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Ab in die Zukunft: Scott Galloway über Digitalisierungstrends und die Gewinner und Verlierer der Branche

Anna Rabe

Inspiration ist keine Eintagsfliege.
Immer auf der Suche nach kreativen Impulsen und schönen Geschichten aus Musik, Mode und allem drumherum.
Anna Rabe

Montagabend, 18 Uhr im Senatssaal der LMU München. Kein Stuhl ist mehr frei, zur hinteren Türe kommen noch ein paar Nachzügler und stellen sich an die Seiten. Stille macht sich breit in Erwartung auf den Gast des Abends: Scott Galloway, der Rockstar unter den Marketingprofessoren.

Er fetzt auf der Bühne wie kaum ein anderer. Er wirft mit Fakten und Zahlen umher, geht steile Zukunftsprognosen ein oder liefert – wie bei der DLD 2016 – eine kleine Showeinlage verkleidet als Adele. So viel sei gesagt: Mit dem Marketing-Professor der New York University schmecken Digitalisierungstrends und Marktprognosen nach mehr als nur trocken Brot. Im Rahmen der Digital-Konferenz DLD 2017 ist der Amerikaner zu Gast in München. In einer guten Stunde prescht Galloway am vergangenen Montag in gewohnt energischer Manier durch seinen Vortrag. Er spricht über Digitalisierungstrends, die Gewinner und Verlierer der Branche und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

Hier der Überblick:

DLD Conference 2017, Europe’s big innovation conference, Alte Bayerische Staatsbank, Munich, January 15th – 17th 2017; Free press image © Flo Fetzer for DLD

Die Gewinner

Neben Uber, Spotify, TripAdvisor, UnderArmour und den FastFashion Firmen sieht Galloway vor allem Netflix und Amazon ganz oben auf dem Treppchen. Alle diese Unternehmen haben zwei wichtige Faktoren erkannt. Erstens: wie wichtig gut qualifizierte und glückliche Arbeitskräfte sind. Zweitens funktionieren sie alle auf Basis von Algorithmen und werden damit mit jeder Nutzung besser und personalisierter.

Uber zum Beispiel wird in Zukunft nicht nur „shortcuts“ speichern und so lästiges Suchen nach Adressen sparen, sondern auch die Möglichkeit bieten, über Pandora Songs nach deinem Geschmack zu hören und auf dem Weg ins Restaurant oder nach Hause schon mal das Essen vorzubestellen (mehr dazu hier).

Under Armour hat es durch seine App geschafft, nicht nur Sportprodukte zu verkaufen, sondern einen ganzen Lifestyle. Mit der App lässt sich der Lauf aufzeichnen und mit anderen vergleichen, aber auch die perfekte Laufroute und optimales Schlafverhalten schlägt sie vor.

Gerade Netflix sieht Galloway als großen Gewinner, da der Streaming Service passgenaues Entertainment liefert und damit Filme und Serien empfiehlt, die genau auf den Nutzer zugeschnitten sind.

Die Verlierer

Auf der Verliererseite nennt der Entrepreneur vor allem Virtual Reality, Wearables, 3D-Drucker, aber auch Snapchat, Apple Music und Twitter. Apple, so Galloway, „has lost its Mojo“. Gerade Apple Music hat seine Marktmacht an Konkurrenten wie Spotify, Pandora und Youtube verloren. Zu 3D-Druckern meint er nur: „people want things quick and cheap. We already have that. It´s called China.“ Snapchat wird es laut Galloway nicht schaffen, da der Riese Facebook das Potenzial von Fotos und Videos erkannt hat. Facebook sieht, dass Snapchat ein besseres Produkt hat, aber auf Grund von mehr Expertise, mehr Kapital und höheren Nutzerzahlen wird Facebook bzw. Instagram über kurz oder lang Snapchat vom Markt verdrängen.

Der Gigant

Als großen Gewinner und Giganten der Zukunft sieht Scott Galloway Amazon. Während er das Unternehmen 2015 noch als Verlierer unter den „Four Horsemen“ (Amazon, Facebook, Google, Apple) nannte, platziert er das Online-Warenhaus heute ganz vorne. Wie kommt der Sinneswandel? Zum einen sieht Galloway in Amazon kein Online-Warenhaus, sondern eine Suchmaschine mit angeschlossenem Onlinehandel. Denn 2016 wurden bereits mehr als die Hälfte aller Suchläufe über Amazon abgeschlossen. Zum anderen ist dieses wundersame Gerät genannt „Echo“ für den Amerikaner die digitale Revolution schlechthin. Der Schlüssel zum Erfolg aber liegt in Amazons digitaler Intelligenz. Bald wird der IT-Gigant besser und schneller als wir selbst wissen, was wir wollen. Das Szenario: Durch unsere Suchvorgänge und Einkäufe werden uns wöchentlich zwei Pakete geschickt. Eines mit gekauften Produkten, eines mit von Amazon zusammengestellten Vorschlägen. Die Rücksendung der Produkte aus letzterem ist kostenfrei, dadurch wiederum lernt Amazon dazu und kann immer genauer bestimmen, was wir wollen. (Mehr zu Jeff Bezos a.k.a. Captain Future und seiner Vision für Amazon: hier).

 

Die Kritik

Neben Prognosen und Einschätzungen feuert Galloway gut und gerne gegen die „Großen 4“. Gerade Facebook fordert er auf: „Stop lying, Facebook!“, denn wenn sich Fehler immer zu deinen Gunsten entwickeln, handelt es sich nicht um Fehler, sondern um Lügen. Gerade die Verantwortung und Vorbildfunktion der IT-Giganten sieht er als besonders bedrohlich. Würden wir uns an diesen Unternehmen ein Vorbild nehmen, so müssten wir den Firmensitz nach Irland verlagern, um Steuern zu sparen und uns als Plattform betiteln, um Verantwortung abzuweisen.

Und wie wird man nun Entrepreneur fragt einer der Studenten in der anschließenden Diskussionsrunde. Neben Leidenschaft, Liebe und dem Gefühl keine andere Wahl zu haben, ist es vor allem eines: „You gotta have that `Crazy´“ – schließlich hat jede großartige Idee mit etwas Verrücktem begonnen.

Oh, und zwei letzte Tipps vom Guru des Digitalen: Zieht dahin, wo die Action ist und digitales Marketing ist großartig, solange ihr für eine von zwei Firmen arbeitet: Facebook oder Google.


Scott Galloway ist Professor an der New York University Stern School of Economics für Brand Strategy and Digital Marketing, Entrepreneur sowie Gründer und CEO des Unternehmens L2 Inc. Er wurde vom World Economic Forum unter die „Global Leaders of Tomorrow“ gewählt. Bekannt geworden ist er durch seinen Winners-Loser-Talk und seine unterhaltsamen Vorträge.


 Foto: (c) Flo Fetzer for DLD

Beitragsbild: (c) Anna Rabe

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