Kultur, Live

Aida in der Burka

Um halb acht geht das Licht im Saal des Prinzregententheaters aus. Das Orchester wird kurz beleuchtet und das Publikum applaudiert. Der Regisseur, Torsten Fischer, sitzt aufgeregt, kaugummikauend in der dritten Reihe. Die Premiere von Verdis Oper Aida kann beginnen.

Verdis Spätwerk spielt in Ägypten – kein Grund, alle Beteiligten in Pumphosen zu stecken oder sie pharaonengleich spielen zu lassen. Fischer inszenierte diese Oper modern, nüchtern, einfach – und aussagekräftig. Ohne aufwendige Kleider oder verspielte Bühnenbilder ist die Aufmerksamkeit allein bei dem Terzett aus Aida, ihrem Geliebten Radamès und der Rivalin Amneris, zusammen mit dem Chor.

Verbotene Liebe

© Christian Zach

Die Stimmen und die gewaltige Bühnenpräsenz lassen einen immer wieder positiv erschaudern, nach nur wenigen Minuten gab es den ersten Szenenapplaus und sogar Bravo-Rufe aus dem Dunkeln. Die drei Darsteller interagieren nicht nur durch ihre Stimmen, sondern auch mit ihrer ganzen Mimik und Gestik extrem stark und echt.
Bei Aida liegt zum Beispiel viel Intensität in den Augen, da sie den Rest ihres Körpers mit einer Burka verschleiert hält.
Dass Radamès, dargestellt von Gaston Rivero, zusammen mit Sae Kyung Rim , als Aida, bereits vor drei Jahren dieselben Rollen verkörpert haben, und nun noch mehr in ihre Charaktere hinein gewachsen sind, merkt man ihrem Spiel an.

Eine wichtige Rolle spielt das Oberhaupt der Priester, Ramphis, der mit Sonnenbrille und Business-Klamotte auftritt, was erstaunlich passend ist. Er ist der eigentliche Strippenzieher und führt die Priesterschar dazu an, Radamès am Ende lebendig begraben zu lassen. Hinter seiner gestriegelten Fassade entpuppt Ramphis sich als blutrünstiges Monster, das sich Gottesdiener nennt, wie Amneris am Ende wütend feststellt.

Aida2

© Christian Zach

Das Bühnenbild kommt mit drei beweglichen Aluminium-Wänden aus. Gelbes oder blaues Licht symbolisiert Wüste oder Nil. Die Metallplatten erlauben eine Wandlung der Bühne von einem offenen Raum, bis hin zu einem dystopischen Gefängnis.
Eigentlich wäre die Oper im Gärtnerplatz-Theater aufgeführt worden, aber durch dessen Umbau konnte Fischer auf der großen, tieferen Bühne des Prinzregenten-Theaters inszenieren und viel mit der Perspektive arbeiten.

Die Gier des Oberpriesters, die Herrschaft übernehmen zu wollen, zeigt sich überraschend am Ende, in dem er das Gewehr nimmt und es auf seinen eigenen König richtet. Dieser alternative Schluss ist deshalb so unerwartet, weil er nicht in der Original-Fassung Verdis vorkommt.
– Eine Aida-Version, die bis zum Ende überzeugt und überrascht.

Weitere Vorstellungen am 20., 21., 22. und 24. Juni

Informationen und Spielplan www.gaertnerplatztheater.de

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