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6 Monate München – Eine Zwischenbilanz

Es ist manchmal gar nicht so leicht, neu in einer Stadt zu sein. Wie funktioniert hier das Leben, wie verhalte ich mich der Stadt entsprechend, wie finde ich neue Freunde? All diese Fragen stellten sich mir vor sechs Monaten als ich endlich nach München ziehen konnte.  

Klischees so weit das Auge reicht

München ist ein Klischee, das sich gegen Klischees wehrt, aber nicht davon wegkommt. München ist ein Klischee, das stets versucht anders als alle anderen zu sein. Ist es ja auch irgendwie. Von Bratwurst bis Schickeria gibt es nichts, was München gleicht – zumindest ist mir noch kein Ort wie München untergekommen. Aber irgendwie gibt es hier dann doch ein bisschen von allem. In München mischen sich die Liebe zum Bier, das Gefühl des guten Lebens, Dönerläden an jeder Ecke und irgendwie auch einsiedlerische Zurückgezogenheit zu einer einzigartigen Mischung.

Einsamkeit untereinander

Zwischen schönen Bauten, schönen Menschen und dem schönen Leben fällt es oft schwer, Zugang zu den Münchner*innen zu finden. Das mag vielleicht daran liegen, dass mein Leben sich vor einem halben Jahr dachte, es wäre eine prima Idee, mir die Möglichkeit nach München zu ziehen, zu Zeiten von Corona zu eröffnen. Aber jedes Mal wenn ich denke, hier jemanden kennengelernt zu haben, stehe ich doch wieder vor verschlossenen Toren. Vermutlich liegt es daran, dass ich vom Land ganz anderes gewöhnt bin. Man kennt jeden, man grüßt jeden, man kann (leider) nicht in der Masse untergehen. Hier in München lebt jeder in seiner eigenen kleinen Welt, neue Leute sind nur Nebenfiguren, die man gar nicht wahrnimmt. Vielleicht braucht es einfach nur Zeit, bis sich der bekannte Spruch „München ist ein Dorf“ bewahrheitet. Oder ich mach einfach was falsch. Vielleicht hab ich auch noch nicht den Ton Münchens getroffen. Ich rede mir lieber ein, dass es nicht an mir liegt.

Die Große Liebe der Münchner

Aber mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen im Sommer ging das Leben auch wieder bergauf. Es war nicht mehr ganz so einsam in München. Mit der weniger werdenden Einsamkeit und dem warmen Wetter kam auch die Erkenntnis, was wahre Liebe bedeutet: Münchner*innen und ihr Eisbach.

Soziales spielt sich im Sommer in München prinzipiell im Englischen Garten ab, am Eisbach. Ohne Ausnahme. Kommt mir zumindest so vor. Aber ich will mich da auch nicht beschweren: Es ist schön, wenn einem die Sonne das Gesicht küsst, während man zusammensitzt, Karten spielt und den Leuten beim Spaßhaben zusieht. Ich mag dieses München. Es wirkt da so frei, so unbeschwert und einfach entspannt. Manchmal vergisst man sogar, dass 300 Meter entfernt Porsche und Maserati geparkt sind und Studierende wie mich daran erinnern, dass mein Bankkonto so leer ist, wie ein Vorlesungssaal in der dritten Uni-Woche.

Aber so entspannt es auch sein mag im Englischen Garten, so war es oft auch zu entspannt was Corona angeht, was dann wiederum für angespannte Stimmung sorgte. Menschenmassen tummelten sich sorglos auf der Wiese, von Hygieneabständen weit und breit nichts zu sehen. Großrazzien und Probleme mit der Polizei schlichen sich oft als ein unschönes Bild in die entspannte Scheinwelt des Englischen Gartens. Leider war manchmal nicht alles so perfekt wie es scheint.

Ist es Liebe?

Aber nicht nur den Englischen Garten lieben die Münchner*innen sehr. Münchner*innen lieben alles in München. Ja den Königsplatz, die Wiesn (in stillem Gedenken an die Wiesn 2020), den Sonnenuntergang auf der Hackerbrücke, die Pinakotheken. Münchner*innen, scheint mir, sind Münchens eifrigste Touristen. Aber das ist ja gerade das Schöne. Warum sollte man die Stadt, in der man lebt, nicht innig lieben? 

Ich weiß nicht, ob ich nach 6 Monaten schon bereit für eine Liebeserklärung an München bin. Aber einen Korb wird München, mit all seinen Klischees, Widersprüchen und Eigenheiten, nicht so schnell von mir bekommen. Ein bisschen Amore für diese Stadt hab ich in diesem halben Jahr wohl doch schon gefunden.


Beitragsbild: Herr Bohn Unsplash

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