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Auf den Spuren von Beuys – Jesaja Rüschenschmidt in der AdbK München

„Demokratie ist lustig“. Dieser kurze, irritierende Sinnspruch prägt eine Fotografie von Joseph Beuys. Eine Fotografie, die zeigt, wie er am 11. Oktober 1972 der Akademie der bildenden Künste in Düsseldorf verwiesen wird. Polizisten umringen ihn, säumen seinen Abgang. Den Professoren-Hut durfte er damals selbstredend gleich mitnehmen. Der Direktor hat ihn gefeuert.

Was war passiert? Beuys hat immer wieder Bewerber in seine Klassen aufgenommen, die von der Universitätsleitung eigentlich abgewiesen wurden. Dagegen hat sich die Verwaltung letztlich mit den Mitteln der Exekutive – also der Polizei – zur Wehr gesetzt. Es ist eine bezeichnende Anekdote seines inklusiven und politischen Kunstverständnisses und seiner Idee der sozialen Plastik. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ heißt es dazu vom passionierten Hutträger.

Beuys Erben: Aktivismus innerhalb und außerhalb der Akademie der bildenden Künste

Wieviel Politik steckt in der Kunst? Kann auch Politik Kunst sein? Wer darf daran eigentlich teilhaben? Nicht zuletzt das sind auch die Fragen, die den Münchner Bildhauerei-Studenten Jesaja Rüschenschmidt umtreiben. Mit den Kollektiven Polizeiklasse, den Vielen und der AG Pappenheim hat er genau an dieser Schnittstelle aktivistisch operiert und Erfahrungen gesammelt. Der lose Verbund „Polizeiklasse“ beispielsweise hat sich an der Akademie der bildenden Künste formiert und war eine Reaktion auf das Inkrafttreten des umstrittenen Polizeiaufgabengesetzes sowie eines Platzverweises von StudentInnen auf dem Akademie-Gelände. Aus der Uni geschmissen werden: Dieses Schicksal teilt die Klasse also mit dem Aktivist Beuys.

Zum Verhältnis von Kunst, Politik und Solidarität

Sechs Jahre lang hat Rüschenschmidt an Münchens bekanntester Kunsthochschule Bildhauerei in der Klasse Metzel studiert. Jetzt steht zum Studienende – wie das so üblich ist – eine Abschlussarbeit an.

Das Thema „Abschlussarbeit“ ruft bei vielen StudentInnen natürgemäß eher Stresspickel oder entnervtes Schnaufen hervor. Bei Jesaja überwiegen Tatendrang und Begeisterung. Ehrgeiziges hat er vor: eine Woche lang finden Podiumsdiskussionen, ein fünftägiger Workshop und Vorträge zum Thema „Artivismus“ statt. „Artivismus“ ist – der Name legt es nahe – eine Kunstform, die sich nahe an der politischen Aktion bewegt. Getauft ist seine Abschlussarbeit und die komplette Eventreihe auf den Namen „Abstrakte Solidarität“. Was es damit genau auf sich hat, haben wir ihn vorab gleich persönlich gefragt.

Hallo Jesaja, deine Ausstellung trägt den Titel „Abstrakte Solidarität“. Was meinst Du damit?

Solidarität ist auf den ersten Blick ein schwammiger Begriff. Ich verstehe ihn als eine Art kollektive, politische Praxis, die darauf abzielt konkrete Missstände in unserer Gesellschaft zu verändern. Dabei geht es jedoch nicht nur um den Einzelfall, sondern immer auch um die Transformation des politischen Allgemeinen, d.h. um die geltenden Normen, nach denen sich unser Handeln ausrichtet.

Solidarität gibt es überall in verschiedensten Formen und Gesinnungen. So stehen ja derzeit auch die Rechten sehr solidarisch in ganz Europa zusammen, wovon andere politische Gruppen momentan nur träumen können. Aber natürlich trifft die Bezeichnung des solidarischen Handelns auch auf Gruppierungen wie die Ortsgruppen der Seebrücke zu, die ja ganz konkret solidarisch agieren und aus Städten heraus Seenotrettung im Mittelmeer mit ermöglichen.

