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Geht’s noch, Eure Exzellenz?

Yannik Gschnell

Seit 2017 ermittelt der Bayrische Oberste Rechnungshof (ORH) gegen die LMU, wegen „Missständen“ im Abrechnungswesen. Gerade in höheren Führungskreisen der Exzellenz-Uni wurde nicht jeder Euro zweimal umgedreht. Ganz im Gegenteil, so verweist der ORH in einem der SZ vorliegenden Bericht beispielweise auf fünfstellige Beträge für Taxifahrten eines einzelnen Vizepräsidenten. Über zehn Jahre sammelte sich diese Rechnung an, für die Heimreise von der Uni zu seinem 90km entfernten Wohnort und wurde von der LMU erstattet – obwohl eine direkte Zugverbindung bestand.

„Taxifahrer*Innen-Studierende Witz“

Diese 64.000€ wirken über zehn Jahre in Anbetracht eines jährlichen Gesamthaushalts von 735 Millionen Euro (2018, ohne Klinikum-Haushalt) verschwindend gering. Doch hält man sich vor Augen, dass diese Summe durch die Taxifahrten einer einzigen Person zustande kam, steht sie auf einmal in einem ganz anderen Verhältnis.

Wenn die LMU 17,50€ am Tag für Taxifahrten ihres Vizepräsidenten ausgeben kann, warum ist sie dann an anderer Stelle nicht ebenso großzügig? So wirkt die – zuweilen möglichst studierendenunfreundliche – Gestaltung der Lehre neben solchen Schlagzeilen umso bitterer. Konkreter und aktueller muss man der LMU bei der Unterstützung ihrer Studierenden während des ungewissen, unstrukturierten und schlichtweg chaotischen Online-Kann-Nicht-Muss-Aber-Semesters ihre Exzellenz mit aller Deutlichkeit absprechen. Das geht besser.

Nicht den Anschluss an die Studierenden verlieren

Vergleicht man diese Zahlen mit denen der 21. Sozialerhebung des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, zeigt sich ein herber Kontrast: Laut der Studie beläuft sich das monatliche Budget der Vollzeitstudierenden auf rund 918€ mit einem leicht höheren Wert in Süddeutschland. Zieht man nun davon noch die Miete ab (Danke München) bleibt ein Betrag, der gerade mal halb so groß ist, wie das monatliche Taxibudget (etwa 525€) des vielgenannten Vizepräsidenten –freundlicherweise bereitgestellt von der LMU.

Wie kann es sein, dass trotz dieser spendierfreudigen Einstellung des Präsidiums die Studierendenbeiträge zum kommenden Wintersemester um 13€ pro Studierenden gestiegen sind? Einmal weniger Essengehen, während der ORH Rechnungen über 21.000€ moniert, die einer Fakultät für Mittagessen, „teilweise in Restaurants der gehobenen Klasse“, über Jahre erstattet wurden. Mal ganz abgesehen davon, dass die LMU laut ORH bei diesen Rechnungen die Einkommensteuer für den geldwerten Vorteil nicht abgeführt habe. Aber der Weg von der Ludwig- in die Leopoldstraße ist ja nicht weit.

Eure Exzellenz tanzt im rechtlichen Rahmen

Apropos, die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen den Vizepräsidenten gegen eine Geldauflage von 1500 (!) Euro ein. Das waren jetzt genug Rechenspiele für heute, aber irgendwie geht das nicht auf. Man ginge von einer geringen Schuld aus. Na dann, passt doch alles! So äußert sich zumindest die Sprecherin des Präsidenten Bernd Huber in der Stellungnahme der Universität über die erneut aufkommenden Vorwürfe.

„Aus den Empfehlungen der Stabsstelle ergeben sich kein Handlungsbedarf gegen Mitglieder der LMU in straf- bzw. dienstrechtlicher Hinsicht und kein Anlass für Rückforderungen bzw. Regress. Was die von Ihnen angesprochenen Taxifahrten betrifft, kann festgehalten werden, dass ein entsprechender Vorwurf auch nicht das Ergebnis der Untersuchungen der Stabsstelle war. Der Vorwurf des ORH hat sich damit nicht bestätigt.“

Wie belassen wir es jetzt liebe LMU? Geringe Schuld und deshalb mal eben ein leichtes Mittagessen an die Staatsanwaltschaft überwiesen, oder doch von jeder Schuld frei und mit Stolz und einem Gefühl der Legitimität im Taxi auf der Heimreise?
Doch es geht noch weiter.

Hier wird nichts verschwendet, schließlich ist Herr Huber VWLer!

„Auch von Verschwendung kann hier keine Rede sein, ganz im Gegenteil: Die LMU geht sorgsam mit öffentlichen Geldern um, und in den Fakultäten wird unter schwierigen Rahmenbedingungen Hervorragendes geleistet, wie gerade das abgelaufene Sommersemester wieder gezeigt hat.“

Ahh, tut doch immer gut sich selbst auf die Schulter zu klopfen, wenn es sonst keiner macht. Ja, schwierig waren die Rahmenbedingungen durchaus. Gerade deshalb braucht es in solchen Zeiten offene und ehrliche Kommunikation, Experimentierfreude und Mut.

Was uns Studierende stattdessen erwartete, waren unzählige teilweise widersprüchliche Informationsschreiben eines überforderten Präsidiums, während sich die Dozent*innen ohne Rückendeckung oder konkrete Vorgaben im Rahmen ihrer Möglichkeiten darum kümmerten, die Lehre aufrecht zu erhalten.

Was an ausstehenden Bafög-Unterlagen, unsicheren Prüfungsbedingungen für Schwangere und Risikopatient*innen oder ungenügende Unterstützung bei der technischen Umsetzung eines Online-Semesters für Studierende ohne passende Hardware hervorragend sein soll, weiß das Präsidium wahrscheinlich selbst nicht. Wie weit darf sich die universitäre Leitung von der Lehre entfernen, bis die Universität ihren Zweck vergisst und ihre Legitimität verliert?

Quo Vadis LMU?

Wer den Titel Exzellenz-Uni trägt, sollte neben den finanziellen Vorzügen seine gesellschaftliche Verantwortlichkeit hochhalten. Corona hat viele Studierende hart getroffen. Der universitäre Betrieb in all seiner Wirtschaftlichkeit ist zugleich schon immer auch ein Ort des sozialen Aufstiegs – heute wohl mehr denn je. Eine solche Vetternwirtschaft an der Spitze, während Studierende um ihre Träume kämpfen müssen, darf so nicht vorkommen und muss selbstkritisch aufgearbeitet werden.


Beitragsbild: © Sarah Kampitsch

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