Kultur, Nach(t)kritik

Berührungsängste abbauen

Corinna Klimek

Ich reise gerne, gehe oft ins Musiktheater und lese viel. Manchmal kombiniere ich auch alles miteinander. Seit 7 Jahren schreibe ich darüber unter www.nacht-gedanken.de

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1330434233_josephsuess,sevenich,martin,ensemble1Beklemmend, dramatisch und hochspannend: Die Münchner Erstaufführung der Oper Joseph Süß von Detlev Glanert mit einem Libretto mit Motiven nach dem Roman Jud Süß von Lion Feuchtwanger hatte am Samstag Premiere. Die vom Publikum stürmisch gefeierte Produktion ist einer der Höhepunkte in der Amtszeit des scheidenden Staatsintendanten Dr. Ulrich Peters.

Joseph Süß Oppenheimer ist ein sogenannter Hofjude für den Herrscher Karl Alexander von Württemberg. Seine Aufgabe ist es, genügend Geld für den Prunk am Hofe herbeizuschaffen. Normalerweise gehörten diese unverzichtbaren Angestellten dem kaufmännischen Stand an, aber Joseph Süß will mehr. Sein Ehrgeiz ist es, in den Adelsstand erhoben zu werden. Sein Gegenspieler ist Weissensee, Sprecher der Landstände, und damit des Parlamentes, dem eigentlich das Recht zur Steuererhebung zusteht. Süß bringt Weissensee dazu, einen Erlass für eine neue Steuer ohne Zustimmung der Landstände zu unterschreiben und gleichzeitig seine Tochter Magdalena dem Herzog als Geliebte anzubieten. Weissensee verfolgt Süß daraufhin gnadenlos, um sich an ihm zu rächen.

So bringt er den Herzog zu einer Hütte im Wald, in der Süß seine Tochter Naemi verborgen hält. Bei dem Ãœberfall kommt Naemi ums Leben. Joseph Süß ist mittlerweile mit Magdalena zusammen, die ein Kind von ihm erwartet. Der Ertrag aus der neuen Steuer wird dazu verwendet, für die eigentliche Mätresse des Herzogs, die Sängerin Graziella, eine Oper zu bauen und ein Heer auszuheben, dass die protestantische Bevölkerung Württembergs davon „überzeugen“ soll, katholisch zu werden. Doch die Aktion scheitert, der Herzog erleidet einen Schlaganfall und Weissensee lässt Joseph Süß umgehend verhaften. 1330434120_josephsuess,martin,wincent1

Hier setzt die Oper ein: es beginnt mit einer Kerkerszene. Joseph Süß wartet auf seine Verurteilung und schlägt jede Möglichkeit zu seiner Rettung aus. In 13 Szenen wird immer wieder zwischen dem Kerker und und den Ereignissen bis zur Verhaftung gewechselt. Bühnenbildner Peter Sykora nutzt die Drehscheibe, um schnelle Wechsel zu ermöglichen. So begrenzen hohe graue  Stelen mal den Kerker, mal das Schlafzimmer des Herzogs, mal eine Wunderkammer und selbst Naemis Hütte im Wald. Er hat auch die Kostüme entworfen, weiß für alle Mitglieder des Hofes, ländlich-blau-braun für Naemi und schwarz für ihren Erzieher Magus und Weissensee. Joseph Süß selbst ist in königliches Rot gekleidet, eine Farbe, die nochmals verdeutlicht, wie sehr er sich über alle Konventionen hinwegsetzt: kräftige Farben waren dem Adel vorbehalten. Lediglich der Henker mit einer roten Halbmaske, der Richter, der ihn verurteilt, der Strick und der Käfig tragen ebenfalls diese Farbe, die somit auch zu Süß‘ Untergang beisteuert. Die Kostüme siedeln die Handlung im Barock, also dem tatsächlichen Leben von Joseph Süß an.

Regisseur Guy Montavon setzt in seiner Inszenierung auf starke, gewaltige und oft beklemmende Bilder. Dabei gelingt es ihm durch eine hervorragende Personenregie, den Zuschauer mitzureißen in diesen Strudel aus Macht, Sex, Religion und Gewalt. Lediglich auf die Anfangsszene, in der Judenwitze erzählt werden und die wohl hinzugefügt wurde, hätte ich gerne verzichtet. Alles andere ist schon fast genial. Wenn zum Beispiel Naemi aus dem Off oder mit der Drehbühne aus dem Blickfeld bewegend singt, klingt das ätherisch und engelsgleich. Die letzte Szene, in der Joseph Süß hingerichtet wird, ist mit das Berührendste, was ich bisher gesehen habe. Hier hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so gebannt waren die Zuschauer.

Fantastisch waren am diesem Abend auch die Protagonisten. Gary Martin in der Rolle des Joseph Süß begeisterte mit intensivem Spiel und ausdrucksvollem Bariton. Er konnte alle Facetten der Partie ausgezeichnet präsentieren und besonders seine letzte Szene ist Gänsehautmaterial. Thérèse Wincent berührte als vergewaltigte, später liebende Frau mit wunderbaren lyrischen Passagen, aber auch ihre dramatischen Ausbrüche überzeugten. Stefan Sevenich glänzte in der schwierigen Partie des geilen, verschwenderischen Herzogs, seine kräftige Stimme verband sich mit seiner starken Bühnenpräsenz zu einem überzeugenden Rollenporträt. Die junge Mezzosopranistin Carolin Neukamm zeigte eine herausragende Leistung als Naemi. Sie verlieh ihrer Stimme das Sehnen nach dem Vater, es klang einfach perfekt. Die Gäste Mark Bowman-Hester als das Ekelpaket Weissensee und Karolina Andersson als Koloraturen trällernde Graziella fügten sich nahtlos in das hohe musikalische Niveau des Abends ein. Besonders hervorzuheben ist die Leistung von Tobias Scharfenberger, der kurzfristig als Magus einsprang.

1330433867_josephsuess,wincent,sevenich,martin,peters,ensemble1Ein weiteres Glanzlicht wurde durch den von Chordirektor Jörn Hinnerk Andresen bestens einstudierten Chor gesetzt. Die Atmosphäre, die sie mit Gesang und Spiel erzeugten, war fast schon mit den Händen greifbar. Das fantastische Libretto von Werner Fritsch und Uta Ackermann wurde damit bestens umgesetzt. Thomas Peters als Henker konnte zum wiederholten Mal seine Wandlungsfähigkeit und Präsenz unter Beweis stellen und Chor-Solist Florian Wolf gesellte sich passend als Haushofmeister dazu. Genial präsentiert wurde die schwierige Musik von Detlev Glanert zwischen Barockparodie, lyrischen Passagen und dramatischem Ausbruch vom Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Roger Epple.

Das Publikum feierte alle Beteiligten am Ende enthusiastisch. Diese Aufführung zeigt, dass man wirklich keine Angst vor neuer Musik und schwierigem Sujet haben braucht, wenn sie so genial umgesetzt sind. Weitere Termine: 7., 11., 20., 22., 26., 30. März sowie 4 Abende im April. 8€ für Schüler und Studenten am 11. und 30. März sowie für alle Vorstellungen an der Abendkasse. Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

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