„Den Titel ‚Abstrakte Solidarität‘ habe ich gewählt, da die Idee der ganzen Intervention die Kopplung aus Theorie und solidarischer Praxis ist.“

Durch Vorträge, Podiumsdiskussionen und einem 5-tägigen Workshop sollen beide Aspekte zusammengebracht werden. Künstlerische, sozial-plastische Interventionen haben auf den ersten Blick oft kein konkretes Ziel. Doch trotz des abstrakten Scheins, können Wirkungen erzielt werden, die davor auch nicht geplant und absehbar waren.

Wie oft hört man, dass jemand nicht weiß, was man tun könne, um die aktuelle politische, gesellschaftliche Lage zu verbessern? Wie oft hört man, dass man allein nichts tun kann?

Diese Fragen sind im Titel ‚Abstrake Solidarität‘ enthalten und sie zumindest ansatzweise zu beantworten, durch die Weitergabe praktischer Erfahrungen und Werkzeuge sowie des Vertrauens darin, dass es was bringt aktiv zu werden, soll Inhalt der Ausstellung werden.

Wenn ich richtig informiert bin, studierst du Bildhauerei – wie passt es da, dass deine Diplomarbeit eine diskurslastige Event-Reihe samt Workshop ist?

Huch, ja – für mich stellt sich diese Frage gar nicht mehr. Das ist schon ins Fleisch übergegangen.

„Joseph Beuys finden vielleicht einige schwierig, aber seine Annahme, dass alle Menschen Künstler*innen sein können und dass wir alle zusammen bewusst und unbewusst sowas wie eine gemeinschaftliche Praxis ausüben, die sich auf eine soziale Plastik auswirkt – das kann ich alles unterschreiben.“

Nur: man muss sich ja auch Gedanken dazu machen, wie man das ermöglicht. Dieser Arbeitsschritt interessiert mich einfach sehr. Und wenn jetzt echt noch Menschen meinen, dass das keine Kunst sei, dann lasst uns doch einfach fragen, wieso Humanität keine ästhetische Kategorie sein soll.

Sollte Kunst deiner Meinung nach politisch sein? Darf sie das, vielleicht zunächst mal?

Es wäre leicht zu sagen, dass Kunst immer politisch ist. Sie darf auf jeden Fall politisch sein, sie sollte den politischen Aspekt aber nicht nur missbrauchen.

Ich finde es schade, dass wir uns in Zeiten wiederfinden, in denen sich immer mehr Künstler*innen so fühlen, als dass sie sich aus politischen Gründen von ihren eigentlichen und spannenden künstlerischen Auseinandersetzungen entfernen müssen oder diese gar aufgeben.

In der Kunst wird ja auch an verschiedensten Dingen geforscht – die Form, die Farbe, der Alltag, dem Neuen, dem Alten, der Liebe oder, oder, oder – eigentlich an allem. Die Gedrungenheit der politischen Auseinandersetzung bedeutet für viele dieser künstlerischen Forschungsbereiche einen Stillstand. Diese künstlerischen Forschungbereiche und deren teils nicht nachvollziehbare Einflüsse und Auswirkungen werden durch eine Freiheit ermöglicht die immer erst wieder dann wahrgenommen wird, wenn diese verloren geht oder bereits verloren gegangen ist.

„Ich weiß nicht einmal, ob das Politische der Kunst gut tut oder man die Kunst damit eher instrumentalisiert und missbraucht. Aber eins ist klar: die Kunst ist eine mächtige Verbündete.“

Was sind die inhaltlichen Kernthemen deiner Diplom-Arbeit bzw. der Event-Reihe?

Samstagabend findet eine kleine Einführung in die künstlerisch-aktivistische Praxis statt.

Wolfgang Zinggl erzählt dafür etwas über seine Gruppe Wochenklausur aus Wien, die bereits seit 1993 aktiv ist. Am Montag geht es erst richtig los. Dann sitzen abends Vertreter*innen verschiedener Bündnisse wie NOPAG und Unteilbar, den Vielen aber auch Initiativen wie der Seebrücke und dem Solidarity City Projekt zusammen.

