HOWL / Marstall
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„Die besten Köpfe einer Generation“ – „Howl“ im Residenztheater

Als das Gedicht „Howl“ des damals noch jungen Beatnik-Poeten Allen Ginsberg 1956 in Lawrence Ferlinghetti von City Lights Book einen Verleger findet, bringt das beide erst einmal ziemlich in Schwierigkeiten. Das Gedicht sei obszön, pornografisch und ohne gesellschaftlichen Wert, urteilt die anklagende Staatsanwaltschaft. Ferlinghetti wird vorübergehend eingesperrt. Ein Polizist hatte den Gedichtband „undercover“ gekauft, ein christlich-fundamentalistisch geprägtes Bürgertum klagt eine junge Generation stellvertretend an.

Der anschließende Prozess, der mit einem Freispruch für den Verleger endet, darf als wegweisendes Urteil für die Kunst- und Meinungsfreiheit in den Vereinigten Staaten gelten. Allen Ginsberg macht das schlagartig im ganzen Land bekannt.

Ein Gedicht, das für Furore sorgt

Heute ist es kaum denkbar, dass ein paar vermeintlich unchristliche Anspielungen (Drogenkonsum, Homosexualität) für einen solchen Aufruhr sorgen. Heute muss man wirklich schwerere dichterische Geschütze auffahren, um noch so etwas wie Empörung hervorzurufen (Nicht wahr, Herr Böhmermann?!).

Dabei lebt „Howl“ keinesfalls von seiner Obszönität, insofern man das dem Gedicht überhaupt attestieren kann. Zumindest ist sie kein Selbstzweck. „Howl“ atmet einen wahrhaftigen Geist, ist seinerseits Anklage an eine Gesellschaft, die langsam am Übergang zum entwickelten Spätkapitalismus steht und gerade zwei Weltkriege erlebt hat. Es ist eine hoffnungslose, triste Bestandsaufnahme und endloser Glaube an das Gute und Ewige zugleich.

Die Geschichte der Beatniks (auch ein paar von Ginsbergs engen Freunden sollten es bekanntermaßen zu Weltruhm bringen) ist inzwischen weitestgehend auserzählt, auch wenn sie doch immer wieder von neuen Generationen erschlossen wird. Gern gesehene Gäste sind zum Beispiel die Literaturhelden der geschlagenen Generation momentan auch an den Münchner Theatern.

Von Untergrund-Literaten und Jazzbegeisterten

In den Kammerspielen läuft derzeit eine Adaption von Jack Kerouacs On the Road, am Residenztheater wurde am Samstag „Howl“ aufgeführt. Die Premiere im Juni liegt etwas zurück, im Oktober und November gibt es allerdings noch zusätzliche Vorstellungen. Protagonistin am Residenztheater ist Bibiana Beglau, die das Stück ganz alleine stemmt. In der knapp einstündigen Vorstellung wird sie lediglich durch eine musikalische Samplingmaschine (Umsetzung durch Flo Kreier und Johannes Oberauer), eine dezente visuelle Inszenierung und Ginsbergs Sprachgewalt unterstützt.

„Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich im Morgengrauen durch die Negerstraßen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze.“

Oft zitiert ist dieser Anfang von Howl und er sagt eigentlich schon ziemlich viel über das Stück und die Lebenswelt der Untergrund-Literaten von damals. Er zieht einen augenblicklich in seinen Bann und lebt von der Intonation und dem Duktus fast genauso stark, wie von seinem Inhalt.

Die Jazzbegeisterung der Beatniks hat seine Spuren auch in deren poetischen Erzeugnissen hinterlassen. An diesem Samstag wird „Howl“ dabei in einen interessanten musikalischen Kontext gestellt, als Jimi Hendrix‘ Interpretation der amerikanischen Nationalhymne aus den Lautsprechern erklingt – der Held der Gegenkultur aus einer späteren Generation.

Beglau tanzt dazu auf dem kleinen Tisch, vor dem sie bis dato weitestgehend sitzt und von dem aus sie Ginsbergs‘ Gedicht in der Übersetzung von Carl Weissner rezitiert. Sie tanzt am Abgrund, der zugegebenermaßen auf der Bühne nur einen guten Meter beträgt.

Lässig raucht sie eine Kippe und spricht die Männer an den Reglern hinter den Kulissen auf der Empore an: „Ich will noch ein bisschen tanzen, macht nochmal den schönen Übergang von Licht und Musik“. Bruch mit dem Charakter. Die Inszenierung bekommt an dieser Stelle kurz einen leicht surrealen Touch, der fast schon an David Lynch erinnern mag.

Mit der „Heiligsprechung“, der sogenannten Fußnote von Howl, endet das Gedicht wie auch die Inszenierung:

„Die Welt ist heilig! Die Seele ist heilig! Die Haut ist heilig! Die Nase ist heilig! Zunge und Schwanz und Hand und Arschloch heilig! Alles ist heilig! Alle sind heilig! Überall ist heilig! Jeder Tag ist in Ewigkeit! Alle sind Engel!“.

Unter minutenlangen Applaus verbeugt sich Bibiana Beglau anschließend vor dem Publikum, kommt mehrmals auf die Bühne, die eigentlich nur ihr Stuhl und der Tisch sind, zurück und springt abschließend mit beiden Füßen noch einmal auf eine amerikanische Flagge. Der getretene amerikanische Traum? Ginsberg hat ihm ein Denkmal gesetzt, ihn in seiner Abgründigkeit wie in seiner Potenz gezeigt und wurde zuletzt ein Teil dieses Mythos‘.

Fazit

Die Vorstellung von „Howl“ am Residenztheater war weder besonders spektakulär noch prätentiös inszeniert. Die Protagonistin schafft es, die Spannung im Raum zu halten – alle Augen sind ja eine ganze Stunde nur auf sie gerichtet.

Gewöhnungsbedürftig ist für viele Rezipienten wohl die deutsche Übersetzung, dürfte doch auch hierzulande das Original bekannt sein. So dringlich und nervenaufreibend wie in den 1950er Jahren ist die inszenierte Lesung von „Howl“ nicht. Kann sie natürlich nicht sein.

Beglau verarbeitet dies in ihrer Performance durch eine dezente Prise Humor und Selbstironie an vereinzelten Stellen. Die anachronistische Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, die dem Werk inne wohnt, wird darüber hinaus glaubhaft verkörpert. Eine gelungene Vorstellung!

 

Weitere Termine sind am Donnerstag 19. Oktober, Miittwoch 15. November und Mittwoch 22. November im Residenztheater. Der Beginn ist jeweils um 20 Uhr – man sollte auf jeden Fall pünktlich sein. 


Beitragsbild: Konrad Fersterer

Bild: ©  Mathieu Verrault

 

Florian Kraus

Für MUCBOOK unterwegs in der Stadt, meist wenn's um Kultur oder Politik geht.
Florian Kraus
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