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Da bekommste was für dein Geld: Die Brasserie Colette Tim Raue im Glockenbach

Im April 2018 war ich in Schweden in einem Restaurant essen. Dort ist das Essen teuer, schon klar. Und dennoch sitzen alle in Pullis und Jeans und verspeisen kleine Kunstwerke, als wäre es das normalste der Welt. Keine übermäßig Geschminkten, keine Anzugaffen, keine Showoffs – nur bodenständige Wertschätzung für Handwerkskunst aus der Küche. Und obwohl ein Blick auf die Preise in der Speisekarte bei mir leichten Schwindel auslöst, ist es das wert, denk ich mir, und nehme den ersten Bissen.

Und in München?

In München sieht es ungefähr so aus: für ein Steak vom Argentinischen Rind gibt man in Foodtempel-Ketten gern und schnell 40 Euro aufwärts aus. In Restaurants, die auf Sterneniveau kochen, traut man sich jedoch nicht wirklich. Zu überheblich, zu chichi, zu teuer, könnte man meinen, wäre da nicht dieser essenzielle Denkfehler, der den Deutschen anheftet, wie zäher Kaugummi am Schuh.

Billig und viel soll es sein und satt soll es machen. Was da auf dem Teller landet oder woher es stammt, ist erst einmal zweitrangig. Wenn man auf beides jedoch Acht gibt und gehobene Küche schätzt, dann sollte man in München die Brasserie Colette in der Klenzestraße besuchen.

 

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Was ist dir wirklich gutes Essen wert?

Seit 2015 sitzt im Gebäude des Tertianum, einer Premium Residenz für alte Menschen, schräg gegenüber vom Couch Club, die Brasserie Colette Tim Raue. Den Sternekoch aus Berlin kennt man nicht nur wegen seiner preisgekrönten Berliner Restaurants, sondern auch aus mehreren TV-Shows und einer Netflix-Folge von Chefs Table. Er ist so etwas wie das enfant terrible der gehobenen Küche. Scharf und schrill, so lauten die Vorwürfe. Alles eine Frage des Fokus, so Raue und kombiniert asiatische, reine Aromen erstmals mit Altbekanntem aus der französischen, gehobenen Wirtshausküche.

Sein Restaurant in Berlin wurde mit zwei Sternen von Gault Millau 2012 ausgezeichnet. Es gehört zu den 50 besten Restaurants der Welt. Die Brasserie Colette in München wurde indes mit einem Michelin Bib Gourmant ausgezeichnet, dort kocht seit Juli 2018 Matthias Roth.

Diese Auszeichnung bedeutet, dass das Restaurant in der Klenzestraße für sein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis ausgezeichnet wurde.

Guide Michelin formuliert es so: Genuss für bis zu 37 Euro: sorgfältig zubereitete Produkte, eine moderate Rechnung, eine frische Küche mit exzellentem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Will: Ein kaiserlicher Restaurantleiter

Der Schwabinger Wilhelm Ketteler arbeitet in der Brasserie als Restaurantleiter. Während es in den Raue Restaurants in Berlin auch einmal völlig normal ist, dass Kellner Jeans tragen, wird in München meist immer noch ein gewisser Aufzug erwartet, meint der 33-Jähirge Restaurantleiter. Zu leger soll es nicht sein, man geht schließlich nicht immer so schick essen. Es soll ein Erlebnis sein.

Schade eigentlich, denn das Erlebnis findet definitiv auf dem Teller in Form von Handwerkskunst aus der Küche statt. Da ist doch der Aufzug des Personals – solange das gepflegt ist – egal, oder? Was bei einem Restaurantbesuch viel wichtiger ist, ist doch die Freundlichkeit des Personals und die Atmosphäre.

Zwischen Vintage-Atmosphäre und Bistro-Flair

Und für beides wird und wurde im Colette gesorgt. Wir nehmen an diesem Abend auf einer Lederbank Platz, die restaurierten Holzbänke aus einem alten, französischen Zug gegenüberstehen. Perserteppiche, Bistrotische aus Marmor, genauso wie der Windfang aus Eisen und Glas sorgen für einen stilvollen Eindruck. Will und sein Team beraten uns an diesem Abend sehr sympatisch und freundlich.

Clubsandwich. Hummer,Cocktailsauce, Brioche

Das Clubsandwich mit Cocktailsauce, Hummer und Brioche.

Auf der Speisekarte erwartet uns ein saisonales 3-Gänge Menü, das mit 49 Euro (ohne Weinbegleitung) für die Qualität durchaus preiswert ist. Natürlich kann man auch a la Carte bestellen. Dort erwarten einen Colette-typische Vorspeisen, wie die Garnele Marocain für 16 Euro und Hauptgerichte, wie das Steak Frittes ab 32 Euro. Wenn es fischig bleiben soll, ist der Pulpo mit Kalbskopfsoße, Sauce Bernaise und Topinambur die erste Wahl. In völlige Food-Extase geraten wir als Will uns den Nachtisch Birne Helene vor die Nase stellt.

Mit dem Rad zum Sterne-Restaurant, anstatt mit dem dicken Auto zum Discounter

Vor Jahren schrieb die SZ darüber, dass man nun in München langsam anfängt – zwar mit vorgehaltener Hand, aber immerhin – davon zu erzählen, dass man am Wochenende so richtig fein Essen war. Natürlich ist das immer eine Budget-Frage und eine Frage der Prioritäten. Wer allerdings für den zwölften Pulli 50 Euro ausgibt oder für ein Massentierhaltungs-Steak gerne 40 Euro springen lässt, der könnte sich genauso gut in der Brasserie Colette etwas richtig Gutes gönnen. Dort wird nämlich saisonal gekocht und nachhaltig eingekauft. Und man wird wirklich freundlich bedient, finden wir.

Bon Appetit!


In aller Kürze:

Brasserie Colette Tim Raue 

Klenzestraße 72
80469 München

 Telefon 089 – 230 02 555
Öffnungszeiten Montag bis Sonntag 18 bis 23 Uhr


Zu meinem zweiten Besuch in die Brasserie Colette Tim Raue wurde ich eingeladen. Die Einladung beeinträchtigt nicht meine freie Meinungsäußerung.

Fotos: Yves Sucksdorff (Beitragsbild), Nils Hasenau

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