interessante Zutaten wie laktosefreie Milch, glutenfreie Haferfaser oder Carrageen aus Algen (bitte was?).

Disclaimer an der Stelle: YFood hat mir für den Test auf Anfrage 12 Flaschen frei Haus zur Verfügung gestellt.

Vorbereitet habe ich mich optimal: Mittags auf der Arbeit Sushi beim Asiaten ums Eck, abends eine ordentliche Portion Käsespätzle, selbstgemacht von einem guten Freund. Also erstmal ordentlich Energie getankt, falls was schiefgehen sollte…

Angefangen hat das alles mit einer Email in meiner Inbox und einer Frage: „Warum essen wir eigentlich noch?“. Ja, warum eigentlich? Denn wie mir die Mail weitererklärt, sind wir – die „Generation Y“ – „zunehmend dem Problem ausgesetzt, immer weniger Zeit, … aber gleichzeitig ein immer größeres Verlangen nach einer gesunden Ernährung zu haben“. Die Hersteller „fühlen sich dazu berufen“, mir die Möglichkeit zu geben, mich stärker auf meine Ziele konzentrieren zu können, indem ich bei der Nahrungsaufnahme Zeit spare – die ich meist „sowieso nicht genießen“ könne.

Klingt doch erstmal nach einem einfacheren Leben: eigentlich könnte ich zuhause den Kühlschrank wegschmeißen, brauche sogar keine Küche mehr, sondern nur einen Lagerraum für die Flaschen. Keine Gedanken mehr über Einkäufe, um ein neues, spannendes aber vielleicht zu kompliziertes Rezept oder darüber, wo wir denn heute unseren Lunch holen in der Arbeit. Alles ist klar: Die Flaschen sind weiß, enthalten 25 Prozent des täglichen Bedarfs (und der Inhalt schmeckt nach Vanille) und sind noch nicht mal teuer.

Jackpot.

Jackpot? – Tag 1

Dienstagmittag, 12 Uhr. Ich lege los mit dem Experiment. Der Magen grummelt schon ein bisschen. Die drei Flaschen für den heutigen Tag stehen auf dem Küchentisch. Zugegebenermaßen: Der Tag der deutschen Einheit und damit ein Feiertag, ist nicht unbedingt der stressigste und von Arbeit geplagteste, um effizientere Nahrungsaufnahme zwecks Leistungssteigerung zu testen.

Aber ich sehe das als Härtetest, denn sollte die Flüssignahrung wirklich ein würdiger Ersatz sein, dann komplett. Für jeden Tag, für jede Situation.

Also schüttel schüttel, Deckel auf, rein damit. Schmeckt überraschend süsslich, vanillig, irgendwie auch nach Frühstücksflocken. Die Konsistenz ist etwas dickflüssiger als Milch, die Farbe milchig-hellbraun-beige. Hinten am Gaumen bleibt aber ein etwas seltsamer, undefinierbarer Nachgeschmack.

Ich trinke die Flasche in ein paar Minuten, kann nebenbei am Laptop diese Zeilen schreiben. Kein Geschirr wegzuräumen und abzuspülen, keine Reste, nix. Nur eine leere, astronautisch-weisse Plastikflasche. Und daneben zwei weitere Rationen für später. Ein Völlegefühl stellt sich tatsächlich relativ schnell ein, das Getränk erfüllt also erstmal seinen Zweck.

18 Uhr: Der kurzum arbeitslos gemachte Magen fühlt sich ungewohnt leer an (ist er halt auch), die Leere zieht die Speiseröhre hoch. Zeit für Flasche Nummer zwei. Schütteln, Deckel auf, da ist er wieder, der vanillig-süssliche Geschmack der vermeintlichen Zukunft. Und das war’s jetzt mit Essen für heute.

Beichte – Tag 2

Ok, ich geb’s zu: das war’s eben nicht mit Essen am ersten Abend. So ca. um 21 Uhr beschleicht mich ein alle Gedanken dominierendes Hungergefühl, das mich quasi dazu zwingt, meinen Kühlschrank nach kochbarem Essen zu durchforsten, das dann auch prompt in der Pfanne und auf dem Teller landet. Sorry, YFood, ich hätte selbst nicht gedacht, dass das so schnell geht. Aber ich hab schon ziemlich lange nicht mehr mit solchem Elan Essen gekocht und verputzt.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht dafür geeignet. Fehlt mir die Selbstdisziplin um meine Nahrungsaufnahme möglichst leistungsorientiert und effizient zu gestalten? Was wiederum zur Philosophie passen würde, die hinter dem vermeintlichen Trend der Flüssignahrung steckt: Du bist ein Einzelkämpfer in dieser großen, kalten Welt. Bist allein für dich verantwortlich und musst kämpfen, um zu überleben. Denn dass du nicht effizient genug bist bei der Arbeit, kann nur an dir liegen. Also optimiere deine Nahrungsaufnahme!

Dazu passend übrigens das Angebot der Firma an Chefs, 20 Prozent Rabatt für die Flaschen zu bekommen, wenn die Mitarbeiter sich darauf einlassen …

12.22 Uhr: Zeit für den Mittagsdrink nach 3 1/2 Stunden Arbeit. Bemerkung am Rande: Der Kaffee am Morgen haut vergleichsweise richtig rein, fast schon unangenehm und ungewohnt, die Effekte davon so direkt zu spüren. Ich bin aufgekratzt und rastlos.

Die BürokollegInnen besprechen derweil ihre Essenspläne für die Mittagspause. Zum Asiaten um die Ecke? Oder im Supermarkt was holen und gemütlich in den Garten sitzen? Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich werde neidisch. Bleibe aber am Schreibtisch sitzen und arbeite weiter.

Nur kurz geselle ich mich mit meiner Flasche zu den anderen, die im Garten ihr Essen verspeisen, mich mit Fragen löchern und mitleidig anschauen, als ich mit meiner Flasche aufkreuze.

Die Vor- und Nachmittage zwischen den Flaschen sind geprägt von der gelegentlichen Suche nach Zwischenmahlzeiten und Snacks. Ein bisschen Schokolade hier, ein Traubenzucker da, und so weiter und so fort. Der Magen will eben beschäftigt sein und ist nicht glücklich nur mit Flüssigem.

18.34 Uhr: Zuhause, den Arbeitsnachmittag einigermaßen überstanden, ist Abendessen angesagt. Oder eben trinken. Am Abend des zweiten Tags stelle ich fest, dass ich Vanille nicht ausstehen kann. Der anfängliche Genuss beim Trinken des süßlich-vanilligen Getränks ist verflogen, aber sowas von.

Am Ende – Tag 3

9.00 Uhr Donnerstags ist immer viel los bei Mucbook, unter anderem weil wir den wöchentlichen Newsletter erstellen und verschicken. Ich trinke also meine erste Mahlzeit während der Morgensitzung. Wieder Vanille – was allerdings in der Früh etwas besser runtergeht als Abends, stelle ich fest.

Die Suche nach kleinen Zwischenmahlzeiten verschärft sich merklich, ich halte es mittags noch durch und trinke meine Flasche, obwohl ich größte Lust hätte, mit den ArbeitskollegInnen auf den Wochenmarkt zu gehen, mir ein paar Käsesemmeln oder leckere Bratwürste zu gönnen.

Am Abend aber ist es endgültig um mich geschehen, nachdem mir meine Freundin mitteilt, dass sie Tortellini mit Tomatensauce kochen wird. Wie könnte ich da daneben sitzen und an meiner Flasche nuckeln?

So stehen wir gemeinsam in der Küche, hören nebenbei Radio und bereiten zusammen das Essen vor – kein edles Dreigänge-Menü, nur ein ganz schlichtes Abendessen. Aber genau in diesem Moment wird mir sehr deutlich klar, was alles verloren geht, wenn man auf herkömmliches Essen verzichtet. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Essen eine sehr soziale Handlung ist, die zwischenmenschlichen Kitt herstellt und Situationen der Begegnung schafft, ob bei der Arbeit oder mit Freunden/Familie Zuhause.

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Ich hatte bisher keine besonders leidenschaftliche Beziehung zum Essen. Klar, ich mag gewisse Gerichte sehr, andere weniger, bin aber zum Beispiel kein Spitzenkoch zuhause und bin auch mal mit einer Fertigpizza zufrieden. Aber: Danke YFood, ihr habt mich eines besseren belehrt.

Denn in einer Welt, in der alle nur für ein paar Minuten an ihren weißen Flaschen nuckeln, nur um dann gleich wieder in der Arbeit versinken zu können, in einer solchen Welt möchte ich nicht leben.

P.S. Sie hätte allerdings einen Vorteil, das muss man sagen: Die ganzen nervigen Insta-Food-Postings mit krassen Chia-Açai-oder-was-weiss-ich-für-ein-Superfood-Bowls wären verschwunden.


Beitragsbild: © Jan Krattiger

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