Angeleitet von Alexander Heindl (wissenschaftlicher Mitarbeiter von Michael Reder an der Hochschule für Philosophie) soll dieser Abend die bestehenden und notwendigen Formen der Solidarität ergründen.

Am Dienstag geht es weiter mit dem Thema Zusammenarbeit. Der Titel des Abends: Gleichberechtigung, Abgrenzung und Kollaboration. Die Fragestellung ist klar: Wie arbeitet man mit verschiedenen inhaltlichen Ausrichtungen und Wissens- sowie Erfahrungsvorteilen zusammen, wo muss man Kompromisse eingehen, Grenzen ziehen etc. . Mit dabei sind Sarah Sigmund und Samira Yildrim, die auch das Seminar „Feminist Invasion“ dieses Jahr an der Kunstakademie geleitet und organisiert haben. Außerdem dabei ist Penelope Kemekenidou von Gender Equality Media und Brot und Rosen.

Mittwoch versuchen wir dem Thema des Vergessens und der Erinnerungskultur auf den Grund zu gehen. Mit dabei ist unter Anderem Mirijam Zadoff vom NS-Dokuzentrum München.

Donnerstag spitzt es sich dann langsam zu. Karianne Fogelberg, Designtheoretikerin und Kuratorin, sitzt mit Vertreter*innen von Fridays For Future und Extinction Rebellion zusammen auf dem Podium. Sie gehen der Frage nach, was nach Fridays For Future passiert, was passieren muss, und natürlich auch was passiert, wenn diese Bewegungen scheitern.

Freitag wird es dann sehr lokal. Es geht um das Thema Freiraum und wie der Mangel an diesem als eine Form der passiven Unterdrückung zivilgesellschaftlicher Initiativen verstanden werden kann.

Samstag geht es dann um das Thema Polizeigewalt. Dominik Dommer, Kriminalkommissar, Vertreter*innen der Polizeiklasse sowie Kerem Schamberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU, nehmen sich dem Thema der Polizeigewalt an.

Parallel dazu findet tagsüber ab Mittwoch ein Workshop statt, in dem all diese Ideen und theoretischen Fragestellungen in die Praxis gelenkt werden sollen.

Damit das ganze schön flutscht, wird es dienstags auch einen Moderations- und Awareness-Workshop geben. Dieser bereitet darauf vor, wie man Kreativprozesse bewusst lenkt und Gruppen, die aus unterschiedlichsten Persönlichkeiten bestehen, zu ihren Zielen führt. Hierbei ist entscheidend, dass auch der Arbeitsprozess moderiert wird, unter anderem auch mit dem Ziel eher zurückhaltende Personen zu Wort kommen zu lassen.

Was erhoffst du dir als „Outcome“ der acht Tage Ausstellung, Vorträge und Workshop?
Es entsteht etwas, da bin ich mir so ziemlich sicher. Was das ist, kann man aber nie wissen. Und ich sehe es nicht als meine Aufgabe in diesen Prozess einzugreifen. Vielmehr arbeite ich an einer Form, einem Template, das ja auch wieder kopiert werden kann.

Was wirst du dir auf der Jahresausstellung der AdbK sonst so ansehen?
Puh, ich hatte, wenn ich ehrlich bin in den letzten Wochen nicht sehr viel Zeit mich mit den Studierenden aus anderen Klassen auseinanderzusetzen. Ich werde auf jeden Fall versuchen mir alles anzuschauen. Es fallen dieses Jahr ja einmalig die Jahresausstellung und die Diplomausstellung zusammen. Sprich, es wird ohnehin ein noch ungewöhnlicheres Nebeneinander.


Alle Infos, Termine und wie du dich an der Diskurs-Reihe beteiligen kannst, findest du hier. Die Reihe „Abstrakte Solidarität“ läuft als Teil der Diplomausstellung der Akademie der bildenden Künste München.

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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