Kultur, Live

DANCE 2015: Peeping Tom und L-E-V

Sebastian Huber

studiert literatur in münchen und schreibt seit 2014 für mucbook.de und mucbook print.

QVIS CUSTODIET IPSOS CVSTODES
Sebastian Huber

Unser Autor hat ‚The Land‘ von Peeping Tom und ‚House‘ von L-E-V auf dem Dance Festival München besucht. Hier fasst er seine Eindrücke aus den beiden Vorstellungen zusammen.

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Das Cuvilliés-Theater. Foto von Sebastian Huber.

Das Cuvilliés-Theater ist ohne Frage eine imposante Kulisse, war für die Vorstellung ‚The Land‘ der Gruppe Peeping Tom aber wahrscheinlich nicht die perfekte Bühne.
Auch wenn der aristokratische Glamour des überladenen Rokokotheaters das Publikum erst einmal in Staunen versetzt, war die Architektur des Raumes während des Stückes eher störend für eine Vorstellung, bei der man sich stark auf das Bühnengeschehen einlassen muss.

Wie Adorno sagte, ist jedes Kunstwerk der Todfeind des anderen und duldet so kein weiteres neben sich. In diesem Sinne war das Cuvilliés-Theater zu sehr selbst Kunstwerk, als dass es Peeping Tom eine angemessene Plattform hätte bieten können.

Zusätzlich war es etwas schade, dass die Organisation Schwierigkeiten beim Einlass und Kartenverkauf hatte, so dass die Vorstellung erst verspätet starten konnte.

THE LAND/Residenztheater

© Andreas Pohlmann.

Das Stück selbst war unheimlich fesselnd und beschrieb in einer Art Tanztheater die Geschichte einer Kindesentführung auf dem Land, die auf ungemein kluge Art mit den restlichen Erzählsträngen des Stückes verflochten wurde. Indem die schrill sprechende Mutter des später entführten Mädchens den stummen, fast kuhhaft-apathischen Landbewohnern gegenübergestellt wurde, manifestierte sich eine im Verlauf des Stücks immer stärker werdende bipolare Struktur: Stadt wurde Land gegenübergestellt, parallel dazu wurden zwei Pole von Sprechen und Stummsein aufgebaut, die sich mit dem Kontrast zwischen neurotischem Handeln der Stadtmenschen und nahezu völliger Apathie der Landbevölkerung deckten.

Ein weiteres, vor allem von theoretischer Seite interessantes Thema war das Leitmotiv des Bildes, das sich durch das ganze Stück zog. Scheinbar selbst in der Tradition romantischer Landschaftsdarstellung agierend, schien Peeping Tom wie die großen romantischen Maler, die Landschaft nicht nur als sich selbst gelten zu lassen, sondern gleichzeitig zu einer Ebene der Darstellung des psychischen Lebens zu erklären.

In dieser Verflechtung der verschiedenen Deutungsebenen war das Stück großartig und brillierte in seinen mal vertrauten, mal surrealen Darstellungen.

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© Christopher Duggan. Courtesy of Jacobs Pillow.

House der israelischen Gruppe L-E-V war anders als Peeping Tom sehr stark auf den Tanz als mittel künstlerischen Ausdrucks fokussiert. Zu Beginn des Stückes tanzte die in schwarz gekleidete Choreografin, die den ersten Teil einleitete. In ihm bewegten sich die weiß gekleideten Tänzer organisch und archaisch anmutend, fanden in der Gruppe zu einer Form und lösten sich wieder voneinander. Im zweiten Teil waren einige der Tänzer schwarz gekleidet und die Handlung in der Gruppe trat in den Hintergrund. Das war etwas schade, weil die Handlung der Tänzer als Gruppe ästhetisch am interessantesten war und sich in der Vereinzelung der Performer wenig Spannung entwickelt hat. Daran mag es auch gelegen haben, dass der zweite Teil bis auf einige Momente weitgehend dahinplätscherte und er nicht die Energie vermitteln konnte, die der erste und schließlich auch der dritte Teil in sich trugen. Dieser wurde schließlich mit den komplett in schwarz gekleideten Performern eingeleitet, im Vergleich zum Anfang war ihr Tanzen ein technisches, modernes, das bisweilen an Revue-Tanz erinnerte, dessen Naivität jedoch durch eine dunkle Utopie zu ersetzen schien.

In meiner Interpretation steht die Veränderung in der Kleidungsfarbe der Performer symbolisch für die Veränderungen ihrer Bewegungen, die Choreografin als Verkörperung der Institution tänzerischer Technik trifft auf eine sich noch unreflektiert, organisch bewegende Gruppe, sie ‚infiziert‘ sie mit dem Konzept des Technischen und wird schließlich nicht mehr gebraucht, als sich die Gruppe im dritten Teil technisch selbst fortentwickelt hat.

Festzuhalten ist schließlich, dass beide Stücke, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, auf ihre eine Weise ihren Beitrag zu einer Idee beigetragen haben, was Tanz aktuell und in Zukunft sein kann.

Vielen Dank für die schönen Abende.

DANCE FESTIVAL MÜNCHEN 2015

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