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Back to the Woods: Tanz mit den Rudeltieren

Inzwischen ist es ja fast schon eine liebgewordene Tradition geworden, dass man sich für die beiden Kellerkind-Open Airs „Schall im Schilf“ und „Back to the Woods“ pünktlich zum Online-VVK-Beginn vor den Rechner setzt und auf sein Glück sowie auf ausbleibende Serverabstürze hofft. Der Run auf das begrenzte Ticketkontingent sorgt alljährlich für Verzweiflung, Wut und euphorische Freude bei den Ticketaspiranten.

bttw16-33Auch wenn der Veranstalter wohl locker ein paar Tausend Tickets mehr verkaufen könnte, bleibt man bisher dem gewohnten Platz und Konzept an der Isar treu. Das ist natürlich traurig für diejenigen, die dabei leer ausgehen, aber spricht andererseits auch dafür, dass es den Kellerkindern nicht rein um den Kommerz geht. Der Preis für das Tagesticket ist angesichts des Line-Ups und der schönen Location auch absolut in Ordnung. Außerdem habe ich das Gefühl, dass jeder, der wirklich hinwill, dann doch irgendwie immer ein Ticket ergattern kann. Lediglich die Option, spontan vorbei zu schauen, fällt dabei folglich flach. Die Teilnahme will also gut geplant sein. Wobei, dieses Jahr kam bekanntermaßen zunächst alles etwas anders.

Die traurigen Ereignisse im OEZ ereigneten sich nämlich genau am Abend vor dem geplanten Termin. Verständlicherweise wollte man unter diesem Vorzeichen nicht einen Tag später feiern, als wäre nichts geschehen – auch wenn die Entscheidung in der Facebook-Veranstaltung vereinzelt zu Unmutsäußerungen führte. Es sei vielleicht noch erwähnt, dass die Behörden ohnehin kein grünes Licht gaben. Den tragischen Amoklauf einmal beiseite gelassen, stand man nun also vor der schwierigen Entscheidung, wie es weitergehen sollte. Die auswärtigen DJs waren wohl teils schon angereist, das Open-Air-Gelände wochenlang von vielen fleißigen Helfern mühsam und liebevoll aufgebaut.

bttw16-54An dieser Stelle ein Kompliment an das Team: Sie haben es geschafft, innerhalb von ein paar Tagen ein neues Line Up zu stellen, eine Ticketrückgabe einzurichten, die entsprechenden Genehmigungen nochmals einzuholen und das Restkontingent wieder zum Verkauf zu stellen. Thumbs up! Eine Woche später konnte das Back to the Woods also an gleicher Stelle beginnen.

Am Isar-nahen Gelände angekommen, fiel erst einmal die schön gestaltete Location auf. Holz war die gestalterische Devise – man machte dem Namen also alle Ehre. Seien es die naturwüchsigen Bäume und Sträucher oder die zusammengezimmerten Bars, Essensstände und Sitzgelegenheiten – alles zusammen ergab ein wunderschönes Ambiente für den Ein-Tages-Rave. Ferner klappte auch die Orga super. Schnell war man mit einem Einlassbändchen und dem ersten kühlen Getränk versorgt, man wurde nett bedient und ausreichend Dixie-Klos sorgten dafür, dass keine langen Schlangen vor selbigen entstanden. Auch eine extra installierte „Regenstraße“ im Freien fand angesichts hochsommerlicher Temperaturen und gleißendem Sonnenschein viele Freunde.

bttw16-65Das Line Up konnten die Veranstalter dankenswerterweise zum Großteil auf den Ausweichtermin mitnehmen – einen Ersatz in der Größenordnung von den vakanten Plätzen der Headliner Roman Flügel und John Talbot vermisste ich aber dennoch ein wenig. Angesichts der Umstände soll dies aber kein Kritikpunkt sein. Das Leitmotiv beim BTTW liegt ja ohnehin – etwa im Vergleich zum Isle of Summer – nicht primär darin, ein Sammelsurium von „big names“ aufzufahren. Vielmehr geben sich überwiegend Münchner Szene-Schwergewichte die DJ-Klinke in die Hand. Zudem konnte man kurzfristig nd_baumecker von Berliner Berghain-Label Ostgut und Etapp Kyle vom Klockworks-Label für die Mainstage gewinnen. Schon zu Beginn fanden sich dort die ersten Tanzwütigen ein, bei den hitzigen Temperaturen musste sich schließlich nicht großartig aufgewärmt werden, erst gegen den späten Nachmittag wurde es dann aber merklich voller vor der Hauptbühne und es entstand eine gewohnt mitreißende Rave-Atmosphäre.

bttw16-26Wer vom technoiden Sound der Mainstage und der etwas versteckten „Unterholz“-Stage einmal genug hatte, konnte zudem an einem kleineren, dritten Spot bei modernen HipHop-Klängen ein bisschen den Swag aufdrehen oder sein restliches Geld zählen. Die meisten chillten aber auch eher gemütlich dort. Eine Erwähnung wert sind auch die vielen leckeren Schlemmerstände, die von Döner bis Käsespätzle für fast jeden Geschmack etwas boten – sowie die zahlreichen Sitzmöglichkeiten, die zum kurzen Verschnaufen oder zu mehr oder weniger tiefgründigen Diskussionen in trunkener Geselligkeit einluden. Sehr sozial war außerdem der faire Wasserpreis von einem Euro pro Flasche! Hier können sich andere Festivals gerne etwas abschauen. Noch ein Hingucker: die spektakuläre Visual-Installation und Lasershow von El Movimiento & Co. Sie verliehen den Acts auf der Mainstage nach Anbruch der Dämmerung eine fast schon kosmische Bühnenpräsenz.

bttw16-113Alles in allem machte das BTTW auch 2016 nichts falsch, vieles richtig und bediente das Verlangen der angereisten Raver. Ein wenig mag man vielleicht den ganz großen Höhepunkt oder die ein oder andere Überraschung vermisst haben. Aber halb so wild – das Rudel hatte sichtlich seinen Spaß. Für Besucher wie Veranstalter ist das BTTW mittlerweile sowas wie ein eingespieltes Heimspiel. Auch nächstes Jahr dürften die Kellerkind-Open Airs also wieder zu den sehnlichst erwarteten Terminen der Münchner Feiergemeinde zählen.

 

Fotocredits: Alle Fotos von Manuela Pickart (http://www.manuelapickart.com)

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
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