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Desperate Housewife der Antike – Händels Barockoper „Semele“ im Cuvilliéstheater

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Die griechischen Göttersagen sind eine der ältesten Seifenopern der Menschheit: Das Personal war bekannt, man musste die Charaktere nicht neu einführen, sondern schrieb einfach eine neue Folge: In Händels Barockoper will die griechische Prinzessin Semele nicht als „desperate housewife“ enden, sondern sie träumt von einer Liebesbeziehung mit dem obersten Gott, Jupiter.

Jupiter ist bekannt dafür, dass er alles vernascht, was nicht bei „Drei!“ auf dem Olivenbaum ist. Insbesondere hat er quasi einen Hang zum Küchenpersonal – will sagen: zu Erdenmädchen, die zwar sterblich sind, aber eine Zeitlang durchaus ihren Reiz haben. Jupiter hört also Semeles Flehen, lässt sich nicht lange bitten und bringt die schöne Maid in ein Liebesnest auf einem Vulkan. Damit fällt die arrangierte Ehe flach. König Cadmus (Holger Ohlmann), der die althergebrachte Ordnung verkörpert, ist verärgert. Semeles Bräutigam, Prinz Athamas, steht herum wie bestellt und nicht abgeholt, während Semele auf Adlerschwingen in den Himmel entführt wird. Semeles Schwester Ino (Ann-Katrin Naidu) wittert Morgenluft; sie hat nämlich schon lange ein Auge auf den Prinzen geworfen.

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Semele lebt fortan im Liebesglück in ihrem Schloss auf dem Vulkan, sämtlicher irdischen Sorgen enthoben, und man denkt unwillkürlich an Goethe: Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. Bei so viel Wohlbefinden muss etwas passieren: Semele will die Unsterblichkeit erlangen. Jupiter versucht, sie abzulenken, mit neuen Kleidern, Taschen, Schuhen – aber so unambitioniert ist sie nun auch wieder nicht. Ihr gelbes Kleid ist geschmückt mit einem Schmetterling, Symbol der Verwandlung.

Der zweite Handlungsstrang ist weniger harmlos: Jupiters Frau Juno schaut bei dieser Idylle nicht lange zu. Gegen diese erfahrene Intrigantin hat die naive Prinzessin keine Chance. Somnus, der Gott des Schlafes (István Kovács), sieht aus wie Edward Scissorhands. Seine Dienste werden benötigt, um die Drachen einzuschläfern, die das Schloss bewachen. Elaine Ortiz Arandes als Götterbotin Iris wuselt Juno immer hinterher, wie ein Hündchen. Juno verkleidet sich und redet Semele ein, sie solle Jupiter um Unsterblichkeit bitten – denn sie weiß: das ist endgültig zuviel verlangt.

Der Jupiter gefiel dem Publikum in der Zweitbesetzung besser als in der Erstbesetzung, und zwar gleich aus zwei Gründen: Adrian Strooper sieht aus wie Gottes Geschenk an die Frauenwelt, und er hat eine sehr schöne Tenorstimme. Außerdem passt er ganz wunderbar in das Klischee von Jupiter, dem jugendlich-feurigen Liebhaber, der sich Semele nur als Mensch zeigen darf und nicht als Gott. Als die Prinzessin ihn überlistet und seine wahre Gestalt zu sehen bekommt, verglüht sie, weil kein Sterblicher diesen Anblick ertragen kann.

In der Rolle des Prinzen Athamas konnte man, je nachdem, welchen Abend man gewählt hatte, zwei unterschiedliche Countertenöre hören, beide gefielen mir gut: Franco Fagioli hat den Hang zur glamourösen Geste. An Xavier Sabata beeindruckte mich sein Gespür für das Szenische: Sein Zusammenspiel mit dem Ensemble, insbesondere die Interaktion mit der Prinzessin Ino, die sich in ihn verliebt hat, war großartig. Tatsächlich war die vorletzte Vorstellung für mich die beste aus der Serie, weil die Geschichte wunderbar rund und stimmig im Fluss war. Das ging so weit, dass das Publikum jedenfalls vor der Pause kaum klatschte, weil man hören wollte, wie es weiterging – was die Sänger mit Sicherheit gehörig irritierte. Dass die Zuschauer sehr angetan waren von dieser Produktion, konnte man dann beim Schlussapplaus hören.

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Insgesamt ist dieses Stück von den Stimmen her gut besetzt. Ich habe allerdings speziell im Cuvilliéstheater eine Reihe von Operngängern getroffen, die „schön“ mit „laut“ verwechseln, an kaum einem Sänger ein gutes Haar lassen, für den Dirigenten wegen seines Aussehens schwärmen und höchstens die Sopranistin einigermaßen akzeptabel finden (diese hier ist Weltklasse). Wenn es um Alte Musik geht, darf man nicht vergessen, dass die Stimmen früher leichter und leiser waren; ein Wagner-Sänger wäre bei Händel fehl am Platz.

Ich persönlich finde, es hat einen ganz besonderen Charme, sich eine Inszenierung mehrmals anzuschauen. Obelix weiß, was ich meine, wenn er beim Anblick der x-ten Prügelei auf dem Piratenschiff versonnen zu Asterix sagt: „Ich entdecke jedesmal ein neues Detail“. Komisch sind Szenen übrigens auch, wenn sich nichts ändert: Der Leichnam der Prinzessin wird am Schluss von Trägern herausgetragen.

Das sind im wirklichen Leben alles intelligente, gebildete und übrigens auch sehr gutaussehende Männer. Trotz dieses geballten IQs ist es offenbar nicht möglich, die riesige Schleppe derart aufzufalten und auf dem Frauenkörper zu platzieren, dass sie nicht herunterfällt: Bei jeder Vorstellung wieder wird der glatte Stoff unverdrossen auf die Sängerin gehäuft, rutscht nach ein paar Schritten hinunter und bringt die ganze Prozession zum Schlurfen, damit keiner drauftritt oder drüberfällt und die Sopranistin nicht auf dem Boden landet. Ich halte jedesmal die Luft an, bis sie tatsächlich hinter den Kulissen verschwunden sind…

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Weil das Stammhaus am Gärtnerplatz in großem Stil renoviert wird, ist das gar nicht so abstrakte Konstrukt „Gärtnerplatztheater“ unter seinem Intendanten Josef E. Köpplinger auf Wanderschaft in München, man ist mal hier und mal da zu Gast. Das geht besser als gedacht, vielleicht auch, weil es nicht anders gehen kann; die Abonnenten ziehen mit. Seit dem Intendantenwechsel ist nur noch ein Rumpfensemble da, deshalb bedient man sich unter anderem aus dem Ensemble der Wiener Volksoper. Bei diesem Stück hören wir also Jennifer O’Loughlin (Semele) und Adrineh Simonian (Juno), zwei großartige Sängerinnen.

Das Englisch ist zwar altmodisch, aber akustisch sehr gut verständlich: da hat der Sprachcoach ganze Arbeit geleistet. Der Chor des Gärtnerplatztheaters ist hervorragend – bis auf die Passage, wo sie den Dirigenten nicht sehen können. Das Barock-Orchester unter seinem ausgezeichneten musikalischen Leiter Marco Comin ist mit Verve dabei. „Semele“ klingt so heiter wie die „Wassermusik“. Diese Serie war im Handumdrehen ausverkauft. Es ist sehr gut möglich, dass diese nette Inszenierung der österreichischen Regisseurin Karoline Gruber in den nächsten Jahren wieder aufgenommen wird. Dann lohnt sich ein Besuch, um zu hören, wie frisch Alte Musik klingen kann.

Fotos © Thomas Dashuber

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