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Macbeth mal episch – wie die Kammerspiele Shakespeare wiedererwecken wollen

Fiona Rachel Fischer

Gucken. Zuhören. Reden. Mich Zeigen. Und vor allem Schreiben. Ein bisschen zu viel nachdenken und immer das Außergewöhnliche jagen.
Fiona Rachel Fischer

„Egal wie oft man Macbeth spielt, es wäscht nicht das Blut von den Händen.“ – so die Schauspieler*innen auf der Bühne über ihr Stück.

Aber halt! Bei dieser Inszenierung muss man genau aufpassen, wo Shakespeares berühmtes Drama beginnt und wo Amir Reza Koohestani ein eigenes Schauspiel um Macbeth herum inszeniert, nämlich eine probende Theatergruppe, eine Woche vor der Premiere ihrer Version dieses Klassikers. Bereits der Beginn der Aufführung mit einer Warnung der ersten Reihe vor Flecken durch Kunstblutspritzer lässt das Publikum daran zweifeln, wie ernst das alles gemeint sein kann, doch schnell wird klar: es handelt sich hier um eine Uminterpretation von Shakespeare in episches Theater.

Episch und modern: Macbeth hier und heute

Schauspieler*innen bei der Probe – oder eigentlich bei der Aufführung!

Das Ziel dieser modernen Theaterform ist es, das Publikum daran zu hindern, zu tief in das Stück einzutauchen, sondern eine gewisse kritische Distanz zu wahren und über das Gesehene zu reflektieren. Ein besonderer Kniff ist hierbei, immer wieder deutlich zu machen, dass es sich bei den Menschen auf der Bühne ausdrücklich um nichts weiter als Schauspieler*innen handelt. Mit dem Rahmen einer Schauspielprobe, die die Szenen aus Macbeth in dieser Inszenierung der Kammerspiele bekommen, ist dieser Trick bis ins Äußerste durchgeführt und gelungen.

Hätte Shakespeare diese Umkrempelung seines Dramas gefallen? Zumindest kann man sagen, dass auch in einigen seiner Stücke sich die Dramenfiguren in ihren Prologen als Rollen und Schauspieler selbst demaskieren. Außerdem findet sich in seinen Werken oft auch ein „Stück im Stück“.

Allerdings ist nicht mehr viel vom Charakter des Originals übriggeblieben. Macbeth ist witzig und die Tragik spielt sich mehr in den ewigen Streitereien der Menschen auf der Bühne ab, als zwischen dem bekannten mörderischen Königspaar. Durch Nebel, schattenjagende Projektionen, Musik und Mantras wird zwar immer wieder eine wirksame Atmosphäre erzeugt, doch dank (oder leider aufgrund) der stark entfremdenden Elemente epischen Theaters hält sich diese Stimmung nicht völlig und schafft es dadurch kaum, sich zu steigern. Stellenweise scheint diese Inszenierung nahe an die Grenze zu kommen, an der Kunst zu sehr mit ihren Betrachter*innen spielt, um noch als solche verstanden zu werden.

Die Macht der Sprachen und was sie mit Macbeth zu tun hat

Totgeredet: König Duncan und die spitzzüngige Lady Macbeth

Dennoch schafft es diese Neuinterpretation, das Interesse der Zuschauer*innen zu halten und sich einen riesigen Applaus zum Abschluss zu sichern: die Macht der Sprache, die bei einer Bühnendiskussion zwischen den Schauspieler*innen zur wichtigsten Kraft der Lady Macbeth erklärt wird, ist als das leitende Motiv der Inszenierung ein geistreicher Twist und gibt während der ganzen Aufführung Rätsel auf.

Die Darsteller*innen unterhalten sich teilweise auf betont gebrochenem Englisch und spielen die Shakespeare-Szenen auf Deutsch. Doch richtig ausgelastet werden die über dem Geschehen thronenden Übertitel, als sich arabische, französische und Farsi-Dialoge über die Bühne jagen. Dieses Sprachengemisch holt den Klassiker in die Gegenwart und problematisiert sowohl Weltgeschehen als auch Integration, Abgrenzung und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Kulturen.

Ganz nebenbei bietet dieses hin- und herspringende Treiben dem Publikum einen Blick darauf, welche Möglichkeiten und Grenzen die Theaterbühne bietet. Der vorgehaltene Spiegel zeigt klar: all diese fremden Sprachen, all die Ironie hätte man in einer Aufführung von Shakespeares Macbeth einfach nicht erwartet. Das metaphorische und tatsächliche Blut lässt sich nicht von den Händen der Gesellschaft waschen, auch nicht mithilfe von Kunst und Theater. Das Leben findet außerhalb des Stückes statt, in dem Aufeinandertreffen von Menschen, Ansichten und Kulturen, wie in der Rahmenhandlung der probenden und streitenden Schauspieler.

Der Fluch unserer modernen Gesellschaft

Episch: Gesang und Projektionen zwischen Witz, Ironie und Sprachgewusel

Was dem Publikum gezeigt wurde, ist kaum noch das, was auf der Eintrittskarte steht, nämlich eine Inszenierung von Shakespeares Macbeth. Es ist lediglich daran angelehnt und orientiert, davon inspiriert und damit auf seine eigene Weise ordentlich umgesetzt. „Das ist ein verfluchtes Stück“, sagt einer der Darsteller in seiner Rolle als Schauspieler mehrfach und damit scheint er recht zu haben: Denn auf diesem Macbeth lastet der Fluch unserer modernen Gesellschaft mit all ihren verschiedenen Stimmen, Sprachen, Erwartungen und Sichtweisen – und dafür ist es verflucht gelungen.


In aller Kürze:

Was? MacBeth nach William Shakespeare – von Amir Reza Koohestani

Wann? Letzte Vorstellung am Montag, 04. November 2019, 20 Uhr

Wo? Kammerspiele München, Maximilianstraße 26, 80539 München

Wieviel? Karten ab 10 EUR zzgl. Gebühr


Bilder: © Thomas Aurin

1Comment
  • Rainer Ostendorf
    Posted at 17:32h, 14 November

    Vielen Dank für den interessanten Arktikel. Es lebe das Theater! Schöne Grüsse aus Osnabrück

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