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Cabaret ohne Liza Minnelli

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Das weltberühmte Musical Cabaret in der Inszenierung des Gärtnerplatztheaters, auf die Bühne gebracht in der Reithalle. Die Solisten waren großartig, die Musik war super, die Tänzer ganz toll. Warum also war der Sex dann trotzdem so schlecht? Kann ein Abend, der so anfängt, noch was werden? Ja, erstaunlicherweise geht das.

Also, beim Thema Sex werden die Leute ja gerne irgendwie eigen. Auf der Premierenfeier fielen Wörter wie „ordinär“ und „vulgär“. Der Intendant warf sich heroisch für seinen Regisseur in die Bresche und verteidigte das demokratische Grundrecht, mit langweiligem Gruppensex zu schockieren. Wo er recht hat, hat er recht, bei gefühlten zwanzig Stunden schlechtem Rasenmähen würde sich ja auch keiner aufregen. Von mir aus. Vielleicht sollte ich der Genauigkeit halber erwähnen, dass alle Darsteller immerhin einigermaßen korrekt bekleidet waren und blieben? Die abgefuckte Atmosphäre in dem billigen Kit-Kat-Club war so emotionslos wie in einem Billigporno. Das soll sie auch sein, ich weiß schon. Aber gleich so lange?

Ich hatte auf die Faszination des Verruchten gehofft, und ich bekam sie dann tatsächlich auch noch: Markus Meyer als Conferencier war genial, mit spöttischem Blick und einem mokanten Grinsen in seinem weißgeschminkten Gesicht; ein Darsteller, der die punktuellen Schwächen der Inszenierung sogar dann überspielen kann, wenn er eigentlich Grippe hat. Die Faszination des Bösen kam nur teilweise rüber, auch wenn Jens Schnarre als NS-Mann wirklich sehr gut war. Vielleicht ist das aber in unserer Zeit nicht mehr so einfach zu vermitteln: Aus heutiger Sicht ist die erotische Komponente, die damals bei Adolf Hitler und seiner NS-Inszenierung mitschwang, völlig unverständlich, um nicht zu sagen: lächerlich.
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Gesungen war es wirklich gut, das ist ja bei Musicals sonst gerne ein heikler Punkt. Nadine Zeintl in ihrer Rolle als viertklassige Kabarettsängerin Sally Bowles singt und spielt sich die Seele aus dem Leib, aufgedreht und überkandidelt, ein Derwisch mit Smokey Eyes und einer tollen Stimme. Die enorme Anstrengung merkt man ihr nicht an. Eine enorme Bühnenpräsenz der ganz anderen Art zeigt Dominik Hees, der den amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw darstellt: Er verfällt nicht der Versuchung, zu übertreiben, sondern spielt seine Rolle etwas zurückgenommen. Julia Leinweber als leichtes Mädchen hat eine hinreißende Ausstrahlung und eine schöne Stimmfärbung. Gisela Ehrensperger (Bayerische Kammersängerin) und Franz Wyzner (Bayerischer Kammerschauspieler) als Fräulein Schneider und Herr Schultz zeigen ganz nebenbei, dass Qualität auf der Bühne keine Frage des Alters ist. Alex Frei spielt nicht nur den Nachtclub-Betreiber Max, sondern auch die Traumfrau des Conferenciers. Schönheit liegt natürlich im Auge des Betrachters, aber ich habe ihn auch schon mal als meine Traumfrau auf der Bühne gesehen… der Mann ist richtig gut, und singen kann er auch.

Im zweiten Teil wird es dann verdächtig ruhig, Sally kann tatsächlich ein paar klare Gedanken fassen. Sie ist schwanger, Cliff ist happy, dass ein Baby seinem Leben endlich einen Sinn gibt, und beide träumen davon, ein braves und langweiliges Leben zu führen. Spießig werden ist aber nichts für Weicheier; Sally kann damit auf Dauer nicht umgehen. Cliff will mit ihr vor dem Nazi-Unwesen in die USA fliehen, aber sie möchte ihre „Karriere“ in dem versifften Nachtclub fortsetzen. Diesen Wunsch nach Eigenständigkeit und Selbstverwirklichung bezahlt sie mit einer Abtreibung, und die Szene, wo sie vom Arzt kommt, sich am Stuhl festhält, um nicht zusammenzuklappen, und einen Gin hinunterschüttet, gehört zu den stärksten Momenten des Abends. Cliff hat jetzt endgültig kein Verständnis mehr für ihre Kapriolen. Er versucht noch, ihr die Bedrohung durch die Rechtsradikalen begreiflich zu machen. „Aber was hat das mit uns zu tun?“, fragt Sally verständnislos.

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Diese Ignoranz hat Europa damals teuer bezahlt. Wenn wir mal persönlich werden wollen: Auf dem Bauernhof meines Urgroßvaters gab es zu der Zeit zwölf junge, kräftige Männer, und nur zwei von ihnen kehrten aus dem Krieg zurück. Mitläufer, Jasager, Kleinstprofiteure halfen mit, die Lawine loszutreten, die auch die meisten von ihnen in den Abgrund riss. Und was sagte meine Freundin dazu, im Gegensatz zu mir eine Zeitzeugin? „Meine HJ-Uniform war schöner.“ (Sie bezog sich auf Felix Nyncke, der einen Hitlerjungen darstellte und hervorragend sang.) „Das war keine schöne Zeit.“ „Ich glaube, ich rufe mir ein Taxi.“

Das Musical „Cabaret“ läuft noch bis einschließlich 28. Februar 2013 in der Reithalle (Heßstraße 132), dann wieder 1.-10. März 2013 und 18.-27. Juli 2013 (nahezu täglich).

Altersempfehlung: ab 14 Jahre.

Fotos © Christian Zach

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