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„Besonders erstrebenswerte Dinge gehen oft mit erheblichen Risiken einher“

Leonie Meltzer

Leonie Meltzer

Her mit den Wörtern, den großen der Zeit, den prägenden, die jeden betreffen und über die wir diskutieren. Angst, Hass, Liebe, Mut? "Wieso, weshalb, warum?", frage ich mich und fange eure Münchner Stimmen ein über all jene Wörter, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen.
Leonie Meltzer

Dieses Jahr lerne ich Tauchen und vertiefe mein Französisch, reise um die Welt, bin mutiger, probiere Parasailing aus, verlasse meine Komfortzone, um dann irgendwo am Strand zu liegen und zu denken „Ach, wie schön ist“… Naja, oder so ähnlich. Die guten Vorsätze und der Wille waren am Anfang des Jahres zumindest da.

Wie viele Risiken bin ich bis dato eingegangen, um die guten Vorsätze zu realisieren?

Risiko – ein großes Wort, aber eigentlich setzen wir uns doch jeden Tag Risiken aus, oder? Ich habe mit dem Risiko-Experten Eric Eller von der LMU gesprochen und ihn unter anderem gefragt: Wieso kostet es eigentlich so viel Überwindung, ein Risiko einzugehen?

„Das Problem ist, dass wir für Unsicherheiten keine Statistik haben“

Laut Duden ist ein Risiko ein „mit einem Vorhaben verbundenes Wagnis, möglicher negativer Ausgang bei einer Unternehmung, Möglichkeit des Verlustes, Misserfolges“.

Für Eric Eller ist diese Definition zu einfach: „Risiko ist ein vielschichtiges Konstrukt und wird entsprechend aus vielen Perspektiven und in zahlreichen Kontexten untersucht“, erklärt er. In der Psychologie stelle man sich beim Zugang zur Risikoforschung vor allem die Frage, wie Menschen und Organisationen Risiken wahrnehmen und wie sie erfolgreich mit diesen umgehen können.

Dabei sei auch die Unterscheidung zwischen Risiken und Unsicherheiten wichtig: „Bei einem Risiko weiß ich, was passieren kann und auch, wie wahrscheinlich das ist. Als Hausbesitzer weiß ich beispielsweise genau, mit welchem Schaden ich bei einem schweren Sturm rechnen muss“, erklärt Eller. Schwieriger verhalte es sich mit Unsicherheiten, bei denen sowohl die möglichen Auswirkungen als auch die Wahrscheinlichkeiten dafür unbekannt sein können: „Das Problem ist, dass wir für Unsicherheiten keine Statistik haben“.

„Bei Risiken, die besonders spektakulär und deshalb stark medienpräsent sind, wird das zum Problem“

Auch hänge die Schwere eines Risikos davon ab, wie medienwirksam es ist oder nicht. Sie werde oft danach beurteilt, wie leicht man sie sich vorstellen kann. Risiken, die besonders spektakulär und deshalb stark medienpräsent sind, werden zum Problem:

„Risiken wie Terroranschläge oder Flugzeugabstürze kann ich mir sehr gut vorstellen, da ich schon viel darüber gelesen und gesehen habe. Deshalb werden derartige Gefahren stark überschätzt. Auf der anderen Seite werden weniger spektakuläre Risiken, wie zum Beispiel Gefahren im Haushalt oder Krankheiten wie Diabetes, über die weniger gesprochen und geschrieben wird, häufig unterschätzt.“

Die Menschen haben vor Risiken mehr Angst, die vom Menschen ausgehen, als vor solchen, die die Natur verursacht.

„Es wird zum Beispiel eher überschätzt, dass ich beim Wandern überfallen werden könnte und eher unterschätzt, dass ich von einem Unwetter überrascht werden könnte.“

Risiken managen – so geht’s:

Wo will ich hin? Diese Frage sollte laut Eller an erster Stelle stehen. Erst dann kommen die Fragen, was dabei passieren kann und wie ich darauf reagieren kann. Ein Risiko einzugehen fängt aber schon bei den kleinen Dingen an und muss nicht zwangsläufig mit Gefahren einhergehen.

„Wenn mich der Ausblick vom Gipfel nicht glücklich macht, brauch’ ich auch nicht auf den Berg zu steigen. Wer also Glück und Zufriedenheit im Ungefährlichen findet, braucht auch weniger Risiken einzugehen, um glücklich zu sein.“

Wichtig bei der Einschätzung einer Risikosituation sei im ersten Schritt vor allem „eine möglichst ganzheitliche Betrachtung der jeweiligen Situation“. Sprich: man verschafft sich ein klares Bild darüber, in welcher Situation man sich genau befindet, welche Personen betroffen sind und Einfluss nehmen könnten. Und dann noch darüber, was man selbst tun kann, das die eigenen Einschätzungen und das eigene Handeln beeinflusst.

Eric Eller ist 29 Jahre alt und studierte an der LMU Psychologie mit dem Schwerpunkt Risikowahrnehmung.  Seit vier Jahren arbeitet er beim Rückversicherer Munich Re. Außerdem promoviert er derzeit am Lehrstuhl für Sozialpsychologie und am Risikolabor der LMU zum Thema Risikowahrnehmung.

„No risk no fun“ – stimmt das nun?

„Ich denke ja. Wenn ich morgens aufstehe und meinen Tag starte, kann ich nie mit Gewissheit sagen, was passieren wird – und das ist, denke ich, auch gut so. Ich würde auch behaupten, dass besonders erstrebenswerte Dinge häufig mit erheblicheren Risiken einhergehen: Je größer das Haus, das ich baue, desto größer die damit einhergehenden Risiken.“

Mein Fazit:

Ob man nun in Mäuseschritten, gut geplant die guten Vorsätze langsam aber sicher umsetzt, indem man die Risiken überblickt, oder sich auch einfach mal in das Abenteuer stürzt – im Hinterkopf sollte man die Frage behalten: „Wo will ich hin?“, schließlich hat schon Vincent van Gogh gesagt: „Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren.“

 

Eine Kolumne der großen Wörter.


Beitragsbild: ©Adam Walker via Unsplash
Foto Eric Eller: ©Arvid Uhlig